{"id":14406,"date":"2023-11-21T16:03:01","date_gmt":"2023-11-21T15:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=14406"},"modified":"2023-11-22T11:44:17","modified_gmt":"2023-11-22T10:44:17","slug":"millionenfacher-mord-gerhard-wiese-erinnerte-an-frankfurter-auschwitz-prozesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=14406","title":{"rendered":"Millionenfacher Mord: Gerhard Wiese erinnerte an Frankfurter Auschwitz-Prozesse"},"content":{"rendered":"<p>Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess begann am 20. Dezember 1963. Zum 60. Jahrestag dieses wegweisenden Strafverfahrens sprach der damalige Anklagevertreter Gerhard Wiese am Montag (20. November) in Marburg. <!--more--><br \/>\nEingeladen zum Zeitzeugengespr\u00e4ch mit dem 95-j\u00e4hrigen Juristen hatte das Internationale Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) an der Philipps-Universit\u00e4t. Eine lange Schlange vor dem gro\u00dfen H\u00f6rsaal im Landgrafenhaus bezeugte das gro\u00dfe Interesse von Studierenden wie auch der \u00d6ffentlichkeit an Wieses Erinnerungen und seiner Arbeit als Anklagevertreter im gr\u00f6\u00dften deutschen Strafverfahren gegen NS-Straft\u00e4ter im Konzentrationslager Auschwitz. Auch Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies, Universit\u00e4ts-Vizepr\u00e4sident und Dekant Prof. Dr. Markus Roth vom Fachbereich Rechtswissenschaften betonten ihre Freude dar\u00fcber, dass Studierende diese Veranstaltung angeregt hatten.<br \/>\nMit gro\u00dfer Aufmerksamkeit und wachem Interesse verfolgten sie Wieses Ausf\u00fchrungen zur Vorgeschichte, zum Ablauf und dem Ergebnis sowie zu Nachwirkungen des historischen Strafverfahrens. Sie begannen mit einem R\u00fcckblick auf Wieses Jugend und die Einberufung des 15-j\u00e4hrigen Jugendlichen als Flak-Helfer in den Zweiten Weltkrieg sowie seine anschlie\u00dfende russische Kriegsgefangenschaft. Nur als &#8222;Notl\u00f6sung&#8220; habe er anschlie\u00dfend in Berlin Jura studiert, was das Publikum mit verwundertem Gel\u00e4chter quittierte.<br \/>\nIm Sommer 1962 wurde er dann von seinem Vorgesetzten bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt als &#8222;dritter Mann&#8220; dem Ermittlungsteam der dortigen Auschwitz-Prozesse zugeteilt. Zusammen mit den Staatsanw\u00e4lten Joachim K\u00fcgler und Georg Friedrich Vogel vertrat Wiese die Anklage, wobei er die Anklageschrift gegen Wilhelm Boger und Oswald Kaduk verfasste. Wiese berichtete von einem vorangegangenen Gespr\u00e4ch mit dem Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der ihn f\u00fcr diese Aufgabe ausgew\u00e4hlt hat.<br \/>\n&#8222;Was ist mit der Ged\u00e4chtniskirche?&#8220; Auf Bauers Frage habe er geantwortet: &#8222;Die muss wiederaufgebaut werden.&#8220; Dem habe Bauer widersprochen, woraufhin sich eine l\u00e4ngere kontroverse Debatte ergab.<br \/>\nOb Wieses Beharren auf der eigenen Position ein Grund f\u00fcr Bauer war, ihn dem Anklageteam zuzuordnen, &#8222;das ist einfach so sch\u00f6n, dass wir das glauben wollen&#8220;, meinte Prof. Dr. Stefanie Bock vom ICWC schmunzelnd. Jedenfalls hatte Bauer bei der Auswahl der Anklagevertreter Wert darauf gelegt, dass keiner von ihnen bereits zur Nazi-Zeit Staatsanwalt war. Ihm war wichtig, dass sie unvoreingenommen und gewissenhaft arbeiteten.<br \/>\nWiese konnte bei seiner Arbeit auf die vorherigen Ermittlungen seiner beiden Kollegen zur\u00fcckgreifen, die f\u00fcr jeden Angeklagten ein eigenes Heft mit allen &#8211; ihn betreffenden &#8211; Aussageprotokollen und Dokumenten angelegt hatten. Mehrmals betonte Wiese den gigantischen Umfang der Akten und die damit verbundene Arbeit. Alle Schriftst\u00fccke mussten die Schreibkr\u00e4fte mit einer mechanischen Schreibmaschine auf Matritze tippen, was im Vergleich zur heutigen Technik sicherlich einen erheblichen Mehraufwand bedeutete.<br \/>\nAuf die Frage nach demjenigen Zeugen, der ihm am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist, nannte Wiese einen Arzt aus Ungarn mit Namen, der mit seiner Familie zur Rampe in Auschwitz kam. Dort erkannte er einen SS-Mann, der die Selektion durchf\u00fchrte, als Pharma-Vertreter, der ihn fr\u00fcher des \u00d6fteren in seiner Praxis besucht hatte. Der Arzt bat ihn, daf\u00fcr zu sorgen, dass er mit seiner Frau und seinen Zwillingen zusammenbleiben k\u00f6nne.<br \/>\nDaraufhin habe der SS-Mann zu Dr. Josef Mengele hin\u00fcbergeschaut, der neben ihm an der Rampe stand. Mengele habe jedoch abgewinkt, da die Kinder keine eineiigen Zwillinge waren. Da er sich nur f\u00fcr die Forschung an eineiigen Zwillingen interessierte, schickte er die Frau und die Kinder in die Gaskammer.<br \/>\nMucksm\u00e4uschenstill sei es bei dieser Vernehmung gewesen, erinnerte sich Wiese. Ohnehin sei es immer ruhig gewesen bei den Auschwitz-Prozessen, aber ganz besonders still bei dieser Zeugenaussage. Ebenso still war es auch im Landgrafenhaus, als Wiese diese Begebenheit berictete.<br \/>\nAls weitere beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit nannte Wiese die \u00dcbersetzerin, die ihre \u00fcberaus schwierige Aufgabe mit gr\u00f6\u00dftem Geschick und Fingerspitzengef\u00fchl durchgef\u00fchrt habe. &#8222;Viele Zeugen aus Polen oder anderen L\u00e4ndern kamen zum Prozess das erste Mal nach der Shoa ins Land der T\u00e4ter und wollten sich dann auf ihre Aussage vorbereiten&#8220;, erkl\u00e4rte Wiese. &#8222;Vielen versagte die Stimme angesichts der Greuel, die sie in der Erinnerung noch einmal durchmachen mussten.&#8220;<br \/>\nZudem habe es Polizisten gegeben, die bei ihrer Zeugenaussage den Nazi-Angeklagten salutierten. Diese beklemmende Erfahrung habe die Dolmetscherin den Zeuginnen und Zeugen dadurch erleichtert, dass sie nicht nur den Wortlaut ihrer Aussagen \u00fcbersetzte, sondern das auch in deren Tonfall ausdr\u00fcckte. &#8222;Das war wirklich eine Meisterleistung&#8220;, betonte Wiese beeindruckt.<br \/>\nAuf die Frage, ob er mit dem Ergebnis des Verfahrens zufrieden sei, antortete Wiese mit einem klaren &#8222;Nein&#8220;. Nur 17 der 22 Angeklagten seien \u00fcberhaupt verurteilt worden. Bei einigen seien die Strafen viel zu gering ausgefallen.<br \/>\nErst 2017 habe sich die Rechtsauffassung der Frankfurter Anklagevertreter durchgesetzt, dass die Beihilfe bereits darin besteht, beim Betrieb eines Vernichtungslagers mitgewirkt zu haben. Bis dahin habe die konkrete Tatbeteiligung an Erschie\u00dfungen oder anderen Mordtaten in jedem Einzelfall nachgewiesen werden m\u00fcssen. Angesichts fehlender Dokumente aufgrund der Vernichtung durch die SS vor Aufgabe der Lager sei das in vielen F\u00e4llen sehr schwierig gewesen.<br \/>\nAuch die Kontinuit\u00e4t der Nazi-Karrieren nach Kriegsende war Thema des Zeitzeugen-Gespr\u00e4chs am Montagnachmittag. So konnte beispielsweise der Altnazi Eduard Dreher nach Kriegsende beim Justizministerium in der Bonner Rosenburg weiterarbeiten und eine Regelung unbemerkt in ein Gesetz hineinschmuggeln, die ein bereits vorbereitetes Strafverfahren gegen Nazi-T\u00e4ter unm\u00f6glich machte. Letztlich habe Deutschland bis heute nicht wirklich gelernt aus den Greueltaten der Shoa, meinte Wiese unter Verweis auf den erstarkenden Rechtspopulismus und antisemitische Hetze sowie Rassismus.<br \/>\nDennoch will Wiese weitermachen mit seinen Vortr\u00e4gen vor Schulklassen und Studierenden. &#8222;Mich unterst\u00fctzen die Anne-Frank-Stiftung und die GEW&#8220;, berichtete er. &#8222;Die haben geglaubt, zum Jahresende sei Schluss mit den Auftritten des Alten; aber ich habe bereits einen Termin am 24. Januar 2024.&#8220;<br \/>\nMit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen bedankten sich die Anwesenden am Schluss f\u00fcr den ber\u00fchrenden Vortrag eines beeindruckenden Menschen. Dass der Bundespr\u00e4sident ihm erst 2017 das Verdienstkreuz am Bande verliehen hat, ist ein besch\u00e4mender Beleg f\u00fcr die &#8211; immer noch mangelhafte &#8211;<br \/>\nAufarbeitung des faschistischen Unrechts und der Verstrickung vieler Beh\u00f6rden auch der Bundesrepublik in dieses rassistische Denken. Das &#8222;nie wieder&#8220; aus Wieses Mund klang sehr k\u00e4mpferisch, auch wenn Wiese betonte, er k\u00f6nne &#8222;nicht verstehen, dass die Menschen so wenig lernen&#8220;.<\/p>\n<p>*Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess begann am 20. Dezember 1963. Zum 60. Jahrestag dieses wegweisenden Strafverfahrens sprach der damalige Anklagevertreter Gerhard Wiese am Montag (20. 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