{"id":20312,"date":"2026-07-14T15:07:21","date_gmt":"2026-07-14T13:07:21","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=20312"},"modified":"2026-07-14T15:07:21","modified_gmt":"2026-07-14T13:07:21","slug":"dank-dem-dialekt-mundart-trainiert-hirn-wie-zweisprachigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=20312","title":{"rendered":"Dank dem Dialekt: Mundart trainiert Hirn wie Zweisprachigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Ein Marburger Forschungsteam untersuchte die Hirnstruktur bei Dialektsprechenden. Demzufolge trainiert ein Dialekt das Gehirn ebenso gut wie Zweisprachigkeit. <!--more--><br \/>\nDialekt galt in Deutschland jahrzehntelang als Bildungshindernis. Ein interdisziplin\u00e4res Forschungsteam der Philipps-Universit\u00e4t Marburg hat jetzt das Gegenteil gezeigt: Dialektkompetenz wirkt sich nach einer aktuellen Studie positiv auf die sprachlichen F\u00e4higkeiten aus. Der Erwerb eines Dialekts neben der Standardsprache f\u00fchrt demnach zum selben hirnphysiologischen Ausbau wie Zweisprachigkeit und f\u00f6rdert genau die sprachlichen F\u00e4higkeiten, die f\u00fcr den Erwerb und Gebrauch von weiteren Sprachen ben\u00f6tigt werden.<br \/>\nDie Ergebnisse der Studie publizierte das Autorenteam um den Marburger Phonetiker und Neurolinguisten Prof. Dr. Mathias Scharinger und den fr\u00fcheren Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas &#8211; den Dialektologen Prof. Dr. J\u00fcrgen E. Schmidt &#8211; in &#8222;Nature: Scientific Reports&#8220;. In der nun ver\u00f6ffentlichten Studie hat das interdisziplin\u00e4re Team der Universit\u00e4t Marburg aus den Bereichen Neurolinguistik, Dialektologie, Physik und Medizin erstmals die sprachverarbeitenden Gehirnbereiche von Dialekt- und Nichtdialektsprechenden mit hochaufl\u00f6senden bildgebenden Verfahren (MRT) vermessen.<br \/>\n&#8222;Es ist bekannt, dass der fr\u00fche Erwerb einer zwei- oder mehrsprachigen Kompetenz dazu f\u00fchrt, dass bestimmte Bereiche des sprachverarbeitenden Gehirnnetzwerks st\u00e4rker ausgebaut sind als bei einsprachig sozialisierten Personen&#8220;, erl\u00e4uterte Schmidt. &#8222;Wir wollten der Frage nachgehen, welche Rolle die Dialektbeherrschung in diesem Zusammenhang spielt.&#8220;<br \/>\nWer im heutigen Deutschland mit einem Basisdialekt aufgewachsen ist, ist zugleich seit der Kindheit mit der medial omnipr\u00e4senten Standardsprache vertraut und beherrscht in der Regel zwei Sprachformen (Variet\u00e4ten) des Deutschen. Solche Personen verf\u00fcgen daher im Gegensatz zu den nur im Standarddeutschen Sozialisierten \u00fcber eine &#8222;bivariet\u00e4re&#8220; beziehungsweise &#8222;bilektale&#8220; Kompetenz. In der Studie wurden 26 dialektkompetente Personen aus der n\u00f6rdlichen H\u00e4lfte Hessens mit 23 nur im Standarddeutschen sozialisierten Personen verglichen.<br \/>\nIm Gegensatz zu dem deutschlandweit bekannten Regiolekt des Frankfurter Raums zeichnen sich die zentral-, ost- und nordhessischen Dialekte durch eigenst\u00e4ndige Sprachstrukturen aus, die sich von der Standardsprache unterscheiden und von &#8222;einsprachigen&#8220; Deutschen nicht verstanden werden. Als Ma\u00df f\u00fcr die Dialektbeherrschung wurde ein Test f\u00fcr den &#8222;ai&#8220;-Laut verwendet. Dieser sogenannte &#8222;ai&#8220;-Testwurde am Deutschen Sprachatlas entwickelt und beruht auf einer Lautentwicklung: Der schrift- und standardsprachliche [ai]-Laut geht entweder auf einen vordeutschen Diphthong (Laut aus zwei verschiedenen Vokalen) &#8211; also &#8222;\u00e4i&#8220; oder &#8222;ai&#8220; zur\u00fcck (wie in Bein), oder auf den Langvokal &#8222;i&#8220; wie in &#8222;Iis&#8220; von &#8222;Eis&#8220;.<br \/>\nZun\u00e4chst in der Schrift, dann in der regionalen Umgangssprache und noch sp\u00e4ter in der Standardaussprache sind diese Laute im Lauf der vergangenen 500 Jahre zusammengefallen. Dagegen ist der historische Lautunterschied in praktisch allen Dialekten bis heute erhalten, allerdings in zum Teil stark gewandelter Form: Je nach Dialekt kann Bein daher Been, B\u00e4\u00e4n, Baan oder Boan lauten. Auch haben die historischen Diphthonge und die Langvokale oft ihre Wortzuordnung getauscht.<br \/>\nEinsprachig&#8220; Standarddeutsche scheitern an dem Versuch, den vorgegebenen hochdeutschen ai-W\u00f6rtern die korrekte Dialektform zuzuordnen&#8220;. &#8222;Ob und in welchem Ma\u00df eine vorgeblich dialektkompetente Person die ortstypischen Dialektformen und Wortzuordnungen beherrscht, wurde anhand der einzigartigen Dialektdokumentation des Forschungszentrums \u00fcberpr\u00fcft.<br \/>\n&#8222;F\u00fcr die Untersuchung der hirnmorphologischen Stukturdifferenzen haben wir zwei sich erg\u00e4nzende Standardma\u00dfe verwendet, die kortikale Dicke, also den Querschnitt der Gro\u00dfhirnrinde, und das Volumen der grauen Substanz&#8220;, erl\u00e4uterte Scharinger. &#8222;Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, dass sich die Hirnstruktur von Bilektalen, also Menschen, die einen Dialekt und das Standarddeutsche beherrschen, in bestimmten Teilen des sprachverarbeitenden Netzwerks (siehe Abbildung) signifikant in Dicke und Volumen im Vergleich zu nur Standarddeutsch Sprechenden unterscheidet.&#8220;<br \/>\nBeide Ma\u00dfe weisen demnach bei Dialektsprechenden in diesen Teilen h\u00f6here Werte auf. Das betrifft vergleichbare Regionen, die auch bei zwei- und mehrsprachigen Personen identifiziert werden konnten. Es handelt sich vor allem um drei Bereiche: die mittlere Schl\u00e4fenlappenwindung (beidseitig), der unter anderem eine wichtige Rolle in der Lautverarbeitung zugeschrieben wird, der innenliegende Inselkortex, der als Kern des sprachprozessierenden Netzwerks gilt sowie der orbito-frontale Kortex, der die kognitive Kontrolle und damit auch das Code-Switching unterst\u00fctzt.<br \/>\nDie Leistung im &#8222;ai&#8220;-Test der dialektkompetenten Versuchspersonen korrelierte zudem mit dem Volumen in der beidseitigen mittleren Schl\u00e4fenlappenwindung. &#8222;Damit konnte best\u00e4tigt werden, dass die Unterschiede zwischen den Dialekt- und Nicht-Dialektsprechenden in der Tat auf \u00dcbung und Training im Dialekt zur\u00fcckgehen&#8220;, erg\u00e4nzte Scharinger.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Marburger Forschungsteam untersuchte die Hirnstruktur bei Dialektsprechenden. Demzufolge trainiert ein Dialekt das Gehirn ebenso gut wie Zweisprachigkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5],"tags":[3659,1054,7628],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-5hC","jetpack-related-posts":[{"id":19624,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=19624","url_meta":{"origin":20312,"position":0},"title":"Im Dialekt m\u00f6glich: KI soll auch Regionalsprachen lernen","date":"26. Februar 2026","format":false,"excerpt":"Regionalsprachen sind \"blinde Flecken\" in der Spracherkennung. Marburger Forscher untersuchen aber bereits, wie die \"KI\" Dialekte lernen kann. 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