{"id":12917,"date":"2023-06-17T13:07:03","date_gmt":"2023-06-17T11:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=12917"},"modified":"2023-06-17T13:16:32","modified_gmt":"2023-06-17T11:16:32","slug":"70-jahre-danach-der-17-juni-1953-und-seine-folgen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=12917","title":{"rendered":"70 Jahre danach: Der 17. Juni 1953 und seine Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni Nationalfeiertag der Bundesrepublik. Tr\u00e4nenreiche Reden bejammerten \u00fcberall in Westdeutschland wortreich die Teilung, die die Redner aber fast alle l\u00e4ngst akzeptiert hatten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAls Grundsch\u00fcler musste ich bis 1965 an den Gedenkstunden teilnehmen, die allj\u00e4hrlich in der St.-Laurentius-Schule in Lessenich stattfanden. Schon als Kind empfand ich diese Veranstaltungen als unaufrichtig, ohne ganz genau zu wissen, warum. Irgendwie st\u00f6rte mich die aufgesetzte Weinerlichkeit der Redner, die damals ausnahmslos alle m\u00e4nnlich waren.<br \/>\nDas zugrundeliegende Ereignis behandelten sie in ihren Inszenierungen meist nur am Rande. Zwar war da vom &#8222;Volksaufstand in der Zone&#8220; oder der &#8222;sogenannten DDR&#8220; die Rede, doch wurden die Ereignisse weder nachvollzogen, noch genauer analysiert. Vielmehr erklangen dann W\u00f6rter wie &#8222;heldenhaft&#8220;, die eher einer Kriegsrhetorik entnommen waren als dem Vokabular der Demokratie.<br \/>\nSp\u00e4ter habe ich den 17. Juni dann nurnoch verh\u00f6hnt. Eine Numer des Berliner Kabarettisten Wolfgang Neus lieferte mir die willkommene Argumentationslinie daf\u00fcr. Neuss nannte drei &#8222;Eigenschaften eines Deutschen&#8220;, von denen jeweils zwei die dritte ausschlie\u00dfen.<br \/>\nDas waren &#8222;Intelligenz, Ehrlichkeit und Wiedervereinigungsgl\u00e4ugigkeit&#8220;: Entweder ist man intelligent und ehrlich; dann ist man nicht wiedervereinigungsgl\u00e4ubig. Oder man ist intelligent und wiedervereinigungsgl\u00e4ubig; dann ist man nicht ehrlich.<br \/>\n&#8222;Oder aber man ist ehrlich und wiedervereinigungsgl\u00e4ubig&#8220;, fuhr Neuss seinerzeit fort. DieSchlussfolgerung musste er dann gar nicht mehr benennen.<br \/>\nNach der Wiedervereinigung, die dann 1989 ganz unerwartet \u00fcber Deutschland hereinst\u00fcrzte, wurde der 17. Juni als &#8222;Tag der Deutschen Einheit&#8220; durch den 3. Oktober ersetzt. Der volksaufstand des 17. Juni 1953 geriet damit mehr und mehr in Vergessenheit.<br \/>\nDie St\u00e4dtepartnerschaft Marburgs mit Eisenach hat die &#8222;Wende&#8220; indes \u00fcberdauert. Die gemeinsame Stadtheilige bindet beide St\u00e4dte auf wunderbare Weise aneinander. Auch der amtierende Ministerpr\u00e4sident von Th\u00fcringen verkn\u00fcpft mit seiner Marburger Vergangenheit die beiden Luther-St\u00e4dte ebenso wie der &#8211; heute zu Recht umstrittene &#8211; Reformator.<br \/>\nElisabeth von Th\u00fcringen, Martin Luther und Bodo ramelow sind Prominente, deren Namen in die Geschichte eingegangen sind oder es zumindest noch werden. Die vielen Beteiligten der Proteste am 16. und 17. Juni 1953 in der DDR hingegen bleiben weitgehend unbekannt. Trotz der Zerschlagung ihres Aufstands durch sowjetische Panzer waren sie aber dennoch Vorbild und Inspiration f\u00fcr die Protestierenden des &#8222;Unganr-Aufstands&#8220; 1958, des &#8222;Prager Fr\u00fchlings&#8220; 1968 und schlie\u00dflich der DDR-B\u00fcrgerbewegung, deren Anf\u00e4nge lange vor 1989 liegen.<br \/>\nMehr als eine Million Menschen in Ost-Berlin, Halle, Merseburg und an vielen anderen Orten der DDR protestierten am 16. und 17. Juni 1953 zun\u00e4chst nur gegen die &#8211; vom SED-Zentralkomiteeverf\u00fcgte &#8211; Heraufsetzung der Produktionsnormen, die einer faktischen Lohnk\u00fcrzung gleichkam. Bald aber bereits forderten sie Demokratie und Menschlichkeit, drangen in Gef\u00e4ngnisse ein und befreiten Politische Gefangene. Am Ende war da auch der Ruf nach Wiedervereinigung.<br \/>\nDie h\u00e4rteste Folge der Niederschlagung des Volksaufstands am 17. Juni 1953 war neben mehr als 50 Todesopfern und mehr als 1.500 Inhaftierten der daraufhin verst\u00e4rkte Ausbau des \u00dcberwachungsstaats in der DDR. Die &#8222;Staatssicherheit&#8220; (Stasi) bespitzelte die Bev\u00f6lkerung derma\u00dfen umfassend, dass sie zugleich zur vor\u00fcbergehenden Rettung des angeblich &#8222;kommunistischen&#8220; Systems wie letztlich auch zu dessen Niedergang beitrug. So war der 17. Juni 1953 einer der ersten Wendepunkte in der Geschichte der DDR.<br \/>\n70 Jahre danach versuchen Rechtspopulisten heute, di damalige B\u00fcrgerbewegung f\u00fcr sich zu vereinnahmen. Doch der &#8211; unbestreitbar immer notwendige &#8211; Kampf f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Demokratie muss immer bei der Forderung nach Meinungsfreiheit, Redefreiheit und Pressefreiheit anfangen. Das ist dann nach der klugen Erkenntnis von Rosa Luxemburg &#8222;auch immer die Freiheit des Anderen&#8220;.<br \/>\nSo unbestreitbar auch rechtspopulistische Positionen erst einmal geduldeter Bestandteil des demokratischen Diskurses sein m\u00fcssen, so wenig ist die widerspruchslose Verbreitung von Antisemitismus, rassismus oder menschenverachtender Hetze sowie faktischen L\u00fcgenbehauptungen hinnehmbar. Gerade zu Zeiten des Kriegs in der Ukraine ist es f\u00fcr viele schwer zu ertragen, wenn das \u00fcberfallene Volk von selbstgerechten Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegnern zu Verhandlungen mit einem Aggressor gedr\u00e4ngt wird, der sich an seine bisherigen Versprechen mehrmals nicht gehalten hat und dessen Soldateska in den \u00fcberfallenen Gebieten \u00fcbelste Verbrechen begeht.<br \/>\nDie Mweinungsfreiheit hat ihre Grenzen da, wo jemand die existenzielle Vernichtung von Menschen als angebliche &#8222;Meinung&#8220; ausgibt. Die Legitimierung von Verbrechen ist letztlich auch ein Verbrechen. Darum ist auch die Leugnung der Shoa zu Recht strafbar.<br \/>\nDem demokratischen Diskurs hilft die differenzierte Auseinandersetzung mit den moralischen Dilemmata, die die Menschheit leider schon seit vielen tausend Jahren begleiten. Dazu z\u00e4hlt auch der schmale Grat zwischen Meinungsfreiheit und Hetze sowie Realit\u00e4tsblindheit und notwendiger politischer Utopie. Bei dieser Differenzierung mag auch der historische Blick auf den 17. Juni 1953 hilfreich sein.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni Nationalfeiertag der Bundesrepublik. 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