{"id":2035,"date":"2018-03-30T12:33:18","date_gmt":"2018-03-30T10:33:18","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=2035"},"modified":"2018-03-30T12:33:18","modified_gmt":"2018-03-30T10:33:18","slug":"weniger-waere-wirksamer-kinder-der-sonne-blieben-im-dunkeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=2035","title":{"rendered":"Weniger w\u00e4re wirksamer: &#8222;Kinder der Sonne&#8220; blieben im Dunkeln"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wir sind alle Kinder der Sonne&#8220;, sagt der Chemiker Pavl Protasso. Das gleichnamige St\u00fcck von Maxim Gorki feierte am Donnerstag (29. M\u00e4rz) Premiere. <!--more--><br \/>\nDen sperrigen Stoff \u00fcber unerf\u00fcllte Liebe, elit\u00e4re Arroganz und eine hilflose Menschenfreundlichkeit hat die Inszenierung von Nick Hartnagel aber leider nicht zum Strahlen erweckt. Vielmehr blieb die skeptisch-humanistische Aussage Gorkis bei der Premiere im tr\u00fcben Halbdunkel. Dazu trugen zu viele selbstverliebte Regieeinf\u00e4lle bei, die vom Kern ablenkten.<br \/>\nDas begann schon mit dem Aufzug der Darsteller im Foyer des Theaters am Schwanhof (TaSch). Im Stile einer Zirkusband zogen sie mit Trommeln und Rasseln in den Theatersaal ein, wobei die Protagonisten in einer schwer verst\u00e4ndlichen Mischung aus Spanisch und Pseudo-Russisch vorgestellt wurden. Zur Erhellung trug diese clowneske Captatio Benevolentiae allerdings nicht bei.<br \/>\nAuch hatte Harnagel sich nicht wirklich entscheiden k\u00f6nnen, ob er Film- oder Theaterregisseur sein wollte. Ein viel zu gro\u00dfer Teil der Vorstellung bestand aus Videoeinspielungen, die eher Verwirrung stifteten als zur Erhellung der Geschichte beitrugen.<br \/>\nNur einmal setzte er das Video wirklich gekonnt ein, als die Darsteller einer Szene kurz darauf von hinten durch den Theatersaal zur B\u00fchne rannten. Ansonsten wirkte seine Inszenierung wie das angeberische Auftrumpfen eines Webdesigners mit den allerneuesten technischen Finessen.<br \/>\nDass die Premiere dennoch nicht grandios unterging, ist allein den hervorragenden Leistungen der sechs Schauspieler zu verdanken. Ihnen zollte das Publikum am Ende zu Recht begeisterten Applaus.<br \/>\nDen besessenen Forscher Protasso verk\u00f6rperte Camil Morariu absolut \u00fcberzeugend. In seinem Elfenbeinturm bekommt er \u00fcberhaupt nicht mit, dass seine Ehefrau Jelena sich allein aus Frust \u00fcber seine Gleichg\u00fcltigkeit ihr gegen\u00fcber dem Maler Wagin zuwendet. Ebensowenig erkennt er die Brisanz der revolution\u00e4ren Umtriebe ringsum.<br \/>\nSeine sensible Schwester Lisa fand in Lene Dax eine mindestens genauso gute Darstellerin. Zwischen den Beschwichtigungen, sie solle sich wegen ihrer Krankheit doch bitte nicht aufregen, ist sie die Hellsichtigste der sechs Intellektuellen, die im Haus ihres Bruders verkehren.<br \/>\nNoch realit\u00e4tst\u00fcchtiger ist nur Protassos Frau Lena. Victoria Schmidt brachte sie mit Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Leidenschaft geradezu grandios auf die B\u00fchne und zwischen die Zuschauerr\u00e4nge.<br \/>\nInsa Jebens war am Premierenabend die Dritte im Bunde der herausragenden Schauspielerinnen. Ihre Rolle als Melania zeigte eine gebrochene Frau, die dem angebeteten Protasso uneingeschr\u00e4nkt zu F\u00fc\u00dfen liegt. Von Verzweiflung \u00fcber Trauer bis hin zu bedingungsloser Unterwerfung und Entscheidungsst\u00e4rke reichte das Spektrum dieses absolut gekonnt ausgebreiteten Charakters.<br \/>\nDahinter ein wenig zur\u00fcck fielen Karlheinz Schmitt als Maler Wagin und vor Allem Maximilian Heckmann als Tierarzt Tschepurnoj. Aber auch ihre schauspielerischen Leistungen waren durchweg \u00fcberzeugend.<br \/>\nUmso bedauerlicher ist, dass Hartnagel die Chancen vertat, die das Drama von Gorki gerade in der aktuellen Auseinandersetzung zwischen elit\u00e4ren Intellektuellen und gewaltbereiten Populisten b\u00f6te. Dabei m\u00fcsste eine gute Regie den Stoff zuspitzen und f\u00fcr das Publikum nachvollziehbar aufbereiten. Der Respekt vor dem Publikum besteht letztlich nicht in eitler Selbstinszenierung eigener Fertigkeiten, sondern in einer verst\u00e4ndlichen Aufbereitung des Stoffs.<br \/>\nTrotz mancher L\u00e4ngen war der Abend indes immer noch sehenswert. Gorkis Maxime, Humanismus nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben, h\u00e4tte vielleicht noch ein wenig deutlicher zutage treten d\u00fcrfen. Aber seine &#8222;Kinder der Sonne&#8220; wissen ja auch nicht wirklich den richtigen Weg zu ihren durchaus menschenfreundlichen Zielen.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir sind alle Kinder der Sonne&#8220;, sagt der Chemiker Pavl Protasso. Das gleichnamige St\u00fcck von Maxim Gorki feierte am Donnerstag (29. M\u00e4rz) Premiere.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3],"tags":[1250,1251,14],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-wP","jetpack-related-posts":[{"id":432,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=432","url_meta":{"origin":2035,"position":0},"title":"Warten auf Geschichte: Faltz pr\u00e4sentierte Programm seiner letzten Spielzeit","date":"24. April 2017","format":false,"excerpt":"Zufrieden zeigte sich Matthias Faltz mit der Spielzeit 2016\/2017. Das Programm seiner letzten Spielzeit als Intendant des Hessischen Landestheaters stellte er am Montag (24. April) vor. 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