{"id":20865,"date":"2026-11-06T18:54:52","date_gmt":"2026-11-06T17:54:52","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20865"},"modified":"2026-11-06T18:54:52","modified_gmt":"2026-11-06T17:54:52","slug":"gestaltung-mit-gegenwind-vortrag-von-roland-schaefer-ueber-digitalzwang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20865","title":{"rendered":"Gestaltung mit Gegenwind: Vortrag von Roland Sch\u00e4fer \u00fcber Digitalzwang"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Abgeh\u00e4ngt durch Digitalisierung&#8220; lautete der Titel eines Vortrags von Roland Sch\u00e4fer zum Thema &#8222;Digitalzwang&#8220;. Knapp 30 Interessierte hatten sich dazu am Donnerstag (5. November) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) eingefunden. <!--more--><br \/>\nEingeladen zu der Informationsveranstaltung hatten die Humanistische Union (HU), die Blindenbund-Bezirksgruppe Marburg, die DVBS-Bezirksgruppe Hessen, die Kulturelle Aktion Marburg Str\u00f6mungen e.V. und die Universit\u00e4tsstadt Marburg sowie der Verein &#8222;Recht auf analoges Leben Rhein Main&#8220; (ReaL RM). Der Referent Roland Sch\u00e4fer ist Mitbegr\u00fcnder dieses Vereins. Als externer Datensch\u00fctzer arbeitet er freiberuflich f\u00fcr kleinere Unternehmen und Vereine sowie als Referent in der Weiterbildung zu Themen des Datenschutzes.<br \/>\nIn ihrem Gru\u00dfwort bekr\u00e4ftigte Stadtr\u00e4tin Kirsten Dinnebier die Haltung der Stadt Marburg, die einerseits die Digitalisierung der Verwaltung vorantreiben wolle, andererseits aber auch immer analoge Zug\u00e4nge zu allen st\u00e4dtischen Diensten anbieten werde. Barrierefreie Information und Kommunikation m\u00fcsse den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern immer die Wahlfreiheit einr\u00e4umen, wie sie mit st\u00e4dtischen stellen kommunizieren und welche Wege sie dabei nutzen wollen. Durch eine ausschlie\u00dfliche Begrenzung auf digitale Angebot w\u00fcrden Menschen wegen ihres Alters, ihrer Behinderung oder auch nur wegen ihres Geldbeutels ausgegrenzt, wenn dazu keine analoge Alternative best\u00fcnde.<br \/>\nNicht ohne Stolz verwies Dinnebier auch auf das st\u00e4dtische Angebot, Sozialbescheide in Einfache Sprache zu \u00fcbersetzen. Die Stadtr\u00e4tin zeigte sich davon \u00fcberzeugt, dass derartige Angebote auch die Demokratie st\u00e4rken. Ihrer Ansicht nach kann es nicht angehen, dass f\u00fcr viele Dienstleistungen der Besitz und die Bedienung eines Smartphones vorausgesetzt wird, mit dessen Touchscreen auch sie mitunter Probleme bekomme.<br \/>\nIn seinem Vortrag ging Sch\u00e4fer anschlie\u00dfend auf zwahlreiche Beispiele ein, in denen er die Ausgrenzung von Menschen aus gesellschaftlicher Teilhabe durch eine verpflichtende Nutzung digitaler Ger\u00e4te als Voraussetzung anprangerte. Gleich zu Beginn bereits bemerkte er zudem, dass er beim Gang zur Toilette Icons gesehen habe, die auf die Video\u00fcberwachung des Bereichs mit Icons hingewiesen h\u00e4tten, die Blinde nicht sehen k\u00f6nnen. Ihnen bleibt diese Information damit einfach vorenthalten, kritisierte er.<br \/>\nZahlreiche allt\u00e4gliche Lebbensbereiche beleuchtete der Refrent in seinem Vortrag anhand von Beispielen, die fast immer die Nutzung von Smartphones, QR-Codes oder E-Mail-Adressen als Zugang zu den jeweiligen Dienstleistungen voraussetzten. Wer kein Smartphone besitzt oder keinen eigenen PC, der bekommt so Probleme bei der Teilhabe. Das neue Hessische Schulgesetz beispielsweise setze die Angabe einer E-Mail-Adresse der Eltern verpflichtend voraus, was vor allem auch deswegen problematisch sei, weil das Land dem Lehrpersonal keine Dienstrechner zur Verf\u00fcgung stelle und die Mails somit auf privaten Rechnern landeten, die den geforderten Datenschutz h\u00e4ufig nicht gew\u00e4hrleisteten.<br \/>\nF\u00fcr die Bewerbung um Wohnungen w\u00fcrden oft umfangreiche Angaben erhoben, die im Einzelfall bis hin zu einem m\u00f6glichen Migrationshintergrund reichten. Darin sieht Sch\u00e4fer die Gefahr einer Diskriminierung. Ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rte er den Anwesenden die Regelungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSBO) der Europ\u00e4ischen Union, was zahlreiche Nachfragen des Publikums ausl\u00f6ste.<br \/>\nDie analoge Alternative zu digitalen Dienstleistungen sei nicht nur wegen einer m\u00f6glichen Ausgrenzung durch ausschlie\u00dflich digitale Zug\u00e4nge erforderlich, sondern auch wegen drohender Ausf\u00e4lle der digitalen Technik. Mehrfach wurde bei der Abendveranstaltung auf l\u00e4ngere Stromausf\u00e4lle nach Angriffen auf die Stromversorgung sowie auf Hackerangriffe hingewiesen, die zuletzt ferngesteuerte K\u00fchltheken in europ\u00e4ischen Superm\u00e4rkten und sogar K\u00fchlsysteme einer Blutbank in Frankreich gezielt aufgeheizt hatten. Es w\u00e4restr\u00e4flicher Leichtsinn, eine analoge Sicherheitsalternative zu vernachl\u00e4ssigen oder gar ganz darauf zu verzichten.<br \/>\nSch\u00e4fer wandte sich damit auch gegen das Kostenargument, das die doppelte Auslegung der Dienstleistungen sowohl analog wie zugleich auch digital f\u00fcr zu teuer ablehne. Als Beispiel nannte er eine eigene Erfahrung, bei der er wegen defekter Fahrkartenautomaten den Fahrpreis nicht habe bezahlen k\u00f6nnen. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie h\u00e4ufig beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) solche Systemausf\u00e4lle vorkommen, ergab die R\u00fcckfrage nach denjenigen im Saal, die schon einmal vor defekten Fahrscheinautomaten gestanden ode im Kundencenter einen Rechnerausfall mitbekommen haben, dass mehr als 20 Prozent der Anwesenden zur Best\u00e4tigung ihre Hand hoben.<br \/>\n&#8222;Digitalisierung verschafft Macht&#8220;, erkl\u00e4rte Sch\u00e4fer. Wer Daten erhebt und f\u00fcr eigene Zwecke nutzt, der \u00fcbt damit Macht aus. Besonders deutlich werde das bei den Tech-Milliard\u00e4ren aus den Vereinigten Staaten von Amerika (USA), die durch Nutzungseinschr\u00e4nkungen beispielsweise ihrer Navigationssysteme sogar Kriegsverl\u00e4ufe entscheiden k\u00f6nnen.<br \/>\nAngesichts gigantischer Gier der sogenannten K\u00fcnstlichen Intelligenz (KI) auf Daten, Energie, Fl\u00e4chen und Wasser brachte der Referent die Nutzung derartiger Systeme auf eine einfache Faustformel: &#8222;Je offener solche Systeme sind, desto problematischer sind sie.&#8220; Geschlossene Systeme hingegen k\u00f6nnten f\u00fcr bestimmte Anwendungen durchaus von gro\u00dfem Nutzen f\u00fcr die Menschheit sein. &#8222;Die Technik muss allen Menschen dienen&#8220;, wiederholte Sch\u00e4fer eine alte &#8211; aber immer noch richtige &#8211; Grundforderung.<br \/>\nInsgesamt m\u00fcndete der Abend in die Erkenntnis, dass ein bewusster Umgang mit Technik die wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr ist, wie viel Schaden oder Nutzen sie mit sich bringt. Moderatorin Laura Schiller ermutigte die Anwesenden in ihrem Schlusswort, eigene Bed\u00fcrfnisse und Forderungen bei Beh\u00f6rden und Unternehmen anzumelden und sich auch an Organisationen wie &#8222;Digitalcourage&#8220; zu wenden, wenn eine App gegen datenschutzrechtliche Grundregeln verst\u00f6\u00dft. Der erkenntnisreiche Abend mit einer lebhaften Diskussion ging nach zwei Stunden in der Erwartung zu Ende, dass viel Arbeit auf alle Beteiligten wartet und das Thema noch lange nicht ersch\u00f6pfend ausdiskutiert worden ist.<\/p>\n<p>* <a href=\"http:\/\/marburg.news\/team\/fjh\">Franz-Josef Hanke<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Abgeh\u00e4ngt durch Digitalisierung&#8220; lautete der Titel eines Vortrags von Roland Sch\u00e4fer zum Thema &#8222;Digitalzwang&#8220;. Knapp 30 Interessierte hatten sich dazu am Donnerstag (5. 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