{"id":20621,"date":"2026-09-23T17:48:20","date_gmt":"2026-09-23T15:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20621"},"modified":"2026-09-23T17:48:20","modified_gmt":"2026-09-23T15:48:20","slug":"schreiben-statt-schweigen-lesung-aus-den-tagebuechern-von-friedrich-kellner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20621","title":{"rendered":"Schreiben statt schweigen: Lesung aus den Tageb\u00fcchern von Friedrich Kellner"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne&#8220; lautet der Titel der Tageb\u00fccher von Friedrich Kellner. Ausz\u00fcge daraus wurden am Dienstag (22. September) im UND Marburg vorgelesen. <!--more--><br \/>\nDas Marburger Netzwerk f\u00fcr Demokratie und gegen Rechtsextremismus hat die szenische Lesung aus Friedrich Kellners Tageb\u00fcchern der Jahre 1938 bis 1945 pr\u00e4sentiert. Vorgelesen wurden die Texte des Laubacher Justizinspektors von Chris Sima, Dr. Hans Josef Sch\u00f6neberger und Dr. Georg Dietrich Falk, der die vorgetragenen Passagen auch aus den Tageb\u00fcchern ausgew\u00e4hlt hatte. Die Tageb\u00fccher sind Zeugnisse des aufrechten Gangs eines Deutschen im NS-Staat.<br \/>\nKellner lebte von 1885 bis 1970. Als Justizinspektor leitete er von 1933 bis 1947 die Gesch\u00e4ftsstelle des Amtsgerichts Laubach. Von 1939 bis 1945 f\u00fchrte er heimlich ein Tagebuch. Es besteht aus zehn Heften mit \u00fcber 800 Seiten.<br \/>\n&#8222;Das war mein Widerstand&#8220;, erkl\u00e4rte Kellner einst dazu. &#8222;Es war die einzige M\u00f6glichkeit, die mir noch blieb, um Terror und Gesetzlosigkeit zu bek\u00e4mpfen. In der Gegenwart konnte ich damals die Nazis nicht mehr bek\u00e4mpfen, also entschloss ich mich, sie in der Zukunft mit diesem Tagebuch zu bek\u00e4mpfen, um k\u00fcnftigen Generationen eine Waffe gegen jede Wiederholung solcher Untaten zu geben.&#8220;<br \/>\nDie vorgetragenen Textpassagen bestanden \u00fcberwiegend aus Kommentaren zu aktuellen Ereignissen der sp\u00e4ten 30er und fr\u00fchen 40er Jahre. Gelegentlich schilderten sie auch Alltagsereignisse aus Kellners Umfeld. Wiederholt beschreibt er allerdings das Verhalten und die Aussagen von Richtern, die sich das nationalsozialistische &#8222;Rechtsempfinden&#8220; zu eigen gemacht hatten. Deutlich wird dabei, dass der Rechtsstaat nationalsozialistischer Willk\u00fcr weichen musste und sich viele Zeitgenossen willig zu Mitl\u00e4ufern oder Unterst\u00fctzern des Terroregimes machten.<br \/>\nMittunter beleuchtet Kellner in seinen Tageb\u00fcchern auch Aussagen aus Tageszeitungen oder dem Rundfunk sowie deren Sprache. Wie ein roter Faden zieht sich dabei seine Hoffnung durch die Texte, dass alle Verbrechen einmal ges\u00fchnt werden m\u00fcssen. Oft erweisen sich seine Einsch\u00e4tzungen der Entwicklungen in Gesellschaft und Kriegsverlauf als sehr weitsichtig. Oft sind seine Aussagen sehr klar, wenn er beispielsweise feststellt, dass die Greueltaten der Nazis nie mehr vergessen werden d\u00fcrften.<br \/>\nDass sich dergleichen nie wieder wiederholen darf, war ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Niederschrift, mit der sich Kellner durchaus in Gefahr gebracht hat. Allerdings hielt Falk es f\u00fcr eher unwahrscheinlich, dass die Geheime Staatspolizei (GeStaPo) der Nazis seine Dienstwohnung im Obergeschoss des Gerichtsgeb\u00e4udes durchsucht h\u00e4tte. Letztlich fehlen aber viele Informationen \u00fcber Kellners Privatleben.<br \/>\nIn seinen Tageb\u00fcchern berichtet er aber selber von &#8222;Gardinenpredigten&#8220; der Gerichtspr\u00e4sidenten und Verwarnungen durch Parteifunktion\u00e4re. Falk f\u00fcgte eine Information hinzu, wonach die Nazis \u00fcberlegt hatten, ihn einem Disziplinarverfahren zu unterziehen oder ihn in ein Konzentrationslager zu bringen. Offenbar f\u00fcrchteten sie aber das Aufsehen, das eine solche Ma\u00dfnahme erregt h\u00e4tte.<br \/>\nLange nach Kriegsende h\u00e4ndigte Kellner die Hefte seinem Enkelsohn aus, den sein Sohn in den Vereinigten Staaten von Amerika bekommen hatte und der sich auf die Suche nach den Gro\u00dfeltern begeben hatte. Robert Kellner stellte daraus ein Buch in englicher Sprache zusammen. Der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt wurden die Tageb\u00fccher 2005 mit einer Ausstellung im texanischen College Station, die der ehemalige US-Pr\u00e4sident George Bush senior er\u00f6ffnete. Auf Deutsch ist das Buch erst im Jahr 2011 erschienen.<br \/>\nIn der abschlie\u00dfenden Gespr\u00e4chsrunde mit dem Publikum stand die Frage im Mittelpunkt, welche Lehren Kellners Tageb\u00fccher f\u00fcr die Gegenwart bereithalten. Falk zeigte sich \u00fcberzeugt, dass die heutige Justiz im Gegensatz zu damals gr\u00f6\u00dftenteils von Richterinnen und Richtern getragen wird, die demokratische Werte und den Rechtsstaat verteidigen. Allerdings sieht er durchaus auch die Gefahr, dass Drohungen und Anpassungsdruck dieses demokratische Engagement einschr\u00e4nken k\u00f6nnen.<br \/>\nGe\u00e4u\u00dfert wurde zudem der Wunsch, dass nicht nur \u00e4ltere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger diese Lesung miterleben k\u00f6nnten, wie es beim ersten Termin am Dienstag (22. September) \u00fcberwiegend der Fall war. Angeregt wurden auch Lesungen in Schulen sowie auch in Laubach. Die n\u00e4chste Lesung ist indes f\u00fcr Freitag (25. September) um 19 Uhr erneut im UND Marburg am Steinweg terminiert.<\/p>\n<p>* <a href=\"http:\/\/marburg.news\/team\/fjh\">Franz-Josef Hanke<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne&#8220; lautet der Titel der Tageb\u00fccher von Friedrich Kellner. Ausz\u00fcge daraus wurden am Dienstag (22. 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Dabei handelt es sich um eine szenische Lesung aus Friedrich Kellners Tageb\u00fcchern 1938 bis 1945. \"Das war mein Widerstand\", schrieb Friedrich Kellner. \"Es war die einzige M\u00f6glichkeit, die mir noch blieb, um Terror und Gesetzlosigkeit zu\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":17566,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=17566","url_meta":{"origin":20621,"position":1},"title":"Buch bewegt: Lesung \u00fcber j\u00fcdische Kinder und Jugendliche","date":"24. Februar 2025","format":false,"excerpt":"Das Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) gibt j\u00fcdischen Kindern und Jugendlichen aus der NS-Zeit eine Stimme. Das geschieht bei einer Lesung am Sonntag (16. M\u00e4rz). Was haben j\u00fcdische Kinder und Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus erleben m\u00fcssen? 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