{"id":20858,"date":"2026-11-05T14:10:00","date_gmt":"2026-11-05T13:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20858"},"modified":"2026-11-05T14:10:00","modified_gmt":"2026-11-05T13:10:00","slug":"geraubte-kunst-wem-gehoerten-die-werke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20858","title":{"rendered":"Geraubte Kunst: Wem geh\u00f6r(t)en die Werke"},"content":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8222;Wem geh\u00f6r(t)en die Werke?&#8220; gibt Einblick in die Geschichte des Kunstmuseums und die NS-Zeit. Das Museum zeigt die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des hessischen Wissenschaftsministers. <!--more--><br \/>\nDas Museum f\u00fcr Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universit\u00e4t Marburg hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv seine Geschichte und die Geschichte seiner Kunstwerke erforscht. Aufbauend auf dieser Forschung gibt das Museum in einer Ausstellung jetzt Einblicke in eine komplexe Spurensuche. Denn die Frage &#8222;Wem geh\u00f6r(t)en die Werke? Provenienzforschung im Kunstmuseum Marburg&#8220; ist f\u00fcr manche Werke, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden, nicht einfach zu kl\u00e4ren. Erste Antworten und auch viele offene Fragen k\u00f6nnen Interessierte vom 6. November 2026 bis 4. April 2027 im Kunstmuseum anhand von Objektgeschichten sehen und erfahren.<br \/>\nSusanne Ehlers hat die Ausstellung &#8222;Wem geh\u00f6r(t)en die Werke&#8220; zusammen mit dem Team des Museums kuratiert. Seit zweieinhalb Jahren untersucht die Provenienzforscherin rund 250 Gem\u00e4lde aus dem Bestand des Kunstmuseums daraufhin, ob es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt. Die Sammlungen des Marburger Kunstmuseums umfassen weit mehr als 20.000 Objekte. Darunter sind zirka 1.360 Gem\u00e4lde.<br \/>\nDas Forschungsprojekt zur NS-Raubkunst wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gef\u00f6rdert. Die Schirmherrschaft \u00fcber die Ausstellung hat der Hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels \u00fcbernommen: &#8222;Provenienzforschung bedeutet mehr als die Rekonstruktion von Besitzverh\u00e4ltnissen: Sie schafft die Grundlage, Unrecht aufzukl\u00e4ren und gerechte und faire L\u00f6sungen zu erm\u00f6glichen&#8220;, erkl\u00e4rte Wissenschaftsminister Gremmels.<br \/>\n&#8222;Die Ausstellung ,Wem geh\u00f6r(t)en die Werke?&#8216; macht diese Verantwortung am Beispiel des Kunstmuseums Marburg sichtbar&#8220;, erl\u00e4uterte er. &#8222;Die Arbeit der Philipps-Universit\u00e4t, von Susanne Ehlers, Dr. Christoph Otterbeck und dem gesamten Team verdient gro\u00dfe Anerkennung. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Geschichte unserer Sammlungen kritisch zu erforschen und die Menschen hinter den Kunstwerken wieder sichtbar zu machen.&#8220;<br \/>\nBis zum aktuellen Zeitpunkt wurden drei Gem\u00e4lde und eine Graphik als m\u00f6gliche F\u00e4lle NS-verfolgungsbedingten Entzugs identifiziert. Darunter sind drei Werke von Carl Bantzer. F\u00fcr zwei dieser Gem\u00e4lde &#8211; &#8222;Schw\u00e4lmer Bauern vor der Kirche&#8220; und &#8222;Blick aus dem Walde&#8220; &#8211; gelang es im Forschungsprojekt, bereits Kontakt zu den Nachfahren der fr\u00fcheren Eigent\u00fcmer und damit zu den legitimen Erben herzustellen. Diese Werke bilden die derzeit bearbeiteten Restitutionsf\u00e4lle. Dar\u00fcber hinaus liegen Hinweise auf zwei weitere Verdachtsf\u00e4lle vor, deren rechtliche Bewertung aber noch aussteht.<br \/>\n&#8222;Die Bilder werden auf der Grundlage der Marburger Forschungsergebnisse vom Land Hessen restituiert&#8220;, erkl\u00e4rte Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck. &#8222;Die rechtm\u00e4\u00dfigen Erbinnen und Erben allein entscheiden dann, was mit den Gem\u00e4lden geschieht.&#8220; Er sei &#8222;froh, dass wir f\u00fcr zwei Gem\u00e4lde Erbinnen und Erben ermitteln konnten&#8220;, f\u00fcgte er hinzu.<br \/>\n&#8222;In der Stadt Marburg, die fr\u00fcher eine Hochburg des Nationalsozialismus war, lassen sich durch die Objektgeschichten Spuren der Biographien von J\u00fcdinnen und Juden und von den Entscheidern der damaligen Zeit finden&#8220;, erl\u00e4uterte die Kuratorin Susanne Ehlers. &#8222;Diese erinnern an die bis 1945 ausgel\u00f6schte j\u00fcdische Gemeinde.&#8220; Bei der Besch\u00e4ftigung mit den Objekten erweitert sich der Blick chronologisch und geografisch.<br \/>\n&#8222;Unter den Personen finden sich der H\u00e4ndler Jacob Goldschmidt in Marburg, Julius Haas in Gie\u00dfen und die Galerie Alfred Flechtheim in D\u00fcsseldorf, aber auch Pers\u00f6nlichkeiten der Stadt vom Uhrmacher Sigmund Freund bis zum Stifter des Rathausbildes Albert Strauss&#8220;, erkl\u00e4rte die Provenienzforscherin. Das Beziehungsgeflecht w\u00e4hrend des Nationalsozialismus reichte weit \u00fcber die universit\u00e4ren Strukturen und die Stadt Marburg hinaus. Ein kritischer Blick f\u00fchrt zu den Erwerbungen und Ausstellungen der Jahre 1933 bis 1945 und zeigt auch die Ambivalenz mancher Akteure der damaligen Zeit. &#8222;Neben dem Leben und Arbeiten in den Bereichen der Kunst und des Handels, beim Sammeln und Forschen erz\u00e4hlen die Werke \u00fcber ihre Eigent\u00fcmer*innen und Besitzer*innen mit vielf\u00e4ltigen, unglaublichen, tragischen und eindr\u00fccklichen Lebensgeschichten&#8220;, erl\u00e4uterte Ehlers.<br \/>\nUntersucht wurden auch die Arbeit des damaligen Direktors Albrecht Kippenberger f\u00fcr das Museum, des Professors Richard Hamann f\u00fcr das Kunstgeschichtliche Seminar und die Entscheidungstr\u00e4ger rund um den Marburger Museumsverein. Dabei lie\u00df sich ein Netzwerk bis zu lokalen Politikern wie dem Kreisleiter der NSDAP, Hans Krawielitzki, rekonstruieren.<br \/>\n&#8222;Menschen gestalten die Universit\u00e4t&#8220;, sagte Universit\u00e4tspr\u00e4sident Prof. Dr. Thomas Nauss. &#8222;Wir richten mit diesem Forschungsprojekt und der Ausstellung dazu analytische Blicke auf das Handeln von Menschen in der NS-Zeit. Damals wie heute handeln Menschen in komplexen Geflechten aus Beziehungen und Ambitionen. Das wollen wir gerade vor der Feier des gro\u00dfen Jubil\u00e4ums beleuchten, um daraus Schl\u00fcsse f\u00fcr unser Handeln f\u00fcr die Zukunft abzuleiten. Deshalb ist das Projekt ein wichtiger Beitrag zu unserer Vision: Verantwortung f\u00fcr die Welt von morgen zu \u00fcbernehmen und sie positiv zu gestalten.&#8220;<br \/>\nDie Ausstellung macht die Ankaufspolitik des Museums f\u00fcr die Jahre 1933 bis 1945 nachvollziehbar. F\u00fcr jedes Jahr von 1933 bis 1945 wird ein Tableau mit Abbildungen aller Ank\u00e4ufe gezeigt, von denen ein Kunstwerk im Original zu sehen ist. Das ist auch deshalb m\u00f6glich, weil die Quellenlage in Marburg besonders gut ist. Das Museum wurde w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs nicht zerst\u00f6rt und so sind sowohl Werke als auch Korrespondenz weitestgehend erhalten.<br \/>\nDie Ausstellung will mit den Geschichten hinter den Werken auch zeigen, wie Provenienzforschung funktioniert. Erl\u00e4utert werden die Methoden und Indizien der Spurensuche, so dass die Besuchenden die Perspektive von Forschenden kennenlernen. F\u00fcnf detailliert vorgestellte Untersuchungen von beispielhaften Kunstwerken lassen die Ermittlung von Indizien zur Provenienz nachvollziehbar werden. Fragen bleiben jedoch auch nach intensiver Forschung unbeantwortet, auch nach den Beweggr\u00fcnden mancher Menschen bei ihrem Handeln.<br \/>\nDas von Bund, L\u00e4ndern und kommunalen Spitzenverb\u00e4nden 2015 gegr\u00fcndete &#8222;Deutsche Zentrum Kulturgutverluste&#8220; in Magdeburg ist in Deutschland zentraler Ansprechpartner zu Fragen unrechtm\u00e4\u00dfig entzogenen Kulturguts. Das Zentrum wird vom Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien institutionell gef\u00f6rdert und erh\u00e4lt von dort auch die Mittel f\u00fcr seine Projektf\u00f6rderung. Das Projekt an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg wird mit insgesamt 250.000 Euro gef\u00f6rdert.<br \/>\nDie Ausstellung &#8222;Wem geh\u00f6r(t)en die Werke?&#8220; ist bis zum 4. April 2027 im Kunstmuseum an der Biegenstra\u00dfe zu sehen. Das Kunstmuseum ist von mittwochs bis montags von 11-17 Uhr ge\u00f6ffnet sowie am letzten Donnerstag des Monats jeweils bis 21 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro oder erm\u00e4\u00dfigt 3 Euro.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8222;Wem geh\u00f6r(t)en die Werke?&#8220; gibt Einblick in die Geschichte des Kunstmuseums und die NS-Zeit. 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