{"id":18069,"date":"2025-05-26T17:15:00","date_gmt":"2025-05-26T15:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=18069"},"modified":"2025-05-28T09:38:19","modified_gmt":"2025-05-28T07:38:19","slug":"fuer-wiedergutmachung-marburg-und-moshi-blicken-auf-kolonialverbrechen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=18069","title":{"rendered":"F\u00fcr Wiedergutmachung: Marburg und Moshi blicken auf Kolonialverbrechen"},"content":{"rendered":"<p>Marburg und Moshi blicken auf die Kolonialzeit. Der &#8222;Ruf nach Wiedergutmachung&#8220; ist Thema einer Ausstellung im Rathaus.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n&#8222;MAREJESHO &#8211; Ruf nach Wiedergutmachung seitens der V\u00f6lker des Kilimandscharo und des Meru&#8220; lautet der Titel einer Ausstellung, die bis Sonntag (6. Juli) im Marburger Rathaus zu sehen ist. Die Ausstellung thematisiert die deutsche Kolonialherrschaft in Tansania. Der Eintritt ist frei.<br \/>\n&#8222;Die MAREJESHO-Ausstellung thematisiert die Verbrechen der Kolonialherrschaft in Tansania&#8220;, sagte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung im Marburger Rathaus. &#8222;Dabei geht es nicht um Schuld oder Schuldzuweisung, sondern um Erinnerung und Auseinandersetzung. Denn wir wissen um die Gewalt, die auch von mittelhessischen St\u00e4dten ausging. Die verursachte Gewalt und die Verbrechen der Kolonialzeit wirken bis heute nach. Kritischer Dialog statt Vergessen &#8211; dazu l\u00e4dt die Ausstellung ein. Denn, wenn wir erinnern, handeln wir f\u00fcr die Zukunft. Unsere Erinnerungen helfen uns, die Zukunft zu gestalten.&#8220;<br \/>\nDie Ausstellung &#8222;MAREJESHO &#8211; Ruf nach Wiedergutmachung seitens der V\u00f6lker des Kilimandscharo und des Meru&#8220; &#8211; oder auf Englisch &#8222;The call for restitution from the peoples of Kilimanjaro and Meru&#8220; &#8211; ist f\u00fcr die st\u00e4dtepartnerschaftliche Verbindung zwischen Marburg und Moshi von gro\u00dfer Bedeutung. Moshi ist seit Oktober 2023 die siebte Partnerstadt Marburgs. Die Stadt liegt im Nordosten von Tansania am S\u00fcdhang des Kilimandscharo, direkt an der Grenze zu Kenia.<br \/>\nSie hat 220.000 Einwohner, ist Universit\u00e4tsstadt und die Hauptstadt der Region &#8222;Kilimandscharo&#8220; und des Distriktes Moshi. Die von der ehemaligen deutschen Kolonialherrschaft in Tansania verursachte Gewalt und die Verbrechen wirken bis heute nach. Die &#8222;MAREJESHO&#8220;-Ausstellung soll einen gemeinschaftlichen Prozess des beidseitigen Verst\u00e4ndnisses und der Aufarbeitung der Vergangenheit und ihrer Folgen ansto\u00dfen.<br \/>\nDenn die deutsche Kolonialherrschaft in Tansania war sehr gewaltvoll. Die Kolonialherren lie\u00dfen Anf\u00fchrer der lokalen Gruppen \u00f6ffentlich erh\u00e4ngen. Sie schickten K\u00f6rperteile der Anf\u00fchrer und traditionell bedeutungsvolle Wertgegenst\u00e4nde nach Deutschland. Dort lagern sie bis heute in den Depots deutscher Museen.<br \/>\nSeit mehr als 50 Jahren fordern die Angeh\u00f6rigen der Ermordeten die R\u00fcckkehr ihrer verschleppten Vorfahren. 2022 reiste die mobile Recherche-Ausstellung &#8222;Marejesho&#8220; &#8211; das bedeutet &#8222;R\u00fcckkehr&#8220; oder &#8222;R\u00fcckgabe&#8220; auf Swahili &#8211; in sechs D\u00f6rfer am Kilimanjaro und Meru. Sie sollte an das Geschehene erinnern und die historische Chance der Aufarbeitung und Wiedergutmachung durch deutsche Museen an die Menschen in Tansania anmahnen.<br \/>\nDaraus entstand die &#8222;MAREJESHO&#8220;-Ausstellung. Die Fragen und Erwartungen der Gemeinschaften am Kilimanjaro und Meru stehen im Mittelpunkt. Die Ausstellung thematisiert die Notwendigkeit von R\u00fcckgabe und R\u00fcckf\u00fchrung sensibler Objekte. Ebenfalls soll sie den Reichtum m\u00fcndlicher \u00dcberlieferungen und die Komplexit\u00e4t (post-)kolonialer Beziehungen &#8211; damals wie heute &#8211; aufzeigen.<br \/>\nProf. Dr. Harald Renz vom Freundeskreis Marburg-Moshi holte die Ausstellung &#8222;MAREJESHO&#8220; nach Marburg und erz\u00e4hlte, wie er durch die Klinikpartnerschaft zwischen Marburg und Moshi erstmals von den Verbrechen der Deutschen w\u00e4hrend der Kolonialzeit geh\u00f6rt hatte. Danach sei er mit den Mitarbeitenden der Klinik in Moshi in Kontakt getreten und habe von den menschlichen \u00dcberresten erfahren, die damals nach Deutschland entf\u00fchrt worden waren. &#8222;Wunden heilen hei\u00dft Wunden schlie\u00dfen, Wunden versorgen und die Entz\u00fcndung, die da ist, zur Ruhe bringen&#8220;, betonte Renz.<br \/>\nDie Frage nach dem ethischen Umgang mit menschlichen \u00dcberresten spielt in Marburg eine besondere Rolle. So besch\u00e4ftigen sich Beteiligte aus dem universit\u00e4ren Verbundprojekt &#8222;Agency und Ethik &#8211; Sensible Objekte in Hochschulsammlungen&#8220; zusammen mit vier deutschen Kooperationsmuseen mit eben diesem Thema. Diese postkolonialen und ethischen Fragen werden auch f\u00fcr das Museums- und Sammlungskonzept f\u00fcr das Landgrafenschloss in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.<br \/>\nDie drei Kurator*innen Mnyaka Sururu Mboro, Konradin Kunze und Sarita Lydia Mamseri haben die Ausstellung und den Prozess dahinter bei einem Rundgang vorgestellt. Mboro zeigte ein Ritual aus seiner Heimat, das anl\u00e4sslich von Beerdigungen stattfindet. Dabei wird Fl\u00fcssigkeit in eine Pflanze gegossen. Diese Geste f\u00fchrte er symbolisch vor den Besucher*innen aus. Zudem berichtete Mboro, wie seine Gro\u00dfmutter ihm von den Verbrechen der Deutschen erz\u00e4hlte und ihn gebeten hatte, sich daf\u00fcr einzusetzen, dass die sterblichen \u00dcberreste zur\u00fcck in die Heimat gebracht werden.<br \/>\nKonradin Kunze beschrieb, wie die Ausstellung dank K\u00fcnstler*innen, Filmemachende und Wissenschaftler*innen zu einer multimedialen Ausstellung geworden ist, die mit Fotografien, Kunstobjekten und Videoinstallationen arbeitet. Dabei sei es nicht nur gelungen, gestohlene Kulturg\u00fcter wiederzufinden, sondern auch, mittels DNA-Tests menschliche \u00dcberreste zu identifizieren und ihren Familien zur\u00fcckzubringen.<br \/>\n&#8222;Marejesho&#8220; ist ein Projekt von Flinn Works e.V., Berlin Postkolonial und Old Moshi Cultural Tourism Enterprise gef\u00f6rdert im Fonds TURN2 der Kulturstiftung des Bundes. Die Ausstellung im Marburger Rathaus kam auf Einladung von Prof. Dr. Harald Renz vom Freundeskreis Marburg-Moshi zustande. Sie wird in Kooperation mit agent21 Zukunftswerkstatt und der Universit\u00e4tsstadt Marburg durchgef\u00fchrt. In Marburg wird ihre Pr\u00e4sentation von der Universit\u00e4tsstadt Marburg, aus Sondermitteln des Hessisches Ministerium f\u00fcr Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, der Sparkasse Marburg-Biedenkopf und der Sparkassen-Kulturstiftung unterst\u00fctzt.<br \/>\nZur &#8222;MAREJESHO&#8220;-Ausstellung k\u00f6nnen Themenf\u00fchrungen und f\u00fcr Schulen sowie au\u00dferschulische Bildungszusammenh\u00e4nge geeignete Dialog- und Fortbildungsformate gebucht werden. Die Formate k\u00f6nnen jeweils mittwochs von 10 bis 12 Uhr stattfinden und nach Absprache auch w\u00e4hrend der t\u00e4glichen \u00d6ffnungszeiten des Rathauses von Montag bis Donnerstag von 9 bis 17 Uhr und Freitag von 9 bis 12:30 Uhr. Interessiert wenden sich an Thomas Gebauer unter thomas.a.gebauer@gmail.com.<br \/>\nZur thematischen Vertiefung und schulischen Begleitung der MAREJESHO-Ausstellung wird zudem ein Schreib- und Kunstprojekt organisiert, dessen Ergebnisse am 25. Oktober auf der 3. agent21 Zukunftskonferenz in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien pr\u00e4sentiert werden. Mehr Informationen zur St\u00e4dtepartnerschaft mit Moshi findet sich auf der Homepage der Stadt Marburg unter <a href=\"http:\/\/www.marburg.de\/moshi\">www.marburg.de\/moshi<\/a>.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marburg und Moshi blicken auf die Kolonialzeit. 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