{"id":14635,"date":"2023-12-20T13:27:21","date_gmt":"2023-12-20T12:27:21","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=14635"},"modified":"2023-12-20T13:27:21","modified_gmt":"2023-12-20T12:27:21","slug":"bewegende-buchvorstellung-der-krekel-kam-ins-rathaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=14635","title":{"rendered":"Bewegende Buchvorstellung: Der Krekel kam ins Rathaus"},"content":{"rendered":"<p>Der Krekel kam in die Mitte der Stadt; und mehr als jeder Platz im Rathaus war besetzt. Es war eine anr\u00fchrende Buchvorstellung zur fast vergessenen Siedlung. <!--more--><br \/>\nEs ist ein ungew\u00f6hnliches Buch und Projekt, das die Erinnerungen an ein fast vergessenes Stadtquartier wachruft. Es wollte den Krekel ins Rathaus holt und steht dabei f\u00fcr kulturelle Teilhabe. \u00dcber 150 Menschen kamen zu einer oft ber\u00fchrenden Vorstellung der neuen Stadtschrift &#8222;Erinnerungen an einen vergangenen Ort &#8211; Die Siedlung am Krekel in Marburg&#8220; in den Historischen Saal des Rathauses. Und der Erfolg spricht f\u00fcr sich. Denn nachdem die erste Auflage der Stadtschriften in nur einer Woche verkauft wurde, hei\u00dft die gute Nachricht: Ab Ende Januar wird bereits die zweite Auflage des Bestsellers im Buchhandel verf\u00fcgbar sein.<br \/>\nDie Besucherinnen und Besucher im Rathaus erlebten mit den Autor*innen Christina Hey, Ursula Mannschitz und Hartmut M\u00f6ller in Reden, Interviews und Dokumenten wie Stadtgeschichte mit Beteiligung wieder lebendig wird. Unter den Anwesenden waren auch viele ehemalige Bewohnende der Siedlung &#8211;<br \/>\nsogenannte &#8222;Krekeljaner&#8220; &#8211; und Wegbegleitende sowie unterschiedlichste Interessierte aus der ganzen Stadt\u00f6ffentlichkeit. moderiert wurde die Veranstaltung von Projekt- und Stadtschriftenleiterin Sabine Preisler.<br \/>\nEs war wie ein riesiges Familienfest, bei dem sich ein facettenreiches Bild des einstigen Quartiers aufbl\u00e4tterte. &#8222;Dass wir \u00fcberhaupt sagen m\u00fcssen, Der Krekel kommt ins Rathaus, und dass es nicht selbstverst\u00e4ndlich war, dass alle Marburger*innen ihren Platz in der Mitte dieser Stadt haben und nicht an den Rand gestellt werden: Das hat das Buch von Christina Hey, Ursula Mannschitz und Hartmut M\u00f6ller besonders n\u00f6tig und dringlich gemacht&#8220;, betonte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies. Zwischen 1930 und 1973 waren in der Siedlung am Krekel in einfachsten Unterk\u00fcnften Marburgerinnen und Marburger untergebracht worden, die ihre Wohnung verloren hatten. Spies hob die zentrale Verantwortung der Stadt f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum f\u00fcr alle Menschen in Marburg hervor, die im sp\u00e4teren Verlauf des Nachmittags auch Thema eines Ausblicks wurde.<br \/>\n&#8222;Die Autor*innen haben durch viel Engagement und Feingef\u00fchl, durch viel Zeit und Arbeit ein St\u00fcck Stadtgeschichte erweckt, an das wir uns unbedingt erinnern sollten&#8220;, erkl\u00e4rte der Oberb\u00fcrgermeister vor den vielen Menschen im Rathaus, die teilweise sogar im Gang standen, um Teil dieses Ereignisses zu sein. Die erlebten, wie sich vor allem auch in Gespr\u00e4chsrunden der Veranstaltung der Krekel wieder lebendig zeigte. Das geschah zum Beispiel mit den R\u00fcckblicken der fr\u00fcheren Bewohnenden Lieselotte Rabe, Volker Kuhl und Margret Diels, die pers\u00f6nlich und anr\u00fchrend von ihrem Leben erz\u00e4hlten, aber auch im Interview mit Zeitzeug*innen der Sozialen Arbeit am Krekel, die einst am Krekel begonnen hatte.<br \/>\nSo waren 50 Jahre nach dem Abriss Emil Weichlein und Fridolin Reutti extra f\u00fcr die Buchvorstellung nach Marburg gekommen, um vom Beginn ihres ehrenamtlichen Engagements als Studierende in den 60er Jahren am Krekel zu berichten. Ein Wiedersehen und spannende Einblicke gab es auch mit n der Spielstubenleiterin Brigitte G\u00f6tz und mit Margarete B\u00fcrger, die f\u00fcr den dort entstehenden Arbeitskreis Notunterk\u00fcnfte die erste Sozialarbeiterin am Krekel war.<br \/>\n&#8222;Wenn man durch das Buch bl\u00e4ttert und in den Geschichten liest, was Menschen vom Krekel von ihrem Alltag erz\u00e4hlen; dann liest man von den Beschwernissen des Lebens. Und auch von der Haltung, die andere damals gegen\u00fcber den Krekeljaner*innen einnahmen&#8220;, f\u00fcgte Spies hinzu. Er selbst erinnere sich, als Kind diese Diskriminierung und Ausgrenzung von den Bewohner*innen mitbekommen und den Ort als fast &#8222;verboten&#8220; wahrgenommen zu haben.<br \/>\nAls die Siedlung am Krekel im Jahr 1930 gebaut wurde, war die NSDAP schon die st\u00e4rkste Partei in der Stadt. Verschiedenste B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger &#8211;<br \/>\nauch Studierende &#8211; schlugen sich auf die Seite dieser Partei, blickte auch Spies zur\u00fcck. &#8222;Man darf nicht vergessen, dass es hier eine Zeit gab, in der Menschen nicht nur aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Glaubens, sondern auch aufgrund ihrer sozialen M\u00f6glichkeiten ausgegrenzt worden sind.&#8220; Wo heute am Krekel der st\u00e4dtische Bauhof ist, standen einst die Steinbaracken f\u00fcr Menschen, die sonst keine Wohnung fanden.<br \/>\n&#8222;Es waren auch Krekeljaner*innen, die bei der Saalschlacht im Gasthof Ruppersberg 1931 eine nationalsozialistische Versammlung verhindern wollten&#8220;, Menschen, die dort f\u00fcr eine fairere Zukunft einstanden&#8220;, erinnerte Oberb\u00fcrgermeister Spies. Er fasste das Buch ganz entschieden zusammen mit den Worten: &#8222;Am Ende ist es ein Buch von Zusammenhalt und Freundschaft. Ein Buch dar\u00fcber, wie Menschen f\u00fcreinander einstehen.&#8220;<br \/>\nGenau deshalb sei es so wichtig, den Krekel heute und immer in die Mitte der Stadt zu holen, &#8222;genau hier ins Rathaus&#8220;. Der Oberb\u00fcrgermeister wandte sich mit dankenden Worten an die drei Autor*innen Christina Hey, Ursula Mannschitz und Hartmut M\u00f6ller: &#8222;Sie werfen mit langj\u00e4hriger Erfahrung und Engagement einen empathischen Blick auf das Leben in der einstigen Siedlung und sensibilisieren uns zugleich f\u00fcr die Frage der Teilhabe und der sozialen Gerechtigkeit. Das verdient ganz besondere Anerkennung.&#8220;<br \/>\nDie Autor*innen haben f\u00fcr das mehr als 300 Seiten starke Buch mit \u00fcber 200 historischen Fotos und Dokumenten vom Krekel eben nicht nur in vielen Archiven geforscht und interessante neue Quellen aufgetan, sondern ebenso mit ehemaligen Bewohnenden sowie mit Engagierten aus der Zeit der 60er und 70er Jahre gesprochen, die kamen, um die Krekeljaner*innen zu st\u00e4rken, zu begleiten, die Kinder, die Jugendlichen und die Erwachsenen. Im Historischen Rathaussaal, sagte Hey: &#8222;Mir war es total wichtig, ein Buch gemeinsam mit vielen Menschen zu schreiben. Und diese Beteiligung so vieler hat mir gro\u00dfe Freude bereitet und mich immer wieder angetrieben weiterzumachen.&#8220; Sie sei nicht gerade internet-affin, habe sich aber 2021 durchgerungen und eine Facebook-Gruppe zum Krekel ins Leben gerufen. &#8222;Nach k\u00fcrzester Zeit hatte diese Gruppe schon 200 Mitglieder, die Fotos von damals ausgetauscht haben&#8220;, erz\u00e4hlte Hey.<br \/>\n\u00f6ller erg\u00e4nzte: &#8222;Es war sehr bewegend, zu sehen, wie gerne Menschen dort ihre Erinnerungen geteilt und sich an den Beitr\u00e4gen der anderen erfreut haben.&#8220; Erz\u00e4hlt wird im Buch von den Schwierigkeiten und Herausforderungen eines Lebens auf engstem Raum. Aber auch von Kindheit und Alltag, von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und vom Zusammenhalt sowie vom Beginn jener Gemeinwesen- und Stadtteilsozialarbeit, die Marburg bis heute stark macht.<br \/>\nAm Krekel wurden Marburgerinnen und Marburger urspr\u00fcnglich nur als \u00dcbergangsl\u00f6sung untergebracht, aber sie leben dort oft \u00fcber viele Generationen. &#8222;Die Steinbaracken boten Menschen eine Heimat, die ihre Wohnung verloren hatten oder in Marburg Obdach suchten&#8220;, so Hey, Mannschitz und M\u00f6ller, die sich auch der Frage des Bedarfs an bezahlbarem Wohnraum und den schwierigen Wohnverh\u00e4ltnissen am Krekel widmen. Und auch mit der Frage, wie mit Menschen in Not umgegangen wird. K\u00fcche, Wohnraum und Schlafzimmer in einem auf 12,5 Quadratmetern &#8211; das hatten oft Familien mit Kindern am Krekel zu bew\u00e4ltigen. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist &#8222;Gemeinschaft&#8220;, die den Krekel ausgemacht habe, ein wesentlicher Punkt, der in den R\u00fcckblicken immer wieder auftaucht.<br \/>\nDer ehemalige Krekeljaner Volker Kuhl etwa sagte im Gespr\u00e4ch mit Lieselotte Rabe, Margret Diels und Ursula Mannschitz: &#8222;Wenn der Krekel heute wieder aufgebaut w\u00fcrde, dann w\u00e4re ich einer der ersten, der da wieder hinziehen w\u00fcrde.&#8220; Als Mannschitz mit einem &#8222;Warum?&#8220; einhakte, betonte er: &#8222;Es war einfach sch\u00f6n. F\u00fcr uns Kinder war es die reinste Freiheit.&#8220;<br \/>\nMargret Diels wandte sich an die drei Autor*innen: &#8222;Einen ganz herzlichen Dank an euch, die ihr mit so viel Gef\u00fchl und R\u00fccksichtnahme mit uns in diesem Projekt zusammengearbeitet habt!&#8220; Spies hatte es so formuliert: &#8222;Es ist den vielen Menschen vom Krekel, ihren Kindern und Kindeskindern sowie ihrer Offenheit, ihrem Mut zu verdanken, dass sie uns mit eigenen Worten an ihren Erinnerungen und damit an einem St\u00fcck vergessener Stadtgeschichte teilhaben lassen.&#8220; Denn ganz bewusst stelle das neue Buch in der Reihe der Stadtschriften die Frage: Von wem wird unsere Geschichte eigentlich erz\u00e4hlt?<br \/>\nDas macht die neue Stadtschrift auch in ihrer vielf\u00e4ltigen Gestaltung deutlich. Denn neben \u00fcber 20 Kapiteln mit Themen vom &#8222;Aufwachsen am Krekel&#8220; \u00fcber &#8222;Weshalb es so schwierig mit der Wohnung war&#8220; oder &#8222;Den Lebensunterhalt sichern&#8220; bis zur &#8222;Sozialen Arbeit am Krekel&#8220; lebt das Buch immer wieder von Original-Zitaten, die sich mit dem Badespa\u00df der Krekel-Kinder in der Lahn und Festen genauso besch\u00e4ftigen wie mit Geschichtsaufarbeitung und Vorurteilen zum Krekel. &#8222;Man sagte halt, Krekel. Und dann meinte man, man w\u00fcsste Bescheid. Aber eigentlich wusste man nichts&#8220;, so zitiert die Stadtschrift Walter Z\u00fchlke, der sich einst am Krekel engagierte.<br \/>\nDie neue Stadtschrift wird von der Stadt zusammen mit der Gemeinn\u00fctzigen Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau herausgegeben und besch\u00e4ftigt sich mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft auch mit den Themen Wohnungsnot und Perspektiven sowie als Ausblick mit neuen Modellen f\u00fcr obdachlose Menschen in der Stadt Marburg. &#8222;Denn bezahlbarer Wohnraum bleibt die gr\u00f6\u00dfte soziale Frage unserer Zeit&#8220;, erkl\u00e4rte GeWoBau-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer J\u00fcrgen Rausch. &#8222;In unserer Universit\u00e4tsstadt gibt es viel zu sehen, was ein Bewusstsein f\u00fcr Geschichte wachruft. Am Krekel aber ist heute nichts mehr zu sehen. Umso wichtiger ist dieses Buch und allen, die daran beteiligt waren: Einen gro\u00dfen Dank!.&#8220;<br \/>\nIn einer Abschlussrunde fragte Stadtschriftenleiterin Sabine Preisler die Autor*innen: &#8222;Was war f\u00fcr Sie eine Herzensangelegenheit bei diesem Prozess?&#8220; Hey war sich sofort sicher: &#8222;Die Begegnungen und Zusammenarbeit mit den vielen Menschen, die uns und die wir in diesem Projekt begleitet haben.&#8220; M\u00f6ller fasste f\u00fcr sich zusammen: &#8222;Es bleibt der solidarische Gedanke, f\u00fcreinander einzustehen.&#8220;<br \/>\nDie Marburger Stadtschrift zur Geschichte und Kultur, Band 118, mit Hardcover, Leseb\u00e4ndchen sowie weiterf\u00fchrenden QR-Codes ist bereits ab Ende Januar f\u00fcr zw\u00f6lf Euro wieder im Buchhandel erh\u00e4ltlich und dort bereits vorbestellbar. Ein Video zum Projekt findet sich online auf <a href=\"http:\/\/www.marburg.de\/stadtschriften\">www.marburg.de\/stadtschriften<\/a>.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krekel kam in die Mitte der Stadt; und mehr als jeder Platz im Rathaus war besetzt. 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