{"id":17459,"date":"2025-02-06T13:05:40","date_gmt":"2025-02-06T12:05:40","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=17459"},"modified":"2025-02-06T13:05:40","modified_gmt":"2025-02-06T12:05:40","slug":"gemeinsam-geforscht-warum-wir-uns-nicht-selbst-kitzeln-koennen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=17459","title":{"rendered":"Gemeinsam geforscht: Warum wir uns nicht selbst kitzeln k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Psychologen entschl\u00fcsseln, warum wir uns nicht selbst kitzeln k\u00f6nnen. Ein mathematisches Modell zeigt, wie das Gehirn sensorische Reize verarbeitet. <!--more--><br \/>\nWarum k\u00f6nnen wir uns nicht selbst kitzeln? Warum nehmen wir unsere eigenen Schritte anders wahr als die eines Fremden, der hinter uns l\u00e4uft? Ein interdisziplin\u00e4res Forschungsteam aus den Bereichen Psychologie, Psychiatrie und Neurowissenschaften hat ein mathematisches Modell entwickelt, das erkl\u00e4rt, warum unsere Wahrnehmung bei selbst erzeugten Bewegungen abgeschw\u00e4cht reagiert.<br \/>\nDiese sogenannte &#8222;sensorische Abschw\u00e4chung&#8220; (SA) spielt eine entscheidende Rolle im Verst\u00e4ndnis von Eigen- und Fremdwahrnehmung. &#8222;Die Erkenntnisse k\u00f6nnten langfristig dabei helfen, psychische St\u00f6rungen wie Schizophrenie besser zu verstehen&#8220;, berichtete die Leitautorin Dr. Anna-Lena Eckert. Ihre Studie erscheint in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift &#8222;PLOS ONE&#8220;.<br \/>\nDas mathematische Modell basiert auf der sogenannten &#8222;Bayesianischen Kausalen Inferenz&#8220; und der &#8222;Graphentheorie&#8220;. Es zeigt, dass das Gehirn st\u00e4ndig abw\u00e4gt, ob sensorische Informationen aus einer internen oder externen Quelle stammen: h\u00f6re ich mich selbst oder etwas anderes? Kommt die Ber\u00fchrung von mir selbst oder von meinem Freund oder von einem Fremden?<br \/>\nDas Gehirn ist fortw\u00e4hrend aktiv damit besch\u00e4ftigt, die Ursachen von sensorischen Informationen herauszufinden. Ist der Reiz das vorhersehbare Ergebnis einer eigenen Bewegung, wird er als &#8222;intern&#8220; eingestuft und in der weiteren Verarbeitung herunterreguliert. &#8222;Dies erkl\u00e4rt, warum wir uns nicht selbst kitzeln k\u00f6nnen oder warum wir in einer dunklen Stra\u00dfe den Schritten einer fremden Person mehr Aufmerksamkeit schenken als unseren eigenen&#8220;, erkl\u00e4rte die Psychologin Eckert.<br \/>\nDas Modell wurde mit zwei unabh\u00e4ngigen experimentellen Datens\u00e4tzen getestet, die in den Forschungsgruppen von Prof. Katja Fiehler und Elena F\u00fchrer von der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen sowie Prof. Benjamin Straube und Christina Schmitter von der Philipps-Universit\u00e4t Marburg erhoben wurden. In einem ersten Experiment zur taktilen Wahrnehmung strichen Versuchspersonen mit dem Finger \u00fcber geriffelte 3D-gedruckte Objekte. Kurz bevor der Finger der Versuchsperson an der geriffelten Fl\u00e4che ankommt, wurde ein kleiner Vibrationsreiz an dem Finger pr\u00e4sentiert. Dabei zeigte sich, dass die Wahrnehmung des Vibrationsreizes durch Vorhersagen des Gehirns beeinflusst wurde. Das sei &#8222;ein starker Hinweis auf sensorische Abschw\u00e4chung&#8220;, kommentierte Eckert.<br \/>\nDas zweite Experiment nahm die visuelle Verz\u00f6gerung ins Visier: Teilnehmende sahen ihre Handbewegungen auf einem Bildschirm, wobei sie die Handbewegung in manchen F\u00e4llen selbst aktiv ausf\u00fchrten, und manchmal ihre Hand von einem Hebel passiv bewegt wurde. In einigen F\u00e4llen wurde eine Zeitverz\u00f6gerung zwischen Bewegung und dem Video der Bewegung eingef\u00fcgt. Die Wahrnehmung dieser Verz\u00f6gerung war geringer, wenn die Bewegung aktiv ausgef\u00fchrt wurde.<br \/>\nDie Datens\u00e4tze beider Experimente wurden mit Simulationen und Modelloptimierungen aus der Arbeitsgruppe um die theoretische Psychologin Eckert abgeglichen. Die Berechnungen liefen auf Marburger Hochleistungsrechencluster MaRC3. &#8222;Die Ergebnisse zeigen eine hohe \u00dcbereinstimmung zwischen den experimentellen Daten und den Vorhersagen des Modells&#8220;, berichtete das Forschungsteam.<br \/>\nSensorische Abschw\u00e4chung (SA) spielt nicht nur eine Rolle in der allt\u00e4glichen Wahrnehmung, sondern k\u00f6nnte auch erkl\u00e4ren, warum manche Menschen mit psychischen Erkrankungen Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Handlungen korrekt zuzuordnen. Insbesondere bei Schizophrenie k\u00f6nnte eine ver\u00e4nderte SA dazu beitragen, dass Betroffene das Gef\u00fchl haben, fremdgesteuert zu sein oder ihre eigenen Bewegungen nicht als selbst verursacht wahrnehmen. &#8222;Das entwickelte Modell k\u00f6nnte zuk\u00fcnftig helfen, neue diagnostische und therapeutische Ans\u00e4tze zu entwickeln&#8220;, schloss der Marburger Psychologieprofessor Dominik Endres aus den Ergebnissen. Endres leitet die Arbeitsgruppe &#8222;Theoretische Kognitionswissenschaft&#8220; an der Philipps-Universit\u00e4t.<br \/>\nDas Projekt wurde im Rahmen des Clusterprojekts &#8222;The Adaptive Mind&#8220; durchgef\u00fchrt und ist ein Beispiel f\u00fcr die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachdisziplinen. Die experimentellen Datens\u00e4tze stammen aus den Arbeitsgruppen von Prof. Katja Fiehler aus Gie\u00dfen und Prof. Benjamin Straube aus Marburg, w\u00e4hrend Endres und Dr. Anna-Lena Eckert das mathematische Modell entwickelten und auf die Daten optimierten.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psychologen entschl\u00fcsseln, warum wir uns nicht selbst kitzeln k\u00f6nnen. 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