{"id":1357,"date":"2017-11-23T14:17:14","date_gmt":"2017-11-23T13:17:14","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=1357"},"modified":"2017-11-23T14:17:14","modified_gmt":"2017-11-23T13:17:14","slug":"ketzerbach-kein-kudamm-spannender-rueckblick-auf-1968-in-marburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=1357","title":{"rendered":"Ketzerbach kein Kudamm: Spannender R\u00fcckblick auf 1968 in Marburg"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Ketzerbach ist nicht der Kurf\u00fcrstendamm.&#8220; Mit dieser Feststellung charakterisierte Prof. Dr. Wolfgang Wippermann am Mittwoch (22. November) die Bedeutung Marburgs f\u00fcr die 68er Bewegung. <!--more--><br \/>\nBei der Podiumsdiskussion &#8222;1968 in Marburg&#8220; erinnerten sich der Berliner Historiker sowie die Marburger Politologen Prof. Dr. Georg F\u00fclberth und Dr. Wolfgang Hecker im sehr gut gef\u00fcllten Auditorium Maximum (AudiMax) an ihre gemeinsame Vergangenheit w\u00e4hrend der sp\u00e4ten 60er Jahre in Marburg. Das Gespr\u00e4ch fand im Rahmen des &#8222;Studium Generale&#8220; statt. Im Wintersemester 2017\/2018 widmet sich diese Veranstaltungsreihe dem Thema &#8222;1968: Aufbr\u00fcche &#8211;<br \/>\nAusbr\u00fcche &#8211; Umbr\u00fcche in Marburg, Deutschland und der Welt. Ein R\u00fcckblick nach 50 Jahren&#8220;.<br \/>\nZu Beginn zeigte &#8222;Harry&#8220; Hecker Fotos und Flugbl\u00e4tter aus seiner Studienzeit. 1966 kam er an die Philipps-Universit\u00e4t. Bei der Begr\u00fc\u00dfungsfeier f\u00fcr die Erstsemester in der Alten Aula sprach neben Professoren auch der damalige &#8222;Studenten\u00e4lteste&#8220; Alexander Gauland.<br \/>\nHecker hat sich dann bald dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) angeschlossen. Im Gegensatz zum Berliner oder Frankfurter SDS, die eher antiautorit\u00e4r gepr\u00e4gt waren, habe die Mehrheit des Marburger SDS eine eher pragmatische und gewerkschaftsorientierte Politik verfolgt. Er selbst habe aber zur antiautorit\u00e4ren Minderheit im Marburger SDS geh\u00f6rt.<br \/>\nDessen Vorsitzende sei 1968 die sp\u00e4tere Gewerkschafterin Franziska Wiethold gewesen. 28 Prozent der Mitgliedschaft des Verbands waren Frauen; doch seien meist die M\u00e4nner in der \u00d6ffentlichkeit aufgetreten. Mit diesen Aussagen beantwortete Hecker kritische Fragen aus dem Publikum, die das ausschlie\u00dflich mit M\u00e4nnern besetzte Podium monierten.<br \/>\nDer Friedensforscher Prof. Dr. Thorsten Bonacker vom Zentrum f\u00fcr Konfliktforschung (ZfK) und der Historiker Prof. Dr. Eckart Conze vom Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Philipps-Universit\u00e4t moderierten die Diskussion. Die beiden Hochschullehrer haben das &#8222;Studium Generale&#8220; zu &#8222;1968&#8220; vorbereitet. Zu der Podiumsveranstaltung hatten sie Wissenschaftler eingeladen, die zugleich auch Zeitzeugen sind.<br \/>\nF\u00fclberth begann seine wissenschaftliche Karriere nach dem Studium in Frankfurt 1967 auf einer Assistentenstelle bei Prof. Dr. Wolfgang Abendroth am Institut f\u00fcr wissenschaftliche Politik der Philipps-Universit\u00e4t. Neben dem Soziologen Prof. Dr. Werner Hofmann war Abendroth die zentrale Figur der 68er-Bewegung in Marburg. Hofmann war 1966 an die Philipps-Universit\u00e4t berufen worden und starb bereits 1969 mit nur 47 Jahren.<br \/>\nDer Ruf Marburgs als &#8222;rote Hochburg&#8220; sei aber erst in den 70er Jahren entstanden, erkl\u00e4rte F\u00fclberth. Nicht unwesentlich hatte er selbst mit seinem kommunalpolitischen Engagement in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) dazu beigetragen. Allerdings sei der &#8222;Ruf der Marburger Schule verblasst&#8220;, w\u00e4hrend die Frankfurter Schule unter Prof. Dr. Theodor W. Adorno nach wie vor einen legend\u00e4ren Ruf genie\u00dfe, meinte Wippermann.<br \/>\nEinig war sich F\u00fclberth mit Wippermann in der Einsch\u00e4tzung, dass Marburg im Jahr 1968 selbst keine besondere Bedeutung f\u00fcr die Bewegung gehabt hat. Allerdings habe er als dessen Assistent oft auch kurzfristig Abendroths Vorlesungen \u00fcbernehmen m\u00fcssen, weil der Politikprofessor wegen der Aktivit\u00e4ten gegen die Notstandsgesetze au\u00dferhalb zu tun hatte. An der gro\u00dfen &#8222;Notstandsdemo&#8220; am 11. Mai 1968 in Bonn haben nach Heckers Aussage etwa 800 Marburger teilgenommen.<br \/>\nErst danach setzte der gro\u00dfe Run auf den SDS ein, der 1966 in Marburg noch weniger als 50 Mitglieder hatte. Um all diese Interessierten in Marxismus und dialektischem Denken zu schulen sowie gleichzeitig einen engen Kontakt zur Arbeiterschaft herzustellen, gr\u00fcndeten Abendroth und Prof. Dr. Frank Deppe in Abstimmung mit der Kreisvorsitzenden K\u00e4te Dinnebier vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) an der Uni die &#8222;Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr gewerkschaftliche Fragen&#8220; (AgF).<br \/>\n&#8222;Der sp\u00e4tere Kabarettist Matthias Belz machte Witze, die Wolfgang Gerhardt von der Liberalen Hochschulgruppe nicht verstand&#8220;, berichtete Hecker aus den studentischen Gremien der sp\u00e4ten 60er Jahre. Gegenspieler der Linken sei damals Friedrich Bohl vom Ring christlich-demokratischer Studenten (RCDS) gewesen.<br \/>\nNach Berliner Vorbild entstanden nun auch in Marburg &#8222;Kommunen&#8220;. Inzwischen sind solche Wohngemeinschaften (WG) &#8211; wenngleich ohne ihre politische Komponente &#8211; etwas Selbstverst\u00e4ndliches geworden.<br \/>\nBereits 1967 gab es einen gemeinsamen Generalstreik der Professoren und Studierenden gegen bef\u00fcrchtete Mittelk\u00fcrzungen an der Uni. Doch der &#8211; damals bereits angek\u00fcndigte &#8211; dramatische Anstieg der Studierendenzahl setzte erst Jahrzehnte sp\u00e4ter ein.<br \/>\nIn die sp\u00e4ten 60er und fr\u00fchen 70er Jahre f\u00e4llt auch die Entwicklung der Hochschulen von der Ordinarienuniversit\u00e4t hin zur Gruppenuniversit\u00e4t. Die Professoren legten ihre Talare ab und mussten vor den Studenten Rechenschaft \u00fcber ihre Vergangenheit w\u00e4hrend des &#8222;3. Reichs&#8220; ablegen.<br \/>\nFast alle kritischen Geister versammelten sich in Abendroths Vorlesungen. Der sp\u00e4tere Marburger Oberb\u00fcrgermeister Dr. Hanno Drechsler war F\u00fclberths Nachfolger als Assistent des Marburgers Politikprofessors.<br \/>\nDer Frankfurter Philosoph Prof. Dr. J\u00fcrgen Habermas hatte Abendrot damals als &#8222;Partisanenprofessor im Lande der Mitl\u00e4ufer&#8220; bezeichnet, erkl\u00e4rte Wippermann. Tats\u00e4chlich sei er aber ein &#8222;Partisanenprofessor in der Stadt der T\u00e4ter&#8220; gewesen.<br \/>\nDie Philipps-Universit\u00e4t sei damals eher konservativ gepr\u00e4gt gewesen. Wer die Verstrickung von Professoren in die NS-Diktatur \u00f6ffentlich machte, musste mit ernsthaften Folgen bis hin zum Verweis von der Hochschule rechnen. Insbesondere der Fall des Juristen Prof. Erich Schwinge erregte damals die demokratischen Kr\u00e4fte, war der Ordinarius doch der einzige Kommentator der Wehrstrafgesetze im Nationalsozialismus und selbst ein m\u00f6rderischer Richter gewesen.<br \/>\nEine nicht unwichtige Rolle spielte seinerzeit auch Wippermanns Doktorvater Prof. Dr. Ernst Nolte. Vehement wehrte er sich gegen die Berufung des Faschismusforschers Dr. Reinhard K\u00fchnl auf eine Professur in Marburg.<br \/>\nWippermann indes leistete Abbitte an den zwischenzeitlich verstorbenen K\u00fchnl. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Nolte, der die NS-Diktatur unter Adolf Hitler als Betriebsunfall betrachtet und die Gefahr des Faschismus f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt hatte, sei K\u00fchnls Warnung vor einem m\u00f6glichen neuen Auftreten von Faschismus gerade nach dem Einzug der sogenannten &#8222;Alternative f\u00fcr Deutschland&#8220; (AfD) in den Deutschen Bundestag aktueller denn je.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Ketzerbach ist nicht der Kurf\u00fcrstendamm.&#8220; Mit dieser Feststellung charakterisierte Prof. Dr. Wolfgang Wippermann am Mittwoch (22. 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