{"id":14390,"date":"2023-11-18T16:50:00","date_gmt":"2023-11-18T15:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=14390"},"modified":"2023-11-22T11:11:36","modified_gmt":"2023-11-22T10:11:36","slug":"memoria-workshop-zum-mahnmal-im-suedviertel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=14390","title":{"rendered":"Memoria: Workshop zum Mahnmal im S\u00fcdviertel"},"content":{"rendered":"<p>Gegen Rassismus und rechte Gewalt richtet sich das Mahnmal &#8222;Memoria&#8220; auf dem Friedrichsplatz. Die k\u00fcnftige Gestaltung dieses Erinnerungsorts war Thema eines Workshops am Freitag (17. November). <!--more--><br \/>\nBis zu 50 Anmeldungen h\u00e4tte die Stadt f\u00fcr die Veranstaltung im Technologie-<br \/>\nund Tagungszentrum (TTZ) entgegengenommen. Gekommen waren jedoch nur knapp 30 Personen. Daf\u00fcr blieben viele von ihnen den gesamten Nachmittag \u00fcber bis in den Abend hinein und beteiligten sich eifrig an den Diskussionen um das Mahnmal selbst und seine Ausgestaltung.<br \/>\nZun\u00e4chst hatte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies in seiner Begr\u00fc\u00dfung auf die j\u00fcngste St\u00e4dtepartnerschaft Marburgs mit Moshi in Tansania verwiesen. Er beschrieb sie als klare Absage an Rassismus und kolonialistisches Denken. Bei seinem Besuch in Moshi habte er &#8211; gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner &#8211; auch auf die Greueltaten deutscher Kolonialtruppen hingewiesen.<br \/>\n&#8222;Mitten in Moshi steht ein Baum&#8220;, berichtete Spies. &#8222;Dort wurden aufst\u00e4ndische H\u00e4uptlinge aufgeh\u00e4ngt. Ihre Sch\u00e4den wurden nach Berlin gebracht und dort in rassistischen Sammlungen aufbewahrt.&#8220;<br \/>\nGerade die \u00c4lteren Menschen in Moshi seien der Marburger Delegation sehr dankbar gewesen, dass sie dieses dunkle Kapitel deutsch-tansanischer Beziehungen von sich aus angesprochen hatte. &#8222;Die J\u00fcngeren wollten den Blick hingegen eher in die Zukunft richten&#8220;, berichtete Spies. &#8222;Doch man kann die Zukunft nur dann verantwortungsvoll gestalten, wenn man sich der Vergangenheit bewusst ist.&#8220;<br \/>\nErinnerung als Mahnung ist auch der Kern des Mahnmals &#8222;Memoria&#8220; auf dem Friedrichsplatz. Initiatoren waren Aktive der Jugendplattform &#8222;Solidarit\u00e4t. Sie hatten das Mahnmal des K\u00fcnstlers Alexeir Diaz Bravo zum ersten Jahrestag des rassistischen Mordanschlags in Hanau auf dem einstigen Adolf-Hitler-Platz aufgestellt.<br \/>\nNeun Menschen aus Familien mit Migrationsgeschichte waren am 19. Februar 2020 von einem Rechtsextremisten ermordet worden. An sie wie auch die vermutlich \u00fcber 300 weiteren Opfer rassistischer Mordtaten in Deutschland soll das Mahnmal erinnern. Mit zwei einstimmigen Stadtverordnetenbeschl\u00fcssen vom 28. Mai 2021 und vom 25. M\u00e4rz 2022 erkl\u00e4rte sich die Stadtgesellschaft grunds\u00e4tzlich solidarisch mit dem Anliegen der Plattform, dem Gedenken einen deutlich sichtbaren Ort im Stadtraum zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nAllerdings gab es auch Widerspruch zur Gestaltung des Mahnmals und seiner Position auf dem Platz. Es st\u00f6re die Blickachse der historischen Gr\u00fcnfl\u00e4che, lautete einer der Kritikpunkte. Um diese Kritik aufzugreifen und dem Mahnmal dennoch einen dauerhaften Platz in Marburg zu sichern, trafen sich Vertreterinnen und Vertreter der Stadt und der Jugendplattform mit Anwohnenden des S\u00fcdviertels zu dem Workshop.<br \/>\nIn Arbeitsgruppen diskutierten sie \u00fcber dessen Gestaltung wie auch seinen m\u00f6glichen Standort und seine Gr\u00f6\u00dfe. Zudem sprachen sie \u00fcber die Aussage, die das Mahnmal transportieren soll. Schlie\u00dflich ging es auch um eine begleitende \u00d6ffentlichkeitsarbeit zum Anliegen des Mahnmals.<br \/>\nSchnell wurde klar, dass ein Platz vor dem Hessischen Staatsarchiv am Friedrichsplatz am geeignetesten f\u00fcr die Aufstellung des Mahnmals ist. Seine k\u00fcnftige Gr\u00f6\u00dfe k\u00f6nnte ungef\u00e4hr derjenigen entsprechen, die das jetzige Kunstwerk hat.<br \/>\nDennoch war besonders die Anwohnerschaft im S\u00fcdviertel von der Art der inoffiziellen Mahnmalsetzung und dem damals gew\u00e4hlten Standort irritiert. Gem\u00e4\u00df den Beschl\u00fcssen wurde mit dem Workshop der Dialog mit den Anwohnenden in Gang gebracht und umgesetzt.<br \/>\nRuth Fischer vom st\u00e4dtischen Fachdienst Kultur legte zun\u00e4chst die Vorgeschichte dar und erl\u00e4uterte die Rahmenbedingungen der Arbeit des Workshops. 15.000 Euro st\u00e4nden daf\u00fcr im aktuellen Haushalt zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr 2024 seien 25.000 Euro daf\u00fcr vorgesehen. Angesichts der wirtschaftlichen Lage der Stadt sei die Chance f\u00fcr das Mahnmal gerade jetzt besonders g\u00fcnstig, meinte sie.<br \/>\nMediator Stefan Zech stellte dann die Themen von vier Arbeitsgruppen vor, die die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Ausschreibung zu einem K\u00fcnstlerwettbewerb ausarbeiten sollten. Eine Jury aus Vertretern von Stadt, Stadtparlament und Anwohnerschaft solle dann den besten Entwurf ausw\u00e4hlen. Die Voraussetzungen daf\u00fcr solle der Workshop ausarbeiten.<br \/>\nDas Bem\u00fchen um ein gemeinsam getragenes Ergebnis pr\u00e4gte die Diskussionen der Arbeitsgruppen. So legten sie eher generelle Grundlinien fest als detaillierte Anforderungen an das Mahnmal. Die vorgegebene Gr\u00f6\u00dfe des Areals beim Staatsarchiv fand dabei ebenso Zustimmung wie diee Positionierung dort.<br \/>\nAls Baumaterial konnten sich mehrere eine Gestaltung aus Sandstein und Bronze vorstellen. Diese gemischte Materialkonstellation symbolisiere auch die Vielfalt der Gesellschaft und ihre Durchmischung. Unabdingbar sei jedoch, dass das Material best\u00e4ndig sei gegen Angriffe und Besch\u00e4digungen, mit denen angesichts der bisherigen Erfahrungen durchaus zu rechnen sei.<br \/>\nZur Aussage wurde betont, dass sie zwar anschlussf\u00e4hig an Positionen der Mehrheitsgesellschaft sein solle, aber Konflikte nicht zukleistern d\u00fcrfe. Das Mahnmal solle durchaus auch zu Denkanst\u00f6\u00dfen anregen. &#8222;Stacheelig&#8220; solle es sein und &#8222;spitz&#8220;, aber nicht anklagend.<br \/>\nGleichzeitig solle es auf die Gefahren von Rassismus f\u00fcr die Demokratie hinweisen und damit auch auf die Zukunft verweisen. K\u00fcnftiges Verhalten sei schlie\u00dflich das Ergebnis, das dieses Mahnmal erreichen solle. Allerdings d\u00fcrfe das nicht geschichtsvergessen sein.<br \/>\nAuch wenn Gewalt kein sch\u00f6nes Thema sei, solle das Mahnmal den Frieden des Friedrichsplatzes nicht st\u00f6ren. Allerdings solle es auch nicht in diesem Platz verschwinden. Letztlich m\u00fcsse es die Bev\u00f6lkerung aufr\u00fctteln und zum Nachdenken anregen.<br \/>\nZur Einbettung des Mahnmals in die \u00f6ffentlichen Debatten wurde die Anbringung eines QR-Codes vorgeschlagen, der auf weiterf\u00fchrende Informationen im Internet verweist. Sie k\u00f6nnten eine Verkn\u00fcpfung mit anderen Gedenkorten in der N\u00e4he herstellen und so &#8222;die Topografie des Gedenkens&#8220; vom Deserteursdenkmal an der Frankfurter Stra\u00dfe \u00fcber den Ort der B\u00fccherverbrennung auf dem K\u00e4mpfrasen und den &#8222;Garten des Gedenkens&#8220; am Ort der &#8211; 1938 von den Nazis niedergebrannten &#8211; Synagoge an der Universit\u00e4tsstra\u00dfe bis hin zur einstigen Gestapo-Zentrale im Kilian auf dem Schuhmarkt<br \/>\nEine Internetseite b\u00f6te zudem die M\u00f6glichkeit, die Liste von Namen der Opfer rassistischer Gewalt immer wieder zu erg\u00e4nzen und zu aktualisieren. Schlie\u00dflich bef\u00fcrchteten wohl alle Anwesenden, dass sie mit den Anschl\u00e4gen am 19. Februar 2020 in Hanau die Geschichte rassistischer Gewalt in Deutschland noch nicht an ihr Ende gelangt sein wird. Gerade deshalb sei das Mahnmal ja so wichtig.<br \/>\nAngesichts der geringen Zahl an Interessierten beim Workshop \u00fcberlegten die Anwesenden auch, wie das Mahnmal noch st\u00e4rker in der Nachbarschaft verankert werden k\u00f6nnte. Eine Idee war dabei die Aufstellung des &#8222;Roten Sofas&#8220; unter dem Weihnachtsbaum auf dem Friedrichsplatz. Bei Gl\u00fchwein und Punsch k\u00f6nnten sich die Verantwortlichen der Stadt sowie die engagierten Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer dann mit der Bev\u00f6lkerung austauschen.<br \/>\nNach der Vorstellung dieser praktischen \u00dcberlegungen ging eine Nachbarin dann doch noch einmal ans Wesentliche: Ihr mache der zunehmende Antisemitismus und Rassismus Angst, betonte sie. Ein anderer Anwohner des Friedrichsplatzes betonte die Bedeutung des antifaschistischen Engagements f\u00fcr den Fortbestand der freiheitlichen Demokratie.<br \/>\nAm Ende fragte Fischer, ob jemand der Anwesenden bereit sei, in der Jury zur Auswahl eines Kunstwerks f\u00fcr den Friedrichsplatz mitzuwirken. Eine Anwohnerin sagte sofort zu; eine weitere wollte sich das noch einmal \u00fcberlegen. Alle Anwesenden ermutigten sie, die Chance zu einer nachhaltigen demokratischen Gestaltung des S\u00fcdviertels nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen Rassismus und rechte Gewalt richtet sich das Mahnmal &#8222;Memoria&#8220; auf dem Friedrichsplatz. Die k\u00fcnftige Gestaltung dieses Erinnerungsorts war Thema eines Workshops am Freitag (17. 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