{"id":20837,"date":"2026-10-31T22:23:27","date_gmt":"2026-10-31T21:23:27","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20837"},"modified":"2026-10-31T22:23:27","modified_gmt":"2026-10-31T21:23:27","slug":"im-saal-und-vor-ihm-grosse-solidaritaet-mit-leuchtfeuer-preistraegern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20837","title":{"rendered":"Im Saal und vor ihm: Gro\u00dfe Solidarit\u00e4t mit Leuchtfeuer-Preistr\u00e4gern"},"content":{"rendered":"<p>Wir erreichen den Marktplatz gegen 9.20 Uhr. Dort wartet bereits eine kleine Gruppe von Menschen sowie zwei Polizeiwagen. <!--more--><br \/>\nProf. Dr. Bilal Farouk El-Zayat und Dr. Kurt Bunke erhalten am Freitag (30. Oktober) das &#8222;Marburger Leuchtfeuer f\u00fcr Soziale B\u00fcrgerrechte&#8220;. Die Preisverleihung soll ab 10 Uhr im Historischen Saal des Marburger Rathauses stattfinden. Die AfD-Fraktionen im Hessischen Landtag und in der Marburger Stadtverordnetenversammlung hatten im Vorfeld Einw\u00e4nde gegen diese Preisverleihung erhoben.<br \/>\nAls Vorsitzender der Humanistischen Union Marburg geh\u00f6re ich der Jury an. Bei der Preisverleihung werde ich die Anwesenden im Namen der Humanistischen Union (HU) begr\u00fc\u00dfen. Meine Ansprache werde ich frei halten, obgleich ich ein <a href=\"https:\/\/hu-marburg.de\/2026\/10\/30\/franz-josef-hanke-das-asylrecht-ist-eine-menschenpflicht\/\">Manuskript f\u00fcr meine Begr\u00fc\u00dfungsredein den letzten drei Tagen ausformuliert habe.<br \/>\nNach <\/a><a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=20467\">Bekanntgabe der beiden Preistr\u00e4ger am Mittwoch (26. August)<\/a> herrschte zun\u00e4chst mehrere Wochen Ruhe. Doch seit Mitte Oktober sind alle Beteiligten an der Preisverleihung massenhaft mit Mails bombardiert worden, die immer wieder die gleichen Anschuldigungen gegen den Preistr\u00e4ger El-Zayat enthielten. Mit Halbwahrheiten und Unterstellungen wurde der Marburger Arzt dabei in die N\u00e4he der Muslimbruderschaft ger\u00fcckt.<br \/>\nIch begr\u00fc\u00dfe die Wartenden mit einem lauten &#8222;Guten Morgen&#8220;. Dann betreten wir das Renaissance-Rathaus und steigen die gro\u00dfe Treppe hinauf in den Ersten Stock. Direkt am oberen Ende der Treppe stauen sich Menschen, die in den Historischen Saal hinein wollen.<br \/>\nZum ersten Mal in seiner Geschichte gibt es Taschenkontrollen beim Einlass zur Preisverleihung des Marburger Leuchtfeuers. Die Anwesenden nehmen das offenbar ganz gelassen hin. Durch das obere Foyer f\u00fchrt der Weg in den Historischen Saal.<br \/>\nDort sind f\u00fcr uns Pl\u00e4tze in der ersten Reihe reserviert. Die beiden Preistr\u00e4ger, einige Vertreterinnen und Vertreter der Kommunalpolitik und der J\u00fcdischen Gemeinde sowie die beiden Preistr\u00e4ger begr\u00fc\u00dfen mich. Die Laudatorin Prof. Dr. Margot K\u00e4\u00dfmann kommt erst gegen 9.45 Uhr, weil sie M\u00fche hatte, durch die Menschenmenge im Foyer hindurchzukommen.<br \/>\nErst mit leichter Versp\u00e4tung beginnt die Feierstunde. Der Historische Saal des Rathauses ist so voll, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Doch einige der Besucherinnen und Besucher kommen nicht hinein und bleiben drau\u00dfen im Foyer.<br \/>\nGespannt lausche ich den Worten von Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies. In seiner bewegenden Begr\u00fc\u00dfungsrede w\u00fcrdigt er die beiden Preistr\u00e4ger als &#8222;Br\u00fcckenbauer f\u00fcr ein respektvolles und solidarisches Miteinander. Zwei Menschen, denen Solidarit\u00e4t mit denen, die Solidarit\u00e4t brauchen, allt\u00e4glicher Auftrag ist. Zwei, die seit Jahrzehnten und jeder auf seine Weise einen unsch\u00e4tzbaren Beitrag f\u00fcr das gute Miteinander in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft leisten. Zwei, denen wir dankbar sind. Doch werde der &#8222;heutige Vormittag \u00fcberschattet von einer Neuauflage, einer uralten, einer erb\u00e4rmlichen, von tief verankerter, menschenfeindlicher Islamophobie getriebenen Kampagne gegen Prof. Dr. El-Zayat.<br \/>\nDas sei eine &#8222;Kampagne aus Halbwissen, Spekulationen, falschen Fakten und falschen Interpretationen und b\u00f6swilligen Unterstellungen. Alte Kamellen, l\u00e4ngst und vielfach widerlegt, werden ausgegraben mit dem Ziel, Professor El-Zayat einem falschen, einem abwegigen Islamismusverdacht auszusetzen. Ausgehend von einer Pressemitteilung der AfD-Landtagsfraktion in Hessen, die vielleicht mal genauer in den Verfassungsschutzbericht schauen sollte. Dienn die Islamische Gemeinde Marburg steht da nicht drin, andere schon!&#8220;<br \/>\nMit El-Zayat treffen die Anfeindungen der AfD jemanden, der sich in herausragender Weise f\u00fcr Offenheit und Toleranz sowie das friedliche Miteinander der Religionen einsetzt. &#8222;Wer zeigt so viel R\u00fcckgrat, so viel Bereitschaft zur Offenheit, auch manchmal gegen Kritik aus den eigenen Reihen, wie es Bilal El-Zayat bei all diesen Gelegenheiten getan hat?&#8220; Die Frage des Oberb\u00fcrgermeisters trifft es genau auf den Punkt.<br \/>\n&#8222;Prof. Dr. El-Zayat ist ein leuchtendes Beispiel, ein wirklich leuchtendes Beispiel f\u00fcr gelebten interreligi\u00f6sen Dialog. F\u00fcr den Einsatz f\u00fcr Integration und Miteinander und f\u00fcr das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen&#8220;, erkl\u00e4rt spies. Als Beispiele nennt der Oberb\u00fcrgermeister &#8222;die Zusammenarbeit im runden Tisch der Religionen&#8220; und &#8222;die enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit der j\u00fcdischen Gemeinde, die das Land Hessen mit dem hessischen Integrationspreis ausgezeichnet hat. Und besonders die Freundschaft mit dem Gr\u00fcnder der j\u00fcdischen Gemeinde Amnon Orbach&#8220;. Dann berichtet er, dass &#8222;Bilal El-Zayat am 10. Oktober 2023, als die ersten Bomben auf Gaza fielen, manche Pal\u00e4stinenser in Marburg schon Angeh\u00f6rige verloren hatten. Als er da gemeinsam mit allen Religionsgemeinschaften auf dem Marktplatz unter einer israelischen Fahne stand, im Gedenken an die Opfer des Hamas-\u00dcberfalls&#8220;.<br \/>\nNach langanhaltendem applaus f\u00fcr Spies trete ich ans Redepult. Ich versuche, meine Ansprache m\u00f6glichst nahe am ausgearbeiteten Manuskript vorzutragen. Nachdem ich kurz auf die Diffamierungskampagne gegen El-Zayat anhand des Jugendworts &#8222;Ragebait&#8220; geingegangen bin, kritisiere ich deren Urheber: &#8222;Islamophobie und Rassismus sind die Zutaten dieser Rezeptur, auf der rechtspopulistische Hetzer ihr abgeschmacktes S\u00fcppchen kochen, das eine volkst\u00fcmelnde Ostalgie mit Mopedausfahrten in einem knatternden und stinkenden R\u00fcckw\u00e4rtsgang in Regierungs\u00e4mter bringen soll&#8220;.<br \/>\nDaf\u00fcr ernte ich einige verhaltene Lacher. Ansonsten gibt es bei beiden Begr\u00fc\u00dfungsreden immer wieder Zwischenapplaus. Anhand des Schicksals von Walter Benjamin lege ich die Notwendigkeit des Schutzes von Gefl\u00fcchteten und der Verankerung des Asylrechts im Grundgesetz dar. Ich beende meine Rede mit der Aufforderung, aktiv f\u00fcr die Demokratie einzutreten.<br \/>\nNach einer Zwischenmusik h\u00e4lt Prof. Dr. Margot K\u00e4\u00dfmann ihre Laudatio. Schon zu Beginn beeindruckt sie mich mit ihren klaren Worten zu der Preisverleihung: &#8222;Damit w\u00fcrdigen die Stadt und die Humanistische Union zwei M\u00e4nner, die sich hier vor Ort, aber in der ganzen Region konkret f\u00fcr Mitmenschlichkeit, Dialog, Gemeinschaft engagieren. Und in einer Zeit, in der das Gewebe, das unsere Gemeinschaft zusammenh\u00e4lt, zu br\u00f6ckeln scheint, bewusst, ganz bewusst und gezielt angegriffen wird, ist so ein Engagement von unsch\u00e4tzbarer Bedeutung.&#8220;<br \/>\nK\u00e4\u00dfmann hat ein Foto des Preistr\u00e4gers Dr. Kurt Bunke bei einer Demonstration gefunden mit einem Banner: &#8222;Christen, Juden und Muslime gemeinsam f\u00fcr Mitmenschlichkeit gegen\u00fcber Fremden! Und darunter sind Texte aus Bibel, Tora und Koran zitiert, die allen Glaubenden ihrer Religion gebieten, Fremde zu sch\u00fctzen. Der entsprechende Vers aus dem hebr\u00e4ischen Teil der Bibel lautet: &#8222;Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedr\u00fccken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn auch ihr seid Fremde gewesen in \u00c4gyptenland.&#8220;<br \/>\nDann geht K\u00e4\u00dfmann auf Anfeindungen der AfD gegen Gefl\u00fcchtete ein: &#8222;Diese ganzen Hetznachrichten vom rechten politischen Rand versuchen doch in unserer Zeit einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Sie wollen jetzt definieren, was biodeutsch ist und machen das fest an zwei deutschen Eltern, vier deutschen Gro\u00dfeltern. Das entspricht exakt dem kleinen Arierparagraphen der Nazis.&#8220;<br \/>\nDie ehemalige Ratspr\u00e4sidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland w\u00fcrdigt auch den Preistr\u00e4ger Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat: &#8222;Erw\u00e4hnt wurde auch schon die lange Freundschaft, das Zusammenwirken mit dem leider verstorbenen Leuchtfeuerpreistr\u00e4ger Amnon Orbach, der viele Jahre Vorsitzender der j\u00fcdischen Gemeinde hier war. Und Bilal El-Zayat hat als Vorsitzender der muslimischen Gemeinde die besondere Ehre gehabt, als er von der j\u00fcdischen Gemeinde eingeladen wurde, die letzten Worte in der zweiten Marburger Torah zu schreiben. Auch Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche waren dabei. Und es ist interessant, Sie haben das schon erw\u00e4hnt, Herr Dr. Spies, dass gerade die j\u00fcdische und muslimische Gemeinde Marburg den Integrationspreis Hessens f\u00fcr ihren Dialog bekommen haben. Und ich frage mich, was man eigentlich daran kritisieren kann \u00fcberhaupt, dass so ein gro\u00dfartiger Dialog stattfindet. Das ist zu feiern und tats\u00e4chlich auch zu w\u00fcrdigen.&#8220;<br \/>\nUnmittelbar nach K\u00e4\u00dfmanns Laudatio tr\u00e4gt der ehemalige Oberb\u00fcrgermeister und Marburger Ehrenb\u00fcrger Egon Vaupel die <a href=\"https:\/\/marburger-leuchtfeuer.de\/2026\/10\/30\/egon-vaupel-preisbegruendung-der-leuchtfeuer-jury-2026\/\">Preisbegr\u00fcndung der Jury<\/a> vor: &#8222;Der Arzt Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat erh\u00e4lt das Leuchtfeuer f\u00fcr sein Engagement als Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg bei der Zusammenarbeit im &#8222;Runden Tisch der Religionen&#8220; und f\u00fcr seinen Einsatz zur psychotherapeutischen Unterst\u00fctzung gefl\u00fcchteter Menschen und Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Der pensionierte Universit\u00e4tsbedienstete Dr. Kurt Bunke wird f\u00fcr sein langj\u00e4hriges Engagement als Gewerkschafter und die Unterst\u00fctzung von Menschen mit Migrationserfahrung ausgezeichnet, die inzwischen \u00fcber mehr als 40 Jahre andauert.&#8220;<br \/>\nZwischendurch unterbricht Vaupel das Verlesen der Preisbegr\u00fcndung mit einer pers\u00f6nlichen Anmerkung: &#8222;Zwischen mir und Bilal El-Zayat ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine pers\u00f6nliche Freundschaft erwachsen, die mittlerweile \u00fcber 30 Jahre andauert. Darum kann ich vielleicht ein wenig erahnen, wie viel Standfestigkeit und Mut dieser Mann aufbringen muss, um den alle paar Jahre wiederkehrenden Anfeindungen zu trotzen. Lieber Bilal, f\u00fcr deine Tapferkeit und deine Haltung zolle ich dir allergr\u00f6\u00dften Respekt, dass du das immer noch auf dich nimmst und dich f\u00fcr Demokratie und Toleranz engagierst. Daf\u00fcr danke ich dir pers\u00f6nlich ganz herzlich.&#8220;<br \/>\nDer Preistr\u00e4ger <a href=\"https:\/\/marburger-leuchtfeuer.de\/2026\/10\/30\/dr-kurt-bunke-mahnende-dankesworte-eines-preistraegers\/\">Kurt Bunke beschreibt in seiner Dankesrede<\/a> einige ersch\u00fctternde F\u00e4lle von Abschiebungen, die er nicht verhindern konnte. Dann w\u00fcrdigt er seinen Co-Preistr\u00e4ger: &#8222;Um so h\u00f6her ist die Leistung meines Co-Preistr\u00e4gers Bilal El-Zayat f\u00fcr unsere Zivilgesellschaft zu bewerten. Er setzt auf die vers\u00f6hnende Kraft der Religionen und hat dabei in der j\u00fcdischen Gemeinde und den christlichen Kirchen kooperationsbereite Gespr\u00e4chspartner gefunden. Gemeinsam gegen die Verrohung des gesellschaftlichen Umgangs antreten, das ist die Antwort auf antisemitische und islamophobe Schmierereien an H\u00e4userw\u00e4nden und Klosch\u00fcsseln. Wer Bilal mit plumpen Unterstellungen demontieren m\u00f6chte, findet sich trotz journalistischer Ausdrucksweise ganz schnell im Lager der gewaltbereiten Agitatoren wieder.&#8220;<br \/>\nIn seinen Dankesworten begr\u00fcndet Prof. Dr. Bilal El-Zayat seine religi\u00f6se Toleranz mit seinem Beruf als Arzt: &#8222;Wer Menschen in Krankheit, Verletzlichkeit und Not begegnet, der wei\u00df, dass Herkunft, Religion, Weltanschauung in solchen Momenten keine Rolle spielen d\u00fcrfen. Entscheidend ist der Mensch, der Mensch, der Hilfe braucht. Und f\u00fcr mich war das nie nur eine \u00e4rztliche, sondern immer auch eine menschliche Verantwortung.&#8220;<br \/>\nBesonders bewegt bin ich, als El-Zayat auf seinen Freund Amnon Orbach zu sprechen kommt. 2022 war der langj\u00e4hrige Vorsitzende der J\u00fcdischen Gemeinde Marburg mit dem Leuchtfeuer ausgezeichnet worden. F\u00fcr El-Zayat ist es &#8222;ein Geschenk, das auch mir diese besondere Ehre zuteil wird. Wir vermissen dich, Amnon!&#8220;<br \/>\nIch sp\u00fcre, dass El-Zayat schlucken muss und mit den Tr\u00e4nen k\u00e4mpft. Es dauert eine ganze Weile, bis er in seiner Rede fortf\u00e4hrt. F\u00fcr mich ist das einer der bewegendsten Augenblicke der Preisverleihung.<br \/>\nDrau\u00dfen vor dem Saal warten im Foyer kurz vor 12 Uhr immer noch etliche Menschen, die keinen Einlass mehr bekommen haben. Viele haben dennoch ausgeharrt. Fast zwei Stunden hat diese ber\u00fchrende Feierstunde gedauert. F\u00fcr mich ist sie eine Ermutigung, Haltung zu zeigen und sich nicht der Hetze derer zu beugen, denen Mitmenschlichkeit, Toleranz und der Einsatz f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen ein Dorn im Auge ist. Marburg ist anders und hat das auf eindrucksvolle Weise unter Beweis gestellt.<\/p>\n<p>* <a href=\"http:\/\/marburg.news\/team\/fjh\">Franz-Josef Hanke<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erreichen den Marktplatz gegen 9.20 Uhr. 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