{"id":17310,"date":"2025-01-13T10:44:51","date_gmt":"2025-01-13T09:44:51","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=17310"},"modified":"2025-01-15T12:10:43","modified_gmt":"2025-01-15T11:10:43","slug":"unwort-2024-ausdruck-biodeutsch-wird-diskriminierend-benutzt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=17310","title":{"rendered":"Unwort 2024: Ausdruck &#8222;Biodeutsch&#8220; wird diskriminierend benutzt"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Biodeutsch&#8220; ist Unwort des Jahres 2024. Das hat die Jury am Montag (13. Januar) in Marburg bekanntgegeben. <!--more--><br \/>\nDie Jury aus Sprachwissenschaftlern hat &#8222;biodeutsch&#8220; zum Unwort des Jahres 2024 gew\u00e4hlt. Insgesamt waren bei der Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Constanze Spie\u00df aus Marburg mehr als <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=17242\">3.100 Vorschl\u00e4ge eingegangen<\/a>. Spie\u00df ist Sprecherin der sprachkritischen Aktion &#8222;Unwort des Jahres&#8220; und Professorin f\u00fcr Pragmalinguistik am Institut f\u00fcr Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universit\u00e4t.<br \/>\nIm Vorjahr hatte die Jury &#8222;Remigration&#8220; zum Unwort des Jahres gek\u00fcrt. 2024 standen auch Ausdr\u00fccke wie &#8222;kriegst\u00fcchtig werden&#8220; und &#8222;Menschenmaterial&#8220; sowie &#8222;illegale Migration&#8220; zur Wahl. Viele der W\u00f6rter spiegelten den Verfall der Diskussionskultur in Deutschland wider, meinte die Jury-Vorsitzende.<br \/>\n&#8222;Biodeutsch&#8220; setzt sich aus dem Wortbildungselement &#8222;bio&#8220; und dem Eigenschaftswort &#8222;deutsch&#8220; zusammen, wobei &#8222;bio&#8220; eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr &#8222;biologisch&#8220; darstellt. Mit dem Wort &#8222;biodeutsch&#8220; wird eine rassistische, biologistische Form von Nationalit\u00e4t konstruiert. Urspr\u00fcnglich ironisch als satirischer Ausdruck verwendet, der mit dem Bio-Siegel als G\u00fcte-Siegel f\u00fcr \u00f6kologischen Anbau spielte, ist f\u00fcr &#8222;biodeutsch&#8220; seit mehreren Jahren eine sehr gedankenlose und unreflektierte, nicht-satirische &#8211; also w\u00f6rtlich gemeinte &#8211; Verwendung festzustellen.<br \/>\nDabei wird &#8222;Deutschsein&#8220; naturbezogen begr\u00fcndet, um eine Abgrenzung und Abwertung von Deutschen mit Migrationsbiographie vorzunehmen. &#8222;Biodeutsch&#8220; steht zusammen mit den zugeh\u00f6rigen Substantiven &#8222;Biodeutsche&#8220; und &#8222;Biodeutscher&#8220; in einer Reihe mit weiteren W\u00f6rtern wie &#8222;Passdeutsche&#8220; oder &#8222;echte Deutsche&#8220;, die dazu dienen, Menschengruppen, die vor dem Gesetz gleich sind, ungleiche Eigenschaften zuzuschreiben und sie somit hierarchisch zu klassifizieren. Die-se mit dem Gebrauch von &#8222;biodeutsch&#8220; einhergehende Unterteilung in angeblich &#8222;echte&#8220; Deutsche und in Deutsche zweiter Klasse ist eine Form von Alltagsrassismus.<br \/>\nDie Jury kritisiert nicht den ironisch-satirischen, sondern den diskriminierenden Wortgebrauch, weil er gegen die Idee von demokratischer Gleichheit und Inklusion verst\u00f6\u00dft und eine Privilegierung der imagin\u00e4ren Gemeinschaft der &#8222;Biodeutschen&#8220; gegen\u00fcber Gruppen darstellt, die aus dem rassistischen Konstrukt der vermeintlichen &#8222;Biodeutschen&#8220; ausgeschlossen werden. Durch die nicht-ironische Verwendung des Wortes wird ein biologischer Zusammenhang von Nationalit\u00e4t und &#8222;Deutschsein&#8220; imaginiert, den es nicht gibt.<br \/>\nAu\u00dferdem kritisiert die Jury als Unwort auf Platz 2 im Jahr 2024 &#8222;Heizungsverbot&#8220;: Der Ausdruck &#8222;Heizungsverbot&#8220; stellt eine irref\u00fchrende Bezeichnung dar, die im Zusammenhang mit dem &#8211; ab 1. Januar 2024 geltenden &#8211; reformierten Geb\u00e4udeenergiegesetz verwendet wurde, um klimasch\u00fctzende Ma\u00dfnahmen zu diskreditieren. Der Ausdruck ist irref\u00fchrend, weil durch das Geb\u00e4udeenergiegesetz weder das Heizen noch Heizungen verboten werden. Vielmehr wird der Neueinbau von Heizungssystemen, die fossile Brennstoffe verwenden, untersagt und es werden stattdessen alternative Heizungssysteme gefordert, die umweltschonendere &#8211; zu mindestens 65 Prozent erneuerbare &#8211; Energien verwerten.<br \/>\nAuch 2024 hat die Jury wieder auf die &#8211; 2013 eingef\u00fchrte &#8211; Kategorie des pers\u00f6nlichen Unworts der G\u00e4ste zur\u00fcck.<br \/>\nDas pers\u00f6nliche Unwort der diesj\u00e4hrigen G\u00e4ste Saba-Nur Cheema und Meron Mendel ist &#8222;importierter Antisemitismus&#8220;: Der Ausdruck &#8222;importierter Antisemitismus&#8220; suggeriert, dass Judenhass insbesondere mit dem Zuzug von Migrantinnen und Migranten (aus arabischen L\u00e4ndern) zu einem Problem geworden sei. Vor allem in rechten Kreisen wird der Begriff verwendet, um Musliminnen und Muslime und Menschen mit Migrationsbiographie auszugrenzen und vom eigenen Antisemitismus abzulenken. Zudem werden damit Musliminnen und Muslime, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland sozialisiert wurden und die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit besitzen, als &#8222;importiert&#8220; und damit als &#8222;nicht-deutsch&#8220; und nicht zugeh\u00f6rig zur Gesell-schaft dargestellt.<br \/>\nF\u00fcr das Jahr 2024 erhielt die Jury insgesamt 3.172 Einsendungen. Dabei wurden 655 verschiedene Ausdr\u00fccke vor-geschlagen, von denen rund 80 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen.<br \/>\nDie Jury der institutionell unabh\u00e4ngigen und ehrenamtlichen Aktion &#8222;Unwort des Jahres&#8220; besteht aus den vier Sprachwissenschaftler*innen Dr. Kristin Kuck von der Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg, Prof. Dr. Martin Reisigl von der Universit\u00e4t Wien, Prof. Dr. David R\u00f6mer von der Universit\u00e4t Kassel, der Jury-Sprecherin Prof. Dr. Constanze Spie\u00df von der Phipps-Universit\u00e4t Marburg und der Journalistin Katharina K\u00fctemeyer. Als j\u00e4hrlich wechselnde Mitglieder waren in diesem Jahr<br \/>\ndie Politologin und Publizistin Saba-Nur Cheema sowie der Publizist und Historiker Meron Mendel beteiligt.<\/p>\n<p>* pm: Jury &#8222;Unwort des Jahres&#8220;, Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Biodeutsch&#8220; ist Unwort des Jahres 2024. Das hat die Jury am Montag (13. 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Dezember) angek\u00fcndigt. Spie\u00df ist Sprecherin der sprachkritischen Aktion \"Unwort des Jahres\" und Professorin f\u00fcr Pragmalinguistik am Institut f\u00fcr\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":8545,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=8545","url_meta":{"origin":17310,"position":1},"title":"Zersetzungskraft der Sprache: &#8222;Pushback&#8220; ist das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2021","date":"12. Januar 2022","format":false,"excerpt":"\"Pushback\" ist das \"Unwort des Jahres\" 2021. Das hat Prof. Dr. Constanze Spie\u00df im Namen der Jury am Mittwoch (12. Januar) in Marburg mitgeteilt. \"Der Ausdruck \"Pushback\" stammt aus dem Englischen und bedeutet \"zur\u00fcckdr\u00e4ngen\" oder \"zur\u00fcckschieben\". 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