{"id":19415,"date":"2026-01-29T17:15:00","date_gmt":"2026-01-29T16:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=19415"},"modified":"2026-01-29T17:15:00","modified_gmt":"2026-01-29T16:15:00","slug":"zahl-oder-qual-wie-sagt-der-arzt-es-seinem-patienten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=19415","title":{"rendered":"Zahl oder Qual: Wie sagt der Arzt es seinem Patienten"},"content":{"rendered":"<p>Der Sonderforschungsbereich &#8222;Treatment Expectation&#8220; nimmt die Aufkl\u00e4rung von Patient*innen in den Blick. Er fragt: &#8222;Wie verstehen wir Zahlen, wenn es um die Gesundheit geht?&#8220; <!--more--><br \/>\nViele Studien belegen, dass Patientinnen und Patienten Zahlenvergleiche im medizinischen Kontext nur schwer einordnen k\u00f6nnen, wenn es um Heilungschancen und Nebenwirkungen geht. Welche Formulierungen Nocebo-Effekte bei der Kommunikation in der Praxis und Klinik vermeiden k\u00f6nnen, erkl\u00e4ren die beiden Psychologen Prof. Tobias Kube von der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Prof. Winfried Rief von der Philipps-Universit\u00e4t Marburg in ihrem aktuellen &#8222;Letter&#8220; in der renommierten Fachzeitschrift &#8222;Journal of the American Medical Association&#8220; (JAMA).<br \/>\nIst drei von hundert das Gleiche wie 3 %? Ja und nein! Numerisch ist es gleich, aber emotional empfinden Patientinnen und Patienten die Beschreibung unterschiedlich. Darauf weist der Beitrag von Prof. Tobias Kube von der Klinischen Psychologie und Psychopathologie der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Prof. Winfried Rief von der Abteilung f\u00fcr Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg hin.<br \/>\nRief ist auch stellvertretender Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) &#8222;Treatment Expecation&#8220;, der Placebo-und Nocebo-Effekte erforscht, Kube ist assoziiertes Mitglied des SFB. Ein zentraler Forschungsaspekt dieses Verbunds ist: Wie k\u00f6nnen BehandlerInnen in der \u00e4rztlichen Kommunikation Placebo-Effekte f\u00f6rdern und Nocebo-Effekte vermeiden? Welche besonderen Fallstricke sind zu vermeiden, wenn es darum geht Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufkl\u00e4rung von Patient*Innen zu kommunizieren?<br \/>\nAn einfachen mathematischen Fragestellungen scheitern viele: In einer Studie mit 4.637 erwachsenen US-Amerikanern konnten nur 34 Prozent in einer ungeordneten Zahlenreihe sagen, welcher Wert am h\u00f6chsten ist. So schrieb es Prof. Brian Zikmund-Fisher von der Universit\u00e4t von Michigan, Ende Oktober 2025 im &#8222;JAMA&#8220;.<br \/>\nDas d\u00fcrfte in Deutschland nicht grundlegend unterschiedlich sein. Zikmund-Fisher empfiehlt f\u00fcnf klare Strategien, wie Zahlen verst\u00e4ndlich zu verwenden seien und r\u00e4t von verbalen Umschreibungen wie &#8222;h\u00e4ufig&#8220;, &#8222;sehr selten&#8220; oder &#8222;unwahrscheinlich&#8220; ab. Ohne Kontext und Vergleich bes\u00e4\u00dfen die Begriffe eine geringe Aussagekraft und k\u00f6nnten \u00c4ngste sowie unerw\u00fcnschte Erwartungseffekte f\u00f6rdern.<br \/>\nAllerdings &#8211; so Kube in dem aktuellen Kommentar in &#8222;JAMA&#8220; &#8211; bergen auch Zahlen im medizinischen Kontext dieses Risiko. Was der US-Professor in seinem JAMA-Beitrag nicht erw\u00e4hnt, sind die sogenannten Framing-Effekte. Deshalb zeigen Kube und Rief, dass bei der Wahrnehmung von numerisch dargestellten Testergebnissen und von Wahrscheinlichkeitsbeschreibungen gravierende Unterschiede bestehen.<br \/>\n&#8222;90 Prozent der Patienten \u00fcberstehen die Infektion&#8220; ist mathematisch die gleiche Aussage wie &#8222;zehn Prozent \u00fcberstehen es nicht&#8220;. Aber mit der ersten Aussage wird f\u00fcr einen Patienten die hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles gut wird, in den Vordergrund ger\u00fcckt. &#8222;Das nennt man positives Framing&#8220;, erkl\u00e4rte Kube. Die erste Formulierung wirkt daher eher beruhigend, w\u00e4hrend die zweite \u00c4ngste ausl\u00f6sen kann.<br \/>\n&#8222;Deshalb sollten wir in der Praxis immer ein positives Framing anstreben, vor allem wenn es um potenziell negative und bedrohliche Nachrichten geht&#8220;, forderte er. &#8222;Gerade dann sollten Erkl\u00e4rungen, zum Beispiel wie h\u00e4ufig die Behandlung erfolgversprechend ist oder mit welcher Wahrscheinlichkeit mit gravierenden Nebenwirkungen zu rechnen ist, positiv eingebettet sein.&#8220;<br \/>\nDieser &#8222;Rahmungseffekt&#8220; erkl\u00e4rt, warum Menschen eine gleiche Information unterschiedlich bewerten, je nachdem wie sie sprachlich formuliert wird. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten in ihren fr\u00fchen Pionierarbeiten zur Entscheidungstheorie, dass zwei Aussagen mit identischem Inhalt durch unterschiedliche sprachliche Rahmen (&#8222;Frames&#8220;) g\u00e4nzlich unterschiedliche emotionale Wirkungen und damit Entscheidungen bei Menschen ausl\u00f6sen. Gleicher Inhalt, aber g\u00e4nzlich andere Wahrnehmung, andere Gef\u00fchlslage, andere Bewertung.<br \/>\nDeshalb ist die genaue Sprache so wichtig, weil das Gehirn nicht nur auf den Inhalt, sondern stark auf die emotionale F\u00e4rbung reagiert. Der Psychologie-Professor Kube geht aber noch weiter: &#8222;Neben positivem und negativem Framing ist es auch wichtig, ob Wahrscheinlichkeiten in Prozent oder als H\u00e4ufigkeiten angegeben werden.&#8220;<br \/>\nSo wirke beispielsweise die Aussage &#8222;einer von hundert stirbt&#8220; deutlich bedrohlicher als die Aussage &#8222;ein Prozent stirbt&#8220;. &#8222;Wenn man bei medizinischen Risiken ein negatives Framing in der Kommunikation einsetzt, ist es deutlich besser Prozents\u00e4tze zu verwenden, weil dies abstrakter von Patienten wahrgenommen wird und man sich nicht gleich als die eine m\u00f6gliche Person von Hundert sieht, die betroffen sein k\u00f6nnte&#8220;, riet Rief. Zahlen sind in der medizinischen Kommunikation ein zentraler Bestandteil, sollten aber in Bezug auf die Framing-Effekte mit Bedacht gew\u00e4hlt werden.<br \/>\nVor allem Patienten, die sehr \u00e4ngstlich sind, bed\u00fcrfen einer besonderen Ansprache und erweiterten Kommunikation. &#8222;Den \u00e4ngstlichen und sehr besorgten Patienten sollte ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt werden, wie diese Zahlen zu verstehen sind&#8220;, betonte Kube.<br \/>\n&#8222;Viele PatientInnen verstehen in der Praxis nicht genau, was ein Arzt oder eine \u00c4rztin gesagt und vor allem gemeint hat&#8220;, best\u00e4tigte die Neurologin Prof. Ulrike Bingel. Sie ist Leiterin der Universit\u00e4ren Schmerzmedizin der Universit\u00e4tsmedizin Essen und Sprecherin des SFB &#8222;Treatment Expectation&#8220;, &#8222;denn Gesundheitskommunikation braucht vor allem Zeit, die in der Praxis oft fehlt.&#8220;<br \/>\nGerade vor dem Hintergrund knapper zeitlicher Ressourcen im Gesundheitssystem sieht Kube besonders viel Potential in der sorgsamen Wahrscheinlichkeitsdarstellung: &#8222;Positives Framing kostet nichts und erfordert keine extra Zeit in Gespr\u00e4chen mit Patienten und w\u00e4re somit besonders leicht umzusetzen&#8220;. Jeder Patient und jede Patientin fragt nach Chancen und Risiken, weil Informationen Sicherheit geben.<br \/>\n&#8222;Genau deshalb m\u00fcssen wir Therapeut*Innen schulen, wie sie \u00fcber Diagnosen, Therapien und m\u00f6gliche Nebenwirkungen erwartungssensibel aufkl\u00e4ren&#8220;, forderte Bingel. Die aktuellen Studien zeigten konkret, worauf zu achten sei. Man d\u00fcrfe die PatientInnen nicht allein lassen und sie die Erkl\u00e4rungen im Internet suchen lassen, warnte die Neurologin Bingel.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sonderforschungsbereich &#8222;Treatment Expectation&#8220; nimmt die Aufkl\u00e4rung von Patient*innen in den Blick. 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