{"id":16701,"date":"2024-10-22T19:29:11","date_gmt":"2024-10-22T17:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=16701"},"modified":"2024-10-23T14:29:30","modified_gmt":"2024-10-23T12:29:30","slug":"angefangen-vortragsreihe-konflikte-in-gegenwart-und-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=16701","title":{"rendered":"Angefangen: Vortragsreihe &#8222;Konflikte in Gegenwart und Zukunft&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Vortragsreihe \u201eKonflikte in Gegenwart und Zukunft\u201c begann am Montag (21. Oktober). Sie wird vom Zentrum f\u00fcr Konfliktforschung der Philipps-Universit\u00e4t Marburg in Zusammenarbeit mit der Universit\u00e4tsstadt Marburg durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Auftakt der Reihe machte der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Andr\u00e9 Brodocz aus Erfurt mit einem Vortrag zum Thema \u201eWas Sie schon immer \u00fcber Th\u00fcringen wissen wollten\u201c. Im Mittelpunkt standen die drei letzten Landtagswahlen 2014, 2019 und 2024. Diese Wahlen kennzeichnen wichtige politische Umbr\u00fcche. Jede von ihnen wird auf ihre Weise als \u201eNovum\u201c in der politischen Geschichte des Bundeslandes betrachtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Brodocz wies darauf hin, dass die Wahlergebnisse in Th\u00fcringen h\u00e4ufig zu schnell durch eine Ost-West-Erkl\u00e4rung reduziert werden. Das lenke jedoch von anderen Aspekten ab, die aus demokratietheoretischer Sicht relevant seien. In diesem Zusammenhang hob er drei wesentliche Ph\u00e4nomene hervor: die Rolle der Opposition sowie die Bedeutung der Abwahl von Regierungen, den Wandel von einer Interessen- zu einer Identit\u00e4tspolitik und schlie\u00dflich die gegenw\u00e4rtige Verschiebung der repr\u00e4sentativen Demokratie von einer Parteien- hin zu einer Publikumsdemokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bodo Ramelow wurde 2014 zum Ministerpr\u00e4sidenten von Th\u00fcringen gew\u00e4hlt. Er war der erste Ministerpr\u00e4sident der Linkspartei und bildete damit erstmals eine rot-rot-gr\u00fcne Koalition im Land. Nach dieser Wahl stieg die Zufriedenheit der Bev\u00f6lkerung mit der Demokratie erheblich. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der langj\u00e4hrigen CDU-Regierungszeit hatte sie bei etwa 50 % gelegen. Nun kletterte sie auf \u00fcber 60 %. Dieser Anstieg verdeutlicht, dass Wahlen nicht nur eine Auswahl, sondern auch eine Abwahl von Parteien erm\u00f6glichen. Sie best\u00e4tigen das demokratische Versprechen, Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Besonders die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der Linken und Gr\u00fcnen, die 2014 Teil der Koalition wurden, gewannen neues Vertrauen in die Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Landtagswahlen 2019 wurde die Linkspartei unter Ramelow erneut st\u00e4rkste Fraktion im Parlament und konnte ihr Wahlergebnis sogar verbessern. Dennoch verlor die rot-rot-gr\u00fcne Landesregierung ihre absolute Mehrheit. Dieses Ergebnis war \u00fcberraschend, da die Regierungsbilanz insgesamt positiv war. Die Arbeitslosenquote war w\u00e4hrend der Amtszeit von 8 % auf 5 % gesunken. Auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes war gestiegen. Trotz dieser Erfolge gelang es der Koalition nicht, ihre Mehrheit zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Brodocz verdeutlicht der Wahlverlauf einen klaren Wandel von einer Interessen- hin zu einer Identit\u00e4tspolitik. F\u00fcr viele W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler tr\u00e4ten wirtschaftliche oder soziale Anliegen zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen gewinne die politische Identit\u00e4t an Bedeutung. Das wirke sich darauf aus, wie politische Konflikte ausgetragen werden. Interessenskonflikte lie\u00dfen sich oft durch gemeinsame Schnittmengen l\u00f6sen. Identit\u00e4tskonflikte seien jedoch schwieriger zu bew\u00e4ltigen, da sie h\u00e4ufig das Aushandeln eines Teils der eigenen Identit\u00e4t erfordern. Die Herausforderung bestehe darin, solche Konflikte auf zivilisierte Weise zu kl\u00e4ren. Es liege in der Verantwortung aller, einen respektvollen und konstruktiven Dialog zu f\u00f6rdern, der verschiedene Identit\u00e4ten wertsch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer entscheidender Faktor bei den Wahlen 2019 war der massive Erfolg der AfD. Sie gewann nicht nur W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler von anderen Parteien, sondern mobilisierte insbesondere viele Nichtw\u00e4hler*innen. Spitzenkandidat Bj\u00f6rn H\u00f6cke schnitt im pers\u00f6nlichen Zustimmungswert allerdings schlechter ab als die Partei selbst.&nbsp;Das deutet darauf hin, dass die AfD 2019 vor allem aus Protest gew\u00e4hlt wurde und weniger aus einer pers\u00f6nlichen Identifikation mit ihren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landtagswahl 2019 markiert einen historischen Umbruch. Sie f\u00fchrte zu einer Regierungskrise. Erstmals konnten CDU, SPD, FDP und Gr\u00fcne keine parlamentarische Mehrheit bilden. Sie erreichten lediglich etwa 40 % der Stimmen. Die CDU schloss eine Zusammenarbeit mit der AfD und der Linkspartei kategorisch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrte zu einer Blockade, die mehr als drei Monate anhielt und drei Wahlg\u00e4nge f\u00fcr die Ministerpr\u00e4sidentenwahl erforderte. Schlie\u00dflich wurde der FDP-Kandidat Thomas Kemmerich gew\u00e4hlt. Er war der erste Ministerpr\u00e4sident einer Fraktion, die gerade so mit 5 % den Landtag erreicht hatte. Seine Wahl wurde au\u00dferdem erstmals durch die Stimmen der AfD erm\u00f6glicht. Am Tag nach seiner Wahl trat er jedoch wieder zur\u00fcck. Daraufhin wurde eine Minderheitsregierung aus Linken, SPD und Gr\u00fcnen gebildet. Ramelow wurde erneut Ministerpr\u00e4sident.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Szenario verdeutlicht laut Brodocz die Oppositionskrise der CDU in Th\u00fcringen. Zudem hebe es die Bedeutung einer effektiven Opposition f\u00fcr das Funktionieren der Demokratie hervor. Durch die Brandmauer zur AfD sowie die strikte Weigerung, mit der rot-rot-gr\u00fcnen Minderheitsregierung zusammenzuarbeiten, blockierte sich CDU selbst. Das f\u00fchrte dazu, dass sie weder eine eigene Regierung bilden noch als konstruktive Oppositionskraft auftreten konnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine funktionierende Demokratie setze jedoch voraus, dass die Opposition die Regierung \u00fcberwacht und alternative politische L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert. In Th\u00fcringen gelang es der CDU nicht, diese Rolle zu erf\u00fcllen. Daher konnte die Minderheitsregierung Ramelows ihre gesamte Legislaturperiode nicht auf eigene St\u00e4rke st\u00fctzen, sondern \u00fcberdauerte vielmehr aufgrund des politischen Stillstands, den die oppositionsunf\u00e4hige CDU herbeif\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich betrachtete Brodocz die Landtagswahlen 2024 und beleuchtete damit die Verbindungen zur Gegenwart. Die Ergebnisse waren alarmierend: Die AfD erhielt \u00fcber 30 % der Stimmen, gefolgt von der CDU mit 23 %. Die Linke erlitt einen dramatischen R\u00fcckgang auf 13 %. Besonders bemerkenswert war der Erfolg des im M\u00e4rz gegr\u00fcndeten B\u00fcndnisses Sahra Wagenknecht (BSW), das aus dem Stand heraus fast 16 % der Stimmen bekam. Im Gegensatz dazu schafften es die Gr\u00fcnen und die FDP nicht, in den Landtag einzuziehen. Dieses Wahlergebnis resultiere in einer tiefgreifenden Ver\u00e4nderung der politischen Landschaft. Die Sitzverteilung hat sich stark gewandelt und die traditionellen Parteien sind geschw\u00e4cht. Neue Akteure wie die AfD und das BSW konnten dagegen erhebliche Erfolge verbuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen entscheidenden Grund f\u00fcr den Erfolg von AfD und BSW sieht Brodocz im Wandel unserer repr\u00e4sentativen Demokratie von einer Parteien- hin zu einer Publikumsdemokratie. Fr\u00fcher sei die Wahl oft ein Ausdruck sozialer Identit\u00e4t gewesen. Dabei stand die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Partei und deren Werte im Vordergrund. Heute gewinnen Pers\u00f6nlichkeiten im politischen Wettbewerb zunehmend an Bedeutung. Dieser Wandel sei eng mit der medialen Pr\u00e4senz und Inszenierung der Kandidierenden verbunden.&nbsp;Medientauglichkeit und ein starkes Image seien heute ausschlaggebend f\u00fcr den Wahlerfolg. <\/p>\n\n\n\n<p>Laut Brodocz bevorzugen Walhberechtigte Kandidierende, die sich von anderen abheben und als \u00fcberlegen wahrgenommen werden. Ob diese Pers\u00f6nlichkeiten tats\u00e4chlich herausragende F\u00e4higkeiten besitzen, spiele dabei eine geringere Rolle; entscheidend sei, wie sie von der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen werden. Da zuk\u00fcnftige politische Herausforderungen immer unvorhersehbarer werden, verlieren Parteiprogramme an Bedeutung. W\u00e4hlende vertrauen zunehmend Personen, von denen sie glauben, dass sie in einer unsicheren Zukunft in ihrem Sinne agieren werden. Wahlentscheidungen seien somit auch eine Reaktion auf aktuelle Konflikte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis der AfD bei der Landtagswahl 2024 ist Brodozc zufolge daher nicht mehr lediglich Ausdruck eines Protests, wie es 2019 m\u00f6glicherweise noch der Fall war. Es spiegle eine echte Wertsch\u00e4tzung der Spitzenkandidaten wider. Diese Entwicklung mache eine strategische Neuausrichtung der anderen Parteien notwendig. Um die W\u00e4hlerschaft zur\u00fcckzugewinnen, reiche es nicht aus, lediglich Kritik an den erstarkten Parteien zu \u00fcben. Entscheidend werde sein, \u00fcberzeugende Pers\u00f6nlichkeiten zu pr\u00e4sentieren, die das Vertrauen der W\u00e4hler gewinnen und als glaubw\u00fcrdige F\u00fchrungsfiguren gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit mehr als zwanzig Jahren organisiert das Zentrum f\u00fcr Konfliktforschung an der Philipps-Universit\u00e4t die Vortragsreihe \u201eKonflikte in Gegenwart und Zukunft\u201c. In den letzten drei Semestern hat sich die Reihe als \u00e4u\u00dferst erfolgreich erwiesen. Prof. Dr. Thorsten Bonacker, der das Programm leitet, zeigte sich beeindruckt vom starken Zuspruch; der historische Rathaussaal war bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Das unterstreiche die Ziele der Vortragsreihe: Die Themen werden in enger Zusammenarbeit zwischen Universit\u00e4t und Stadt ausgew\u00e4hlt. Sie konzentrieren sich auf wissenschaftlich fundierte Fragen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Im Fokus stehen Anliegen, die in der \u00f6ffentlichen Debatte von Bedeutung sind und die Bev\u00f6lkerung bewegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausblick auf die kommenden Veranstaltungen der Vortragsreihe verspricht spannende Einblicke in aktuelle politische Themen. Dazu z\u00e4hlen die Wahlen in den USA, die Herausforderungen unserer Demokratie sowie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der n\u00e4chste Vortrag findet am Montag (4. November) statt. Sein Titel lautet: \u201eWenn zwei sich streiten, sieht der Dritte mehr: Einige logische und soziologische Implikationen stabiler Konflikte\u201c. Referent ist der Professor f\u00fcr Soziologie Dr. Armin Nassehi von der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU). Die Veranstaltung beginnt um 18:30 Uhr in der Aula der Alten Universit\u00e4t.<br><br>*Leonie Schulz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vortragsreihe \u201eKonflikte in Gegenwart und Zukunft\u201c begann am Montag (21. Oktober). 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