{"id":19331,"date":"2026-01-13T12:04:53","date_gmt":"2026-01-13T11:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=19331"},"modified":"2026-01-13T12:04:53","modified_gmt":"2026-01-13T11:04:53","slug":"vernebelnd-sondervermoegen-ist-unwort-des-jahres-2025","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=19331","title":{"rendered":"Vernebelnd: Sonderverm\u00f6gen ist Unwort des Jahres 2025"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2025 ist &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220;. Das hat die Unwort-Jury am Dienstag (13. Januar) in Marburg mitgeteilt. <!--more--><br \/>\nDer Ausdruck &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; ist seit einigen Jahren im gesellschaftlichen Diskurs pr\u00e4sent. Im Jahr 2025 wurde er im \u00f6ffentlich-politischen Sprachgebrauch vermehrt verwendet und pr\u00e4gte sehr deutlich die politischen Debatten \u00fcber Staatsverschuldung und Investitionsprogramme. &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; setzt sich aus den Wortteilen &#8222;sonder&#8220; und &#8222;Verm\u00f6gen&#8220; zusammen.<br \/>\nUnter &#8222;Verm\u00f6gen&#8220; ist eine gro\u00dfe Menge an Eigentum (Geld, Sachwerte etc.) zu verstehen. Das Wortbildungselement sonder bedeutet, dass etwas nicht dem \u00dcblichen entspricht, sondern au\u00dfergew\u00f6hnlich ist. Im Alltagssprachgebrauch wird unter &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; eine spezielle Menge an Eigentum verstanden, die von einem Gesamtverm\u00f6gen abgetrennt ist und einen eigenen Stellenwert einnimmt.<br \/>\nDer Ausdruck stammt urspr\u00fcnglich aus der wirtschaftlichen und juristischen Fachsprache, unter anderem kommt er im Grundgesetz in Artikel 110, im Absatz 1 vor. Im Fachdiskurs \u00fcber den Staatshaushalt # &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; ein sogenannter &#8222;Nebenhaushalt&#8220; bezeichnet, der zur Erf\u00fcllung bestimmter Aufgaben eingerichtet wird und mit der Aufnahme von Schulden oder einer Krediterm\u00e4chtigung verbunden ist. Der Gebrauch dieses verwaltungstechnischen Ausdrucks hat sich im \u00f6ffentlichen Diskurs verselbst\u00e4ndigt.<br \/>\nEr richtet sich in Debatten \u00fcber politische Ma\u00dfnahmen an alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Viele von ihnen sind jedoch nicht mit der administrativen Spezialbedeutung vertraut und orientieren sich an der Alltagsbedeutung. Durch diese Diskrepanz tritt die irref\u00fchrende euphemistische Bedeutung des Wortes deutlich in den Vordergrund. Der Gebrauch des Technizismus in der \u00f6ffentlichen Kommunikation verdeckt, was mit ihm gemeint ist: die Aufnahme von Schulden.<br \/>\nDie Jury kritisiert diesen Gebrauch, weil durch ihn Tatsachen verschleiert werden und wegen seiner manipulativen Wirkung. Dadurch werden demokratische Debatten \u00fcber die Notwendigkeit der Schuldenaufnahme unterminiert: Verst\u00e4ndlichkeit und Aufrichtigkeit werden hinsichtlich der aufgenommenen Schulden vermieden. Wo politische Kommunikation alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger betrifft, ist das sprachkritische Einmahnen von Klarheit und Angemessenheit in der Sprache diskursethisch geboten.<br \/>\nAu\u00dferdem kritisiert die Jury als Unwort auf Platz 2 im Jahr 2025 das Wort &#8222;Zustrombegrenzungsgesetz&#8220;: Zustrombegrenzungsgesetz ist ein Ausdruck, der Zuwanderung mit der Wassermetapher als ,Herbeistr\u00f6men in gro\u00dfen Mengen&#8216; darstellt und Zuwanderung dadurch negativ &#8211; das hei\u00dft als Bedrohung &#8211;<br \/>\nkonnotiert. Bezeichnungen aus dem Bereich der Wassermetaphorik, die sich auf Migration beziehen, sind bereits seit den 50er Jahren in Gebrauch. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsstrom, Asylantenstrom, Fl\u00fcchtlingsflut, Asylantenwelle, Flutwelle, Asyltsunami etc.).<br \/>\nMenschen, die sich auf der Flucht befinden, verschwinden hinter der Bezeichnung eines massenhaften materiellen physikalischen Prozesses (&#8222;zustr\u00f6men&#8220;) und werden damit als gro\u00dfe Menge und Gefahr vorgestellt und zugleich entmenschlicht. Das individuelle Schicksal von Migrierenden wird ausgeblendet. In der kritisierten Wortbildung wird diese Diskriminierung zudem in Form eines Gesetzes institutionalisiert. Auch in diesem Jahr greift die Jury wieder auf die &#8211; 2013 eingef\u00fchrte &#8211;<br \/>\nKategorie des pers\u00f6nlichen Unworts der G\u00e4ste zur\u00fcck. Das pers\u00f6nliche Unwort des diesj\u00e4hrigen Gastes Ronen Steinke lautet &#8222;Umsiedlung&#8220;: Mit dem Ausdruck Umsiedlung warben israelische wie auch amerikanische Politiker 2025 daf\u00fcr, die Bev\u00f6lkerung des umk\u00e4mpften Gazastreifens dauerhaft in ein anderes Land zu schicken. Was klingt wie eine Wohltat, verschleiert ein Verbrechen. Eine &#8222;Umsiedlung&#8220; unter vorgehaltener Waffe nennt man im V\u00f6lkerrecht gemeinhin eine Vertreibung. Und wenn man Zivilistinnen und Zivilisten vor die Wahl stellt, entweder beschossen und bombardiert zu werden oder &#8222;freiwillig&#8220; das zu tun, was man ihnen &#8222;anbietet&#8220;, dann ist das kein Angebot, sondern Zwang. Auch einige deutsche Medien \u00fcbernahmen diese besch\u00f6nigende Sprechweise. F\u00fcr das Jahr 2025 erhielt die Jury insgesamt 2.631 Einsendungen.<br \/>\nDabei wurden 553 Ausdr\u00fccke vorgeschlagen, von denen zirka 70 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Unter den h\u00e4ufigsten Einsendungen &#8211;<br \/>\nmit mindestens 10 Einsendungen &#8211; &#8211; nicht alle von ihnen entsprechen strikt den Kriterien &#8211; waren unter anderem &#8222;Babyboomer&#8220; mit 16, &#8222;Brandmauer&#8220; mit 22, &#8222;Deal&#8220; mit215, &#8222;Drecksarbeit&#8220; mit 91, &#8222;Friedensangst&#8220; mit 582, &#8222;hocheffizienterVerbrenner&#8220; mit 22 Einsendungen, &#8222;kriegst\u00fcchtig&#8220; mit 42, &#8222;Ladeerlebnis&#8220; mit154 und &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; mit 79 sowie &#8222;Stadtbild&#8220; mit 141 und &#8222;tats\u00e4chlich&#8220; mit 20. Hinzu kommen &#8222;Technologieoffenheit&#8220; mit 36, &#8222;umstritten&#8220; mit 427 und &#8222;Zustrombegrenzungsgesetz&#8220; mit 17 Nennungen.<br \/>\nDie Jury der institutionell unabh\u00e4ngigen und ehrenamtlichen Aktion &#8222;Unwort des Jahres&#8220; besteht aus den vier Sprachwissenschaftler*innen Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg, Prof. Dr. Martin Reisigl von der Universit\u00e4t Wien, Prof. Dr. David R\u00f6mer von der Universit\u00e4t Kassel, Prof. Dr. Constanze Spie\u00df von der Philipps-Universit\u00e4t Marburg als Sprecherin und der Journalistin Katharina K\u00fctemeyer. Als j\u00e4hrlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Journalist, Jurist und Mitglied des Deutschen Presserats Dr.Ronen Steinke beteiligt.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2025 ist &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220;. Das hat die Unwort-Jury am Dienstag (13. 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