{"id":12568,"date":"2023-05-10T12:21:27","date_gmt":"2023-05-10T10:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=12568"},"modified":"2023-05-10T12:21:27","modified_gmt":"2023-05-10T10:21:27","slug":"ueberleben-forschung-zu-veraenderungen-bei-wildpflanzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=12568","title":{"rendered":"\u00dcberleben: Forschung zu Ver\u00e4nderungen bei Wildpflanzen"},"content":{"rendered":"<p>Wildpflanzen k\u00f6nnen sich bei landwirtschaftlicher Vermehrung ver\u00e4ndern. Eine neue Studie untersucht die schnelle Domestizierung von Wildpflanzen. <!--more--><br \/>\nDie Zerst\u00f6rung nat\u00fcrlicher Lebensr\u00e4ume ist global die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die biologische Vielfalt. Bereits mehr als die H\u00e4lfte der weltweiten Landfl\u00e4che ist degradiert. Dieser fatale Zustand kann jedoch durch die Renaturierung von \u00d6kosystemen &#8211; die Wiederherstellung nat\u00fcrlicher Lebensr\u00e4ume auf degradierten Fl\u00e4chen &#8211; teilweise r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<br \/>\nZu den Renaturierungsma\u00dfnahmen geh\u00f6ren zum Beispiel die Wiederherstellung von W\u00e4ldern durch das Pflanzen von B\u00e4umen oder von Grasland durch die Ausbringung von Samen. Das Saatgut f\u00fcr diese Ma\u00dfnahmen wird in der Regel in speziellen landwirtschaftlichen Saatgutbetrieben erzeugt.<br \/>\nEin Team unter der Leitung von Forschenden der Philipps-Universit\u00e4t hat nun genauer untersucht, wie sich die Eigenschaften von Wildpflanzenarten im Zuge der landwirtschaftlichen Saatgutproduktion ver\u00e4ndern. Innerhalb von nur drei Generationen entwickelten einige Arten Anzeichen eines Domestikationssyndroms &#8211; einer Reihe von Merkmalen, die Nutzpflanzen typischerweise w\u00e4hrend der Domestikation entwickeln: Sie wurden gr\u00f6\u00dfer, bl\u00fchten \u00fcppiger und einheitlicher.<br \/>\nDie &#8211; in den ersten Generationen beobachteten &#8211; Ver\u00e4nderungen waren jedoch zumeist geringf\u00fcgig und d\u00fcrften die Eignung der derzeit produzierten Samen f\u00fcr Renaturierungszwecke nicht beeintr\u00e4chtigen. Dennoch sind die beobachteten Merkmalsverschiebungen eine erste Warnung, dass Saatgut von Wildpflanzen nur f\u00fcr eine begrenzte Anzahl von Generationen produziert werden sollte, bevor eine Auffrischung durch frisches Saatgut aus der freien Natur erfolgt. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Zeitschrift &#8222;PNAS&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\nDie Renaturierung von \u00d6kosystemen kann den durch die Verschlechterung der Lebensr\u00e4ume verursachten R\u00fcckgang der biologischen Vielfalt umkehren. In terrestrischen \u00d6kosystemen beinhalten die Ma\u00dfnahmen oft die Ausbringung von Saatgut, das jedoch bei dem derzeit steigenden Bedarf nicht in ausreichender Menge von den nat\u00fcrlichen \u00d6kosystemen zur Verf\u00fcgung gestellt werden kann. Um dieses Problem zu \u00fcberwinden, wird das Saatgut in spezialisierten Saatgutbetrieben vermehrt im Prinzip wie bei Nutzpflanzen.<br \/>\nDieses Saatgut steht dann f\u00fcr die Renaturierung zur Verf\u00fcgung. Durch die landwirtschaftliche Praxis k\u00f6nnten jedoch unbeabsichtigt bestimmte Merkmale selektiert werden. Das ist ein Muster, das aus der fr\u00fchen Domestikation von Nutzpflanzen bekannt ist.<br \/>\nBei deren Domestikation entwickelten diese Eigenschaften, die durch den Landwirt oder die Landwirtin oder das Anbausystem bevorzugt wurden, verloren aber auch die Anpassung an die Wildnis. Wenn solche Ver\u00e4nderungen bei Wildpflanzen auftreten, die zur Wiederherstellung von \u00d6kosystemen angebaut werden, k\u00f6nnten sie die Leistungsf\u00e4higkeit der Pflanzen nach Aussaat in ihrem nat\u00fcrlichen Lebensraum verringern. Das w\u00e4re ein Nachteil f\u00fcr den Erfolg der Ma\u00dfnahmen.<br \/>\nUm zu pr\u00fcfen, ob das der Fall ist, konzentrierten sich die Forschenden auf 19 h\u00e4ufige Gr\u00fcnlandarten und verglichen in einem Experiment Pflanzen aus wild gesammeltem Saatgut mit Pflanzen aus Saatgut, das bis zu vier Generationen lang in landwirtschaftlichen Betrieben vermehrt worden war. Die Forschenden entdeckten, dass sich einige Pflanzen aus landwirtschaftlich vermehrtem Saatgut tats\u00e4chlich weiterentwickelt hatten. Sie waren gr\u00f6\u00dfer, produzierten mehr Bl\u00fcten und ihr Bl\u00fchbeginn war st\u00e4rker synchronisiert als der ihrer wilden Vorfahren.<br \/>\n&#8222;Diese Effekte entsprechen dem, was wir von der Domestikation von Nutzpflanzen erwartet haben&#8220;, erkl\u00e4rte der Doktorand Malte Conrady, der das Experiment an der Universit\u00e4t M\u00fcnster durchgef\u00fchrt hat. &#8222;Allerdings gab es gro\u00dfe Unterschiede zwischen den Arten. Nur ein Drittel der Arten ver\u00e4nderte sich, und die Ver\u00e4nderungen waren meist moderat&#8220;<br \/>\nDr. Walter Durka vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung in Halle erg\u00e4nzte: &#8222;Wichtig ist, dass der Unterschied zwischen Wild- und Kulturpflanzen umso gr\u00f6\u00dfer wurde, je l\u00e4nger die Pflanzen kultiviert wurden.&#8220; Er ist Mitverfassender der Studie.<br \/>\nDie Ergebnisse sind wichtig, um die Saatgutproduktion f\u00fcr die \u00f6kologische Renaturierung zu optimieren. &#8222;Es ist bekannt, dass landwirtschaftliche Praktiken eine starke Selektion bewirken; und wir waren eigentlich \u00fcberrascht, dass wir nur so moderate Ver\u00e4nderungen feststellen konnten&#8220;, erkl\u00e4rte Prof. Dr. Anna Bucharova von der Philipps-Universit\u00e4t, die das Forschungsteam leitete. &#8222;Es ist unwahrscheinlich, dass die Ver\u00e4nderungen, die wir in den wenigen kultivierten Generationen feststellen, die Qualit\u00e4t des Saatguts beeintr\u00e4chtigen. Das hei\u00dft, dass das in der Landwirtschaft vermehrte Saatgut f\u00fcr die Renaturierung weiterhin gut geeignet ist.&#8220;<br \/>\nBesorgniserregend ist jedoch die Zunahme der Differenzierung mit der Dauer des Anbaus, denn wenn ein Saatgutbestand \u00fcber viele Generationen hinweg vermehrt w\u00fcrde, k\u00f6nnten die Ver\u00e4nderungen so stark werden, dass sie den Erfolg von Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden k\u00f6nnten.<br \/>\nUm die Praktiken der Saatguterzeugung zu verbessern, pl\u00e4dieren die Forschenden daf\u00fcr, die Anzahl der Generationen zu begrenzen, in denen die Pflanzen kultiviert werden k\u00f6nnen, ohne dass der Saatgutbestand aus neuen Wildsammlungen wieder aufgef\u00fcllt wird. Eine solche Begrenzung gibt es bereits in Deutschland, wo zertifiziertes Wildpflanzen-Saatgut maximal vier bis f\u00fcnf Generationen lang vermehrt werden darf, aber in vielen anderen L\u00e4ndern fehlen solche Vorschriften.<br \/>\nTeilnehmende Institute waren neben der Philipps-Universit\u00e4t die Universit\u00e4t M\u00fcnster, die Eberhard-Karls-Universit\u00e4t T\u00fcbingen und das Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ in Halle. Die Forschung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wildpflanzen k\u00f6nnen sich bei landwirtschaftlicher Vermehrung ver\u00e4ndern. 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