{"id":20810,"date":"2026-10-27T11:25:15","date_gmt":"2026-10-27T10:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20810"},"modified":"2026-10-27T11:25:15","modified_gmt":"2026-10-27T10:25:15","slug":"altaegyptische-arzneien-mumifizierung-mit-schriftquellen-erforscht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20810","title":{"rendered":"Alt\u00e4gyptische Arzneien: Mumifizierung mit Schriftquellen erforscht"},"content":{"rendered":"<p>Neue Erkenntnisse zur alt\u00e4gyptischen Einbalsamierung gewinnen Forschende aus Molek\u00fclanalysen und historischen Schriftquellen. Ihre interdisziplin\u00e4re Forschung weist Aloe-Inhaltsstoffe in historischen Materialien nach. <!--more--><br \/>\nWelche Materialien verwendeten die alten \u00c4gypter zur Einbalsamierung ihrer Verstorbenen? Wie l\u00e4sst sich die Zusammensetzung dieser Stoffe noch Jahrtausende sp\u00e4ter rekonstruieren? Um diese Fragen zu untersuchen, hat ein interdisziplin\u00e4res Forschungsteam der Philipps-Universit\u00e4t Marburg moderne Naturstoffanalytik mit \u00c4gyptologie und Pharmaziegeschichte verbunden.<br \/>\nIn ihrer Studie &#8222;New molecular and historical evidence on ancient Egyptian embalming&#8220;, die in der Fachzeitschrift &#8222;Proceedings of the National Academy of Sciences&#8220; (PNAS) ver\u00f6ffentlicht wurde, verbinden sie molekulare Analysen mit der Untersuchung historischer Schriftquellen. Dabei sto\u00dfen sie auf neue Hinweise zur Verwendung von Pflanzenstoffen bei der Einbalsamierung. Die Ergebnisse er\u00f6ffnen zugleich neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Erforschung der Geschichte historischer Sammlungsobjekte.<br \/>\nDie alt\u00e4gyptische Mumifizierung war ein komplexes Verfahren, bei dem neben der Austrocknung und teilweise auch der Entnahme innerer Organe verschiedene pflanzliche, tierische und mineralische Materialien zum Einsatz kamen. Fr\u00fchere chemische Untersuchungen konnten insbesondere Koniferenharze und -teere, Pistazienharze, pflanzliche \u00d6le, tierische Fette, Bienenwachs und Bitumen in Einbalsamierungsmischungen nachweisen. Auch Hinweise auf weitere exotische Pflanzenharze &#8211; beispielsweise Elemi oder Dammar &#8211; wurden gefunden.<br \/>\nTrotz dieser Erkenntnisse blieben zahlreiche Fragen offen: Welche Pflanzenarten wurden tats\u00e4chlich verwendet? Wie unterschieden sich die Einbalsamierungsrezepturen zwischen verschiedenen Epochen, Regionen und K\u00f6rperteilen? Und welche der in alt\u00e4gyptischen Schriftquellen beschriebenen Substanzen lassen sich bestimmten pflanzlichen Rohstoffen zuordnen? Die Marburger Studie liefert dazu neue Erkenntnisse und identifiziert bislang nicht erkannte pflanzliche Inhaltsstoffe in historischen Mumien- und Arzneimaterialien.<br \/>\nF\u00fcr ihre Untersuchungen analysierten die Forschenden insgesamt 24 Objekte aus Universit\u00e4ts- und Museumssammlungen. Darunter war auch ein mumifizierter Sch\u00e4del aus der Zoologischen Sammlung der Philipps-Universit\u00e4t Marburg. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode konnte das untersuchte Mumienmaterial auf das 8. Jahrhundert vor Christi Geburt datiert werden.<br \/>\nChemische Analysen der Einbalsamierungsr\u00fcckst\u00e4nde dieses Sch\u00e4dels sowie einer weiteren Probe &#8211; eines historischen Pr\u00e4parats der Arzneidroge Mumia vera aegyptiaca aus dem 18. Jahrhundert, das urspr\u00fcnglich aus der L\u00f6wen-Apotheke in Offenbach am Main stammt und heute im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg aufbewahrt wird &#8211; ergaben Hinweise auf Inhaltsstoffe der Pflanzengattung Aloe. Die Forschenden identifizierten mehrere charakteristische Aloe-assoziierte Verbindungen. Die Identit\u00e4t eines dieser Inhaltsstoffe, Aloeresin A, konnte zus\u00e4tzlich durch den Vergleich mit einer authentischen Referenzsubstanz best\u00e4tigt werden.<br \/>\n&#8222;Dieser Befund ist aus zwei Gr\u00fcnden besonders interessant&#8220;, erl\u00e4uterte Prof. Dr. Tanja Pommerening, die die Leitung des deutschlandweit einzigen Instituts f\u00fcr Geschichte der Pharmazie und Medizin an der Universit\u00e4t Marburg innehat. &#8222;Bislang gab es keine vergleichbaren molekularen Nachweise f\u00fcr die Verwendung von Aloe bei der alt\u00e4gyptischen Einbalsamierung. Gleichzeitig wurde Aloe bereits in mittelalterlichen Schriftquellen mit Mumienmaterial in Verbindung gebracht, das als Arzneimittel verwendet wurde. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung war bisher, dass diese Vorstellungen auf sp\u00e4tere \u00dcberlieferungen zur\u00fcckgingen, m\u00f6glicherweise beeinflusst durch biblische Textstellen wie Johannes 19,39, da detaillierte Kenntnisse der alt\u00e4gyptischen Einbalsamierungspraktiken im Mittelalter weitgehend verloren gegangen waren. Unsere neuen Ergebnisse er\u00f6ffnen nun die M\u00f6glichkeit, dass diese Verbindung tats\u00e4chlich \u00e4ltere historische Wurzeln hat.&#8220;<br \/>\nDabei ist eine wichtige begriffliche Unterscheidung zu beachten: Die historische Bezeichnung &#8222;Aloe&#8220; konnte unterschiedliche pflanzliche Materialien meinen. Neben Pflanzen der Gattung Aloe wurde darunter teilweise auch das wohlriechende Adlerholz &#8211; insbesondere das Holz von Arten der Gattung Aquilaria &#8211; verstanden. Die nun identifizierten Pflanzeninhaltsstoffe sprechen jedoch f\u00fcr Produkte aus der Gattung Aloe und nicht f\u00fcr Adlerholz als Quelle dieser spezifischen Verbindungen. Um welche Aloe-Art es sich urspr\u00fcnglich handelte, l\u00e4sst sich derzeit nicht eindeutig bestimmen.<br \/>\nDer unerwartete chemische Befund veranlasste die Forschenden, alt\u00e4gyptische Schriftquellen erneut zu untersuchen. Dabei r\u00fcckte insbesondere die bislang nicht eindeutig \u00fcbersetzte Substanzbezeichnung &#8222;n?-jm.j&#8220; in den Mittelpunkt. Bestimmte historische Beschreibungen der Substanz und ihrer Verwendung er\u00f6ffnen die M\u00f6glichkeit, dass damit Aloe oder ein daraus gewonnenes Exsudat gemeint gewesen sein k\u00f6nnte. Eine eindeutige Identifizierung ist bislang allerdings nicht m\u00f6glich.<br \/>\nDa Aloe-assoziierte Inhaltsstoffe nur in zwei der 24 untersuchten Objekte nachgewiesen wurden, l\u00e4sst sich daraus keine allgemeine Verwendung bei der Mumifizierung ableiten. Denkbar ist, dass solche Materialien nur bei bestimmten Einbalsamierungspraktiken zum Einsatz kamen, etwa abh\u00e4ngig von der jeweiligen Epoche oder von verf\u00fcgbaren Rohstoffen.<br \/>\nEine weitere Entdeckung betrifft die Geschichte der untersuchten Objekte. Mit Hilfe der ungezielten Metabolomik verglichen die Forschenden unter anderem die chemische Zusammensetzung verschiedener Proben aus dem Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg. Unterst\u00fctzt durch computergest\u00fctzte und KI-basierte Auswertungsverfahren konnten sie charakteristische molekulare Muster erkennen und miteinander vergleichen. Dabei zeigten sich auff\u00e4llige \u00dcbereinstimmungen zwischen einem mumifizierten Kopf und einer separat inventarisierten Pulverprobe. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen beiden Objekten urspr\u00fcnglich ein materieller oder historischer Zusammenhang bestanden haben k\u00f6nnte, obwohl eine solche Verbindung in den erhaltenen Sammlungsunterlagen nicht dokumentiert ist.<br \/>\nDieser Ansatz er\u00f6ffnet neue Perspektiven f\u00fcr die Provenienz- und Museumsforschung. Historische Sammlungen enthalten h\u00e4ufig Objekte, deren Herkunft oder urspr\u00fcngliche Zusammengeh\u00f6rigkeit im Laufe der Zeit nicht mehr vollst\u00e4ndig dokumentiert wurde. Der Vergleich molekularer Fingerabdr\u00fccke k\u00f6nnte helfen, solche Zusammenh\u00e4nge nachtr\u00e4glich zu rekonstruieren. Dabei liefern chemische \u00c4hnlichkeiten wichtige Anhaltspunkte, ersetzen jedoch nicht die historische und sammlungsgeschichtliche \u00dcberpr\u00fcfung einer vermuteten Verbindung.<br \/>\nDie Studie widmet sich auch &#8222;Mumia vera aegyptiaca&#8220;. Das ist eine Arzneidroge, die im sp\u00e4ten Mittelalter und in der Fr\u00fchen Neuzeit in Europa verwendet wurde. Sie wurde aus Mumienmaterial und den daran haftenden Einbalsamierungssubstanzen gewonnen oder als entsprechendes Pr\u00e4parat gehandelt.<br \/>\nDie chemischen Analysen zeigten, dass sich die untersuchten Pr\u00e4parate hinsichtlich ihrer Zusammensetzung teilweise erheblich unterscheiden. In fast allen Proben fanden sich jedoch charakteristische Inhaltsstoffe gealterter Koniferenharze. F\u00fcr bestimmte Bestandteile solcher Harze wurden in experimentellen Untersuchungen antimikrobielle Eigenschaften beschrieben.<br \/>\nErg\u00e4nzend pr\u00fcfte das Forschungsteam daher die biologische Aktivit\u00e4t ausgew\u00e4hlter Pr\u00e4parate. Ein Extrakt aus der Marburger Wigand&#8217;schen Drogensammlung zeigte in Zellkulturversuchen einen moderaten Schutzeffekt gegen die durch Influenzaviren verursachten Zellsch\u00e4den. Die isolierte Hauptverbindung 7-Oxodehydroabietins\u00e4ure erzielte diesen Effekt allerdings nicht.<br \/>\nWelche Inhaltsstoffe f\u00fcr die beobachtete Wirkung verantwortlich sind, ist daher noch ungekl\u00e4rt. Die Ergebnisse liefern einen Ausgangspunkt f\u00fcr weiterf\u00fchrende pharmakologische Untersuchungen. Sie belegen jedoch weder eine direkte Hemmung der Virusvermehrung noch eine therapeutische Wirksamkeit der historischen Arzneidroge gegen Influenza beim Menschen, auch wenn die Textquellen an mehreren Stellen darauf hinweisen, dass das Mittel auch gegen schwere Erk\u00e4ltungssymptome wie Kopfschmerzen, Husten, Halsentz\u00fcndung und Schwindel eingesetzt wurde.<br \/>\nDie Ergebnisse verdeutlichen, wie sich historische Schriftquellen, philologische Textanalyse und moderne molekulare Analytik gegenseitig erg\u00e4nzen k\u00f6nnen. Chemische Befunde liefern neue Anhaltspunkte f\u00fcr die Interpretation alter Texte. Umgekehrt helfen historische Beschreibungen dabei, molekulare Analysedaten in ihren urspr\u00fcnglichen kulturellen und materiellen Kontext einzuordnen und m\u00f6gliche Verwendungen der untersuchten Substanzen besser zu verstehen.<br \/>\n&#8222;Langfristig m\u00f6chten wir damit einen Forschungsansatz etablieren, der historische Schriftquellen, arch\u00e4ologische Objekte und moderne Naturstoffanalytik miteinander verbindet&#8220;, f\u00fchrte Prof. Dr. Raphael Reher vom Institut f\u00fcr Pharmazeutische Biologie und Biotechnologie der Philipps-Universit\u00e4t aus. &#8222;Ziel ist es, nicht nur die chemische Zusammensetzung fr\u00fcher Arzneimittel und Einbalsamierungsmaterialien zu untersuchen, sondern auch ihre Herstellung, Verwendung und historische \u00dcberlieferung sowie kulturelle Einbettung besser zu verstehen.&#8220;<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Erkenntnisse zur alt\u00e4gyptischen Einbalsamierung gewinnen Forschende aus Molek\u00fclanalysen und historischen Schriftquellen. 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