{"id":14992,"date":"2024-02-18T13:16:00","date_gmt":"2024-02-18T12:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=14992"},"modified":"2024-02-19T12:05:01","modified_gmt":"2024-02-19T11:05:01","slug":"nachruf-friedensforscher-johan-galtung-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=14992","title":{"rendered":"Nachruf: Friedensforscher Johan Galtung gestorben"},"content":{"rendered":"<p>Johan Galtung ist tot. Der Begr\u00fcnder der Friedens- und Konfliktforschung starb am Samstag (17. Februar) in B\u00e6rum. <!--more--><br \/>\nGeboren wurde Galtung am 24. Oktober 1930 in Oslo. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs musste er mitansehen, wie Nationalsozialisten seinen Vater verhafteten. Dem obligatorischen Milit\u00e4rdienst entzog er sich durch einen sozialen Ersatzdienst.<br \/>\nAll das pr\u00e4gte Galtung schon fr\u00fch. 1959 gr\u00fcndete der Mathematiker und Soziologe in Norwegen mit &#8222;Prio&#8220; das erste Friedensforschungsinstitut Europas. 1969 berief die norwegische Regierung auf den weltweit ersten Lehrstuhl f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung.<br \/>\nMit einer eigenen wissenschaftlichen Methode definierte Galtung die Begriffe &#8222;Strukturelle Gewalt&#8220; und &#8222;Kulturelle Gewalt&#8220;. Kaum jemand wird ernsthaft bestreiten, dass auch bestimmte Bedingungen eine Form von Gewalt darstellen k\u00f6nnen, die Anforderungen an Menschen nicht unmittelbar mit k\u00f6rperlichem Druck durchsetzen. F\u00fcr sein herausragendes Engagement auch bei der praktischen Vermittlung in Konflikten weltweit zeichnete die Right Livelihood Foundation ihn 1987 mit dem sogenannten &#8222;Alternativen Nobelpreis&#8220; &#8211; dem &#8222;Right Livelihood Award&#8220; aus.<br \/>\nSchon fr\u00fch hatte Galtung sich mit der Philosophie Mahatma Ghandis und seines gewaltfreien Widerstands gegen die britische Kolonialmacht in Indien auseinandergesetzt. Dieser Ansatz der sogenannten &#8222;Sozialen Verteidigung&#8220; oder des &#8222;Sozialen Widerstands&#8220; begegnete mir Anfang der 80er Jahre w\u00e4hrend meines fridenspolitischen Engagements bei den Gr\u00fcnen. Pers\u00f6nlich kennengelernt habe ich den norwegischen Friedensforscher dann bei einer Konferenz zur Gr\u00fcndung eines St\u00e4dteb\u00fcndnisses f\u00fcr Frieden in K\u00f6ln.<br \/>\nJahre sp\u00e4ter bin ich ihm dann mehrmals in Marburg wiederbegegnet. Enge Beziehungen unterhielt Galtung dort mit dem Zentrum f\u00fcr Konfliktforschung (ZfK) der Philipps-Universit\u00e4t. Mehrmals besuchte er Marburg und hielt <a href=\"http:\/\/marnews.de\/6548\/\">Vortr\u00e4ge an der Philipps-Universit\u00e4t<\/a>.<br \/>\nNoch im hohen Alter reiste Galtung nach Marburg an, um hier Workshops mit Studierenden durchzuf\u00fchren. Offensichtlich genoss er den Umgang mit jungen Menschen und ihre Offenheit. Auch er selbst pflegte einen unorthodoxen Diskussionsstil<br \/>\nNicht zuletzt das brachte ihm schlie\u00dflich den Vorwurf des angeblichen Antisemitismus ein. Auf die Frage eines Besuchers im Publikum einer Veranstaltung nach den angeblichen &#8222;Protokollen der Weisen von Zion&#8220; hatte er zur\u00fcckgefragt, ob der Fragesteller sie gelesen habe. Diesen typischen Humor haben viele nicht verstanden.<br \/>\nBei einer Pressekonferenz in Marburg erkl\u00e4rte er einmal seinen Ansatz zur L\u00f6sung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts: Der gesamte Nahe Osten sollte sich zu einer gemeinsamen Freihandelszone zusammenschlie\u00dfen. Als Vorbild daf\u00fcr nannte er die Europ\u00e4ische Union (EU).<br \/>\nNoch sei das v\u00f6llig unvorstellbar, bedauerte Galtung. Doch in Europa w\u00e4re der Zusammenschluss Deutschlands und Frankreichs zu einer gemeinsamen politischen Union in den 30er und 40er Jahren auch vollkommen undenkbar gewesen. Alle Menschen in Israel und Pal\u00e4stina, denen er diese Idee vorgeschlagen habe, h\u00e4tten sie f\u00fcr sinnvoll, aber unrealistisch gehalten, berichtete er damals in Marburg.<br \/>\nIn den letzten Jahren hat sein messerscharfer Verstand allm\u00e4hlich etwas nachgelassen. Doch weiterhin blieb Galtung auf den sogenannten &#8222;Sozialen Medien&#8220; aktiv. Trotz mancher Kritik bleibt von ihm aber garantiert die Erkenntnis, dass Gewalt nicht erst mit Schl\u00e4gen oder Drohungen beginnt und dass Friedfertigkeit der beste Weg zur L\u00f6sung von Konflikten ist.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johan Galtung ist tot. Der Begr\u00fcnder der Friedens- und Konfliktforschung starb am Samstag (17. Februar) in B\u00e6rum.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5,2,4],"tags":[169,5772,4196],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-3TO","jetpack-related-posts":[{"id":10162,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10162","url_meta":{"origin":14992,"position":0},"title":"Zum besseren Verst\u00e4ndnis: Diskussion \u00fcber Krise der Konfliktforschung","date":"19. Juli 2022","format":false,"excerpt":"\"Wissenschaft muss unbequem bleiben.\" Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion beim Festakt zum 20-j\u00e4hrigen Bestehen des Zentrums f\u00fcr Konfliktforschung. 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