{"id":16664,"date":"2024-10-20T15:15:05","date_gmt":"2024-10-20T13:15:05","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=16664"},"modified":"2024-10-20T22:25:18","modified_gmt":"2024-10-20T20:25:18","slug":"eindringliche-erlebnisse-johanna-stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=16664","title":{"rendered":"Eindringliche Erlebnisse: &#8222;JOHANN*A &#8211; Stell dir vor es ist Krieg und (k)eine*r geht hin&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Das St\u00fcck &#8222;JOHANN*A \u2013 Stell dir vor es ist Krieg und (k)eine*r geht hin&#8220; feierte am Samstag (21. September) seine Premiere. Am Samstag (19. Oktober) wurde die Inszenierung des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM) im Erwin-Piscator-Haus (EPH) erneut gezeigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Der Saal wird von einem irritierenden Dr\u00f6hnen erf\u00fcllt, als die Zuschauer auf ihre Pl\u00e4tze sitzen. In einem gespenstischen Schwarz-Wei\u00df-Szenario liegen die Schauspieler*innen auf einem Steg, der von der B\u00fchne aus zentrale in den Zuschauerraum f\u00fchrt. Alle sind in wei\u00dfe Gew\u00e4nder geh\u00fcllt, die in scharfem Kontrast zur Dunkelheit des Raumes stehen. Bedrohliche Musik schwillt an, w\u00e4hrend die acht Schauspielenden sich m\u00fchsam vorw\u00e4rts robben. Auf der B\u00fchne t\u00fcrmen sich acht St\u00fchle. Sie sind chaotisch und achtlos \u00fcbereinandergeworfen. Es ist ein Bild der Verwahrlosung und Zerst\u00f6rung, das an ein Schlachtfeld erinnert. Die Atmosph\u00e4re ist d\u00fcster und beklemmend. Inmitten dieser Kulisse steht ein junges M\u00e4dchen und singt mit ergreifender Stimme: \u201eSag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Was ist geschehen? Wann wird man je verstehen?\u201c Ihre melancholischen Fragen hallen durch den Raum. Sie dringen in die Herzen der Zuschauer, die in die Tiefe der tragischen Darstellung eintauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;JOHANN*A \u2013 Stell dir vor, es ist Krieg und (k)eine*r geht hin&#8220; setzt sich zeitgem\u00e4\u00df mit dem Mythos der Jeanne d\u2019Arc auseinander. Das St\u00fcck betrachtet den Krieg sowohl als \u00e4u\u00dferen Konflikt als auch als inneren Kampf. Basierend auf Schillers \u201eDie Jungfrau von Orleans\u201c nimmt es das Publikum mit auf eine introspektive Reise ins menschliche Seelenleben. Dabei werden grundlegende Fragen zu Krieg, Kampf und Tod aufgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna von Orleans \u2013 auch bekannt als die heilige Jungfrau, Jeanne d&#8217;Arc oder la Pucelle \u2013 ist eine faszinierende Figur der Geschichte. Ihr Mythos schwankt zwischen den Extremen: Kriegerin und Heilige, Nationalheldin und Widerstandsk\u00e4mpferin. Jeanne wurde als Tochter eines Sch\u00e4fers w\u00e4hrend des Hundertj\u00e4hrigen Krieges zwischen Frankreich und England geboren. Mit etwa 13 Jahren h\u00f6rte sie g\u00f6ttliche Stimmen. Diese Stimmen forderten sie auf, Orleans von den Engl\u00e4ndern zu befreien und den franz\u00f6sischen Thronfolger nach Reims zu bringen. Mit einem Heer an ihrer Seite errang sie \u00fcberraschende Siege f\u00fcr Frankreich. Schlie\u00dflich wurde sie gefangen genommen, als Hexe verurteilt und 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Urteil wurde 1456 aufgehoben, und 1920 wurde sie heiliggesprochen. Friedrich Schiller verwendete diese historische Figur als Grundlage f\u00fcr sein Drama \u201eDie Jungfrau von Orleans\u201c und erweiterte ihren Mythos literarisch. \u201eWas bleibt, ist die tote Heldin und die tausend Bilder und Erz\u00e4hlungen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eJOHANN*A<em>\u201c&nbsp;<\/em>sucht Autorin Julienne de Muirier nach einer Interpretation von Schillers Drama, die ins Heute passt. Sie beschreibt Johanna als eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr vielf\u00e4ltige Narrative: als Heldin, Racheg\u00f6ttin, S\u00fcndenbock, Widerst\u00e4ndige oder als Symbol f\u00fcr nationale Identit\u00e4t. Diese unterschiedlichen Darstellungen werfen die Frage auf, was eigentlich hinter diesen Projektionen verborgen liegt. Wie wirken diese widerspr\u00fcchlichen Kr\u00e4fte aufeinander, wenn Johanna sich selbst fragt, wer sie wirklich ist?&nbsp;Hier beginnt die Erz\u00e4hlung von Johann*a.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt die Geschichte einer Schlacht zu erz\u00e4hlen, geht die Inszenierung einen entscheidenden Schritt weiter. Sie untersucht, was Krieg f\u00fcr jede Einzelne und jeden Einzelnen bedeutet und welche Emotionen er in uns hervorruft. Der Fokus verschiebt sich vom kollektiven \u201eWir\u201c hin zur pers\u00f6nlichen Auseinandersetzung mit dem \u201eIch\u201c. Die introspektive Betrachtung bringt die inneren K\u00e4mpfe und Zerrissenheit ans Licht. Dadurch wird sichtbar, inwiefern Krieg nicht nur \u00e4u\u00dfere Konflikte schafft, sondern auch unsere tiefsten Zweifel und \u00c4ngste verst\u00e4rkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Spannungsfeld zwischen \u00e4u\u00dferer Aggression und innerem Tumult beleuchtet das St\u00fcck grundlegende Fragen: Warum entscheidet sich ein Mensch, in den Krieg zu ziehen? \u201eBesch\u00fctzen wir die Welt, oder muss die Welt vor uns gesch\u00fctzt werden\u201c? Warum wollen wir Krieg, warum k\u00e4mpfen wir? Und wie viel Johann*a steckt in mir? Was w\u00fcrden wir tun, w\u00e4ren wir Johann*a? Steht letztendlich \u201enicht auf jeder Seite eine Johanna oder ein Johann, die sich \u00e4ngstlich ins Gesicht blicken, suchend nach Liebe und Verbundenheit?\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Regisseurin Miriam Ibrahim und ihr Team f\u00fchren das Publikum auf eine emotionale Reise. Das EPH verwandelte sich in einen Raum voller sinnlicher Erlebnisse. Denn die Theaterauff\u00fchrung bietet mehr als nur eine inhaltliche Auseinandersetzung; sie schafft unmittelbare Erfahrungen. Die beeindruckenden schauspielerischen Leistungen des Ensembles tragen ma\u00dfgeblich zur sp\u00fcrbaren Intensit\u00e4t des St\u00fccks bei. Das B\u00fchnenbild mit gro\u00dfen Projektionsfl\u00e4chen und einem Steg, der durch den Zuschauerraum verl\u00e4uft, erm\u00f6glicht es, dass das Spiel vor, neben und hinter dem Publikum stattfindet. So werden die Zuschauer aktiv in das Geschehen einbezogen.&nbsp;Es r\u00fcckt in unmittelbare N\u00e4he. Die Expressionen und Blicke der Akteur*innen wirken dadurch noch eindringlicher.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung regt zum Nachdenken an und bleibt nachhaltig in Erinnerung. Eine besonders ergreifende Szene zeigt eine mechanische Beschreibung der Funktionsweise von Waffen \u2013 von Drohnen und Raketen bis hin zu Panzern und Maschinengewehren. Die n\u00fcchterne Aufz\u00e4hlung ihrer Anwendung sowie der Zerst\u00f6rung, die sie verursachen, verdeutlicht die Absurdit\u00e4t ihrer blo\u00dfen Existenz. Warum haben wir diese t\u00f6dlichen Maschinen nur geschaffen? Was tun wir hier eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das St\u00fcck konfrontiert uns mit der brutalen Realit\u00e4t von Krieg und Gewalt.&nbsp;Es bringt den oft fernen Krieg schmerzhaft und erschreckend nah. Diese d\u00fcstere, aber notwendige Auseinandersetzung ist ein eindringlicher Reality Check. Die Auff\u00fchrung zeigt, dass wir die Augen vor der Grauenhaftigkeit dieser Thematik nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen. Eindrucksvolle Bilder und aufw\u00fchlende Fragen lassen keinen Zuschauer unber\u00fchrt. Die Absurdit\u00e4t und Tragik von Krieg und Kampf werden auf eine Weise erlebbar, die uns dazu zwingt, \u00fcber unser eigenes Verh\u00e4ltnis zu diesem Thema nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Stell dir also vor, es ist Krieg, aber keine*r geht hin. Was w\u00e4re, wenn einfach niemand mitmachen, sondern nur kopfsch\u00fcttelnd abwinken w\u00fcrde? Krieg? Nein, danke. Da habe ich keine Lust drauf.&nbsp;<br><br> * <a href=\"http:\/\/marburg.news\/team\/lcs\">Leonie Schulz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das St\u00fcck &#8222;JOHANN*A \u2013 Stell dir vor es ist Krieg und (k)eine*r geht hin&#8220; feierte am Samstag (21. September) seine Premiere. Am Samstag (19. 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