{"id":2156,"date":"2018-04-24T16:12:17","date_gmt":"2018-04-24T14:12:17","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=2156"},"modified":"2018-04-24T16:12:17","modified_gmt":"2018-04-24T14:12:17","slug":"heil-abgeschlossen-kontroverse-ueber-schild-am-zollamt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=2156","title":{"rendered":"Heil abgeschlossen: Kontroverse \u00fcber Schild am Zollamt"},"content":{"rendered":"<p>Am Zollamt soll eine Tafel mit einer Kurzinformation aufgeh\u00e4ngt werden. Das Schild wird allerdings nur neugierig machen. <!--more--><br \/>\nDie unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen und Kontroversen rund um das umstrittene 50er-Jahre-Relief \u00fcber dem Eingang erfordern mehr Platz: Sie sollen deshalb unter <a href=\"http:\/\/www.marburg.de\/zollamt\"> www.marburg.de\/zollamt<\/a> nachzulesen sein.<br \/>\nDas ist das Ergebnis einer gut besuchten Podiumsdiskussion des st\u00e4dtischen Fachdiensts Kultur. Rund 50 G\u00e4ste verfolgten die Debatte.<br \/>\n&#8222;Ich bin heute Abend sehr viel kl\u00fcger geworden und sehr optimistisch, dass man auch solche heiklen Themen diskutieren kann&#8220;, sagte Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner zum Abschluss der Veranstaltung. Die Veranstaltung enth\u00fcllte zun\u00e4chst neue Hintergrundinformationen zu dem Geb\u00e4ude des Marburger Zollamtes und dem Halbrelief, das rechts zwei Arbeiter aus der Pharma- und der Eisenindustrie sowie links einen Afrikaner und einen Asiaten zeigt.<br \/>\nNach den Recherchen des Historikers und Kulturamtsmitarbeiters Dr. Christoph Becker stammt das Relief vom mehrfach preisgekr\u00f6nten Kunsthandwerker, T\u00f6pfer und Bildhauer Rolf Weber (1907-1986), der in Kassel-Simmershausen eine Keramikwerkstatt betrieb. Er gr\u00fcndete den Bund hessischer Kunsthandwerker, dessen Vorsitzender er lange Jahre war. Verheiratet war er mit der Waldorfp\u00e4dagogin Dr. Ellen Weber.<br \/>\nSeine fr\u00fcheren Mitarbeiter sch\u00e4tzen ihn bestenfalls als konservativ, aber nicht als Rassisten ein. Becker erkl\u00e4rt das 1950 entstandene Relief eher mit dem Zeitgeist.<br \/>\n1950 sei die Demontagepolitik erst seit einem Jahr beendet gewesen. Die Lebensmittelrationierung wurde im Mai abgeschafft; und die deutsche Industrie lebte erst gerade wieder auf.<br \/>\nKaffee und Kakao &#8211; die Bohnen werden auf dem Relief gezeigt &#8211; geh\u00f6rten zu den Luxusprodukten, die man den B\u00fcrgern zeigen wollte. Darin steckte, so Becker, wenn man es positiv sieht &#8211; &#8222;ein naives idealistisches Versprechen&#8220;.<br \/>\nDazu passt, dass beim Marburger Zoll damals weder Bananen noch Kakao abgefertigt wurden, wie der langj\u00e4hrige Zollamtsleiter Herbert Losekam erkl\u00e4rte. Der Oberamtsrat au\u00dfer Dienst hat ein Buch \u00fcber die Geschichte der mehr als 250 Jahre alten Beh\u00f6rde ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\nSeit 1904 ist ihr Sitz in der Ernst-Giller-Stra\u00dfe 2 in der N\u00e4he des Hauptbahnhofs. Allerdings wurde das Geb\u00e4ude w\u00e4hrend der wenigen Bombenangriffe auf Marburg im M\u00e4rz 1945 fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. 1949\/50 wurde es dann an der gleichen Stelle wieder aufgebaut.<br \/>\nDabei besticht vor allem die Innenausstattung mit ma\u00dfgefertigten Eichenb\u00e4nken, Schalter\u00f6ffnungen und schmiedeeisernen Gel\u00e4ndern. Heute ist das Geb\u00e4ude als Einzelkulturdenkmal eingetragen, erl\u00e4uterte Markus Gl\u00f6ck von der Unteren Denkmalschutzbeh\u00f6rde der Stadt Marburg.<br \/>\nWer auf die Idee gekommen ist, das Relief zu installieren und einen K\u00fcnstler damit zu beauftragen, ist jedoch heute unbekannt. Bis Ende der 90er Jahre habe es keine Kritik am Relief gegeben, berichtete Losekam, der das Zollamt von 1983 bis 1997 leitete. Dann sei die Fassade mehrfach mit den Worten &#8222;Kolonialismus&#8220; und &#8222;Rassismus&#8220; beschmiert worden.<br \/>\nProf. Benedikt Stuchtey, der an der Philipps-Universit\u00e4t \u00fcber Imperialismus und Kolonialismus forscht, erl\u00e4uterte, dass es in den 20er und 30er Jahren eine kolonialrassistische Stimmung unter dem Stichwort &#8222;Volk ohne Raum&#8220; gegeben habe, die auch in der Kunst popul\u00e4r war. Eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte begann erst in den sp\u00e4ten 90er Jahren, obgleich Deutschland 1914 das viertgr\u00f6\u00dfte Kolonialreich nach Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Russland bildete.<br \/>\nW\u00e4hrend der Linken-Stadtverordnete Jonathan Schwarz die Darstellung in einem Antrag kritisiert hatte, der die Keramik \u00fcber dem Zollamt als Reproduktion von &#8222;Klischees \u00fcber Einwohner des globalen S\u00fcdens&#8220; und &#8222;kolonialer Denkstrukturen&#8220; bezeichnete, meldeten sich dazu in der Diskussion mehrere Kunsthistoriker zu Wort. Christoph Otterbeck, der das Marburger Universit\u00e4tsmuseum f\u00fcr Kunst und Kulturgeschichte leitet, erl\u00e4uterte, dass es eine lange Bildtradition bei der Darstellung der Erdteile mit einer klaren Hierarchie gebe.<br \/>\nAuf dem Relief st\u00fcnden spiegelbildlich je zwei Europ\u00e4er und zwei Exoten. Nackte Oberk\u00f6rper f\u00e4nden sich sowohl bei dem Afrikaner als auch bei dem H\u00fcttenarbeiter.<br \/>\n&#8222;Das Bild spiegelt uns eine fremde Welt vor, wie wir sie uns in unseren Gedanken vorstellen&#8220;, pr\u00e4zisierte Stuchtey. Ausgeblendet werde dabei allerdings, dass Kaffee und Kakao mit Hilfe von Sklaven produziert wurde. &#8222;Wir sollten nicht achtlos an dem Relief vorbeigehen, sondern versuchen, es in den Stadtkontext einzuordnen&#8220;, sagte Stuchtey.<br \/>\nF\u00fcr n\u00e4here Erl\u00e4uterungen zum Zollamt und seinem Kunstwerk sprach sich bei der Veranstaltung auch Gerald Weidemann aus. Tafel und Hintergrund mit Inhalt zu f\u00fcllen, sei allerdings &#8222;noch ein Kapitel f\u00fcr sich&#8220;, meinte Vorsitzende des Schul- und Kulturausschusses des Stadtparlaments.<br \/>\nEigent\u00fcmer des Marburger Zollamts ist das Bundesamt f\u00fcr Immobilienaufgaben. Projektleiter Alexander Wenz berichtete gemeinsam mit Torsten Pfeiffer vom Hauptzollamt Gie\u00dfen, dass der Zoll-Standort Marburg gesichert ist.<br \/>\nNoch in diesem Jahr soll das Geb\u00e4ude so saniert werden, dass es barrierefrei wird. Das Zollamt nimmt jedes Jahr 150 Millionen Euro ein.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Zollamt soll eine Tafel mit einer Kurzinformation aufgeh\u00e4ngt werden. Das Schild wird allerdings nur neugierig machen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3,2,4],"tags":[1311,197,1312],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-yM","jetpack-related-posts":[{"id":6296,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=6296","url_meta":{"origin":2156,"position":0},"title":"Wunderbares Wehrshausen: Das D\u00f6rflein, das sich an den Hang schmiegt","date":"5. Januar 2021","format":false,"excerpt":"Wehrshausen ist mit rund 680 Einwohnenden einer der mittelgro\u00dfen Au\u00dfenstadtteile Marburgs. Der Stadtteil im Westen hat einige Freizeitm\u00f6glichkeiten in der Natur zu bieten. 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