{"id":12139,"date":"2023-03-13T15:22:11","date_gmt":"2023-03-13T14:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=12139"},"modified":"2023-03-13T15:22:11","modified_gmt":"2023-03-13T14:22:11","slug":"geschichten-oder-geschichte-ausstellung-stueck-fuer-stueck-eroeffnet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=12139","title":{"rendered":"Geschichten oder Geschichte: Ausstellung &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; er\u00f6ffnet"},"content":{"rendered":"<p>Bewusstsein auf dem Weg der stadtmusealen Entwicklung sch\u00e4rfen m\u00f6chte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies. Gro\u00dfer Andrang herrschte schon bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; im Rathaus. <!--more--><br \/>\nEs sind die Erinnerungsst\u00fccke der Marburger Bev\u00f6lkerung und neue Perspektiven, die diese Ausstellung zu etwas Ungew\u00f6hnlichem machen: Bislang liebevoll verwahrt oder auf dem Dachboden verborgen, stehen 35 Objekte von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern zur Stadtgeschichte nun im Mittelpunkt von &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220;.<br \/>\n&#8222;Wir hoffen, mit der Ausstellung das Bewusstsein f\u00fcr die Marburger Geschichte zu sch\u00e4rfen&#8220;, erkl\u00e4rte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies vor \u00fcber 100 G\u00e4sten bei der Er\u00f6ffnung. Das gelte &#8222;f\u00fcr die Geschichte, die bereits erforscht ist, aber auch f\u00fcr die, die noch geschrieben werden muss&#8220;.<br \/>\nWas haben chinesische Figuren eigentlich mit Marburg zu tun? Und welche Geschichte(n) der Stadt erz\u00e4hlt wer mit dem Porzellan der einstigen Tiergarten-Gastst\u00e4tte, dem Gong vom Gasthaus Hannes aus Weidenhausen, einem Schlosssouvenir, einem Foto vom Stadtteil Richtsberg oder mit dem Bierseidel aus Marburgs Traditionsbrauerei?<br \/>\nBis Sonntag (23. April) k\u00f6nnen G\u00e4ste dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr im Ausstellungssaal des Rathauses nicht nur das herausfinden. Der Eintritt ist frei. Das Besondere von &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; ist jedoch, dass die Marburgerinnen und Marburger selbst ihre Erinnerungsobjekte auf Einladung der Stadt beigesteuert haben.<br \/>\nDie Originale sind in der neuen Ausstellung zu sehen. Dort erkl\u00e4ren die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Video- und Audioaufnahmen zudem pers\u00f6nlich, was ihren Gegenstand f\u00fcr sie zu einem &#8222;St\u00fcck Marburg&#8220; macht, warum er in ein Museum von Morgen geh\u00f6rt.<br \/>\n&#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; erz\u00e4hlt Stadtgeschichte damit bewusst von &#8222;Mensch zu Mensch&#8220;. Die Ausstellung setzt auf Perspektivwechsel und Beteiligung. Die Bev\u00f6lkerung mit ihren Alltagsgegenst\u00e4nden und Geschichten steht im Zentrum und kommt zu Wort.<br \/>\nDabei gelingt es der st\u00e4dtischen Ausstellung im Rathaus, behutsam den Impulsen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu folgen und die Erinnerungen zugleich mit Wortbeitr\u00e4gen und Bildern zeitgeschichtlich zu rahmen sowie zum Nachdenken anzuregen. Die elf Stationen &#8222;Verblendung&#8220; zum Kolonialismus, &#8222;\u00dcber Weidenhausen hinaus&#8220; mit Marburgs Tor zur Welt, &#8222;Geselligkeit und Gesellschaft&#8220;, &#8222;Schlossansichten&#8220;, &#8222;Vom Pilgrimstein zum Biegen&#8220;, &#8222;Studi-Leben&#8220;, &#8222;Synagoge &#8211; J\u00fcdisches Leben&#8220;, &#8222;Notunterkunft am Krekel&#8220;, &#8222;Richtsberg &#8211; Buntes Quartier&#8220;, eine &#8222;Meinungs-Tauschb\u00f6rse&#8220; und das &#8222;Stadtlabor&#8220; zum Mitmachen bieten Raum f\u00fcr R\u00fcckblicke auf legend\u00e4re Sommerkonzerte oder Unisommerfeste &#8211; und auch der Original-Pappmach\u00e9-Kopf vom St\u00e4dteturnier &#8222;Spiel ohne Grenzen&#8220; der 70er Jahre fehlt im Rathaus nicht.<br \/>\nAber vor allem sind \u00fcberraschende, unbekannte Exponate zu sehen, die trotzdem Erinnerungen wecken. Anregungen f\u00fcr den kritischen Blick zur\u00fcck sind ebenso Bestandteil wie Stimmen, die sonst wenig geh\u00f6rt werden, oder Menschen, die bisher seltener gesehen wurden.<br \/>\n&#8222;Es ist ein Ausstellungskonzept, das den modernen Erfordernissen von Musealit\u00e4t, Digitalit\u00e4t, P\u00e4dagogik und Beteiligung entspricht. Und das Marburg in seiner stadtgeschichtlichen Vielfalt widerspiegelt&#8220;, betonte Oberb\u00fcrgermeister Spies zum Auftakt. Und das sei von h\u00f6chster stadtgesellschaftlicher Bedeutung. Denn &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; gestalte damit auch den Weg der stadtmusealen Entwicklung diesmal aus dem &#8222;einzigartigen Blickwinkel der Marburger B\u00fcrger*innen erz\u00e4hlt &#8211; anhand ihrer Alltagsobjekte, ihrer Gedanken und Erinnerungen&#8220;, dankte er als Kulturdezernent den Leihgebenden.<br \/>\n&#8222;Die historische Ausstellung gibt uns und unseren G\u00e4sten auf au\u00dfergew\u00f6hnliche Art und Weise die Gelegenheit, \u00fcber Zeitgeschichte, unsere Gesellschaft und \u00fcber unsere eigene Rolle darin nachzudenken&#8220;,<br \/>\n. &#8222;Zugleich k\u00f6nnen wir neue Perspektiven daraus entwickeln.&#8220;, erkl\u00e4rte Spies. Denn er sei \u00fcberzeugt von dem, was Friedenspreistr\u00e4gerin Aleida Assmann unl\u00e4ngst sagte, dass die Zukunft mit dem Erinnern beginnt.<br \/>\n&#8222;Wer die 35 Objekte entdecken will, ist also zugleich willkommen, \u00fcber Wege und neue Perspektiven der Erinnerungskultur nachzudenken&#8220;, sagte Ruth Fischer vom Fachdienst Kultur der Stadt Marburg. Die Fachdienstleiterin ist eine der Konzeptgeberinnen der Ausstellung.<br \/>\n&#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; habe Werkstattcharakter &#8211; und folgt mit seinen Zielen einem Beschluss des Stadtparlaments. Die Stadtverordnetenversammlung (StVV) spricht sich ausdr\u00fccklich daf\u00fcr aus, ein k\u00fcnftiges Museumskonzept nicht allein auf bekannte zeitgeschichtliche Ereignisse und Pers\u00f6nlichkeiten zu reduzieren.<br \/>\nEnde 2022 hatte die Stadt alle Marburgerinnen und Marburger zum Mitmachen eingeladen. Rund 30 B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger brachten sich mit ihren Erinnerungsst\u00fccken ein. Auch Oberb\u00fcrgermeister, B\u00fcrgermeisterin und Stadtr\u00e4tin sprechen &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; \u00fcber ihre pers\u00f6nlichen Marburg-Erinnerungen.<br \/>\nGleich den Einstieg bildet ein kurioses Objekt: Ein Taxi-Funkbuch von 1962 l\u00e4dt mit minuti\u00f6ser Auflistung der Fahrten ein, n\u00e4chtliche Touren zwischen vergessenen Orten nachzuvollziehen, die wie das &#8222;Deutsche Eck&#8220; und den &#8222;Berggarten Marbach&#8220; l\u00e4ngst verschwunden sind.<br \/>\nAber auch soziale, demografische oder politische Gegebenheiten in der Stadt spiegeln sich in Erinnerungen wider, ob in der Schublade mit Buttons oder mit der Verbindungsm\u00fctze, ob mit Plakaten oder einem Biegeneck-Film. Gleich mehrere Exponate von der Werksjacke bis zur letzten Bierkiste haben die Marburger*innen zur Brauereigeschichte eingereicht. &#8222;Drau\u00dfen stank es immer, aber drinnen roch\u00b4s ganz gut&#8220;, erinnerte sich eine der Leihgeber an den Schulweg entlang des Pilgrimsteins noch ganz genau.<br \/>\nDoch auch weniger bekannte Orte, sind vertreten &#8211; wie der Tiergarten mit Affen und L\u00f6wen, der sich in den 30er Jahren \u00f6stlich von Weidenhausen genau dort erstreckt, wo heute die Autobahn verl\u00e4uft. W\u00e4hrend hier das alte Originalgeschirr der Gastst\u00e4tte in den Mittelpunkt der Ausstellung r\u00fcckt, ist vom Gasthof Hannes in Weidenhausen noch der Gong des prominenten Stammtisches &#8222;K\u00e4sebrod&#8220; erhalten.<br \/>\nNeben verschwundenen Orten lernen G\u00e4ste die Lebensgeschichte von Ilse Flachsmann kennen. Sie ist eine der wenigen J\u00fcdinnen, die sich nach ihrer Deportation und KZ entschied, nach Marburg zur\u00fcckzukehren. Wie ein Bleistiftspitzer zu Erinnerungen an diese Marburgerin f\u00fchrt? Nicht nur das kann beim Besuch im Rathaus erkundet werden.<br \/>\nMit einem selbstgemachten Stich und Souvenirs von Flohm\u00e4rkten geht es auch um Marburgs bekanntesten Exportartikel. Dabei dreht es sich um das Schloss. Seit dem 17. Jahrhundert halten die Menschen die wunderbare Ansicht immer wieder fest.<br \/>\nAber auch der Richtsberg als einer der j\u00fcngsten und multikulturellsten Stadtteile, Marburgs Mitte oder der R\u00fcckblick auf die einstige Notunterkunft, die Siedlung Am Krekel sind bei &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; vertreten. \u00dcber zwei Objekte aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert befasst sich die Ausstellung dar\u00fcber hinaus mit dem Boxeraufstand in China und dem V\u00f6lkermord an den Herero, bei denen auch Marburger Soldaten eingesetzt wurden. Puppe und Porzellanfigur sind wohl als Mitbringsel nach Marburg gekommen.<br \/>\nHeute erinnern sie daran, dass Kolonialismus nicht etwa nur von gro\u00dfen St\u00e4dten ausging. &#8222;Wie und was wollen wir erinnern? Wer redet \u00fcber Geschichte?&#8220; Ausgehend von diesen Fragen haben Ruth Fischer, Julia Brandt, und Lisa Bingenheimer &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; das Konzept entwickelt.<br \/>\nDas Projekt haben sie im berufsbegleitenden Masterstudiengang &#8222;Schutz Europ\u00e4ischer Kulturg\u00fcter&#8220; an der Europa-Universit\u00e4t &#8222;Viadrina&#8220; in Frankfurt an der Oder auf den Weg gebracht. Alle drei arbeiten hauptberuflich in der Kulturverwaltung: Fischer ist Leiterin des Fachdiensts Kultur der Stadt, die jetzt zur Ausstellung ins Rathaus einl\u00e4dt.<br \/>\nIhre Kommilitoninnen sind in Denkmalfach\u00e4mtern besch\u00e4ftigt. F\u00fcr die Umsetzung in Marburg zeichnete sich ein Team um Rebekka Gilbert und Monika Bunk verantwortlich.<br \/>\nDas Ausstellungskonzept, bei dem es nicht um Vollst\u00e4ndigkeit geht, wurde in enger Abstimmung mit einem Kuratorium entwickelt. Die Stadtteilsozialarbeit, die Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA), die universit\u00e4ren Sammlungen, der Behindertenbeirat, Altenplanung, Sozialplanung, Ausl\u00e4nderbeirat, Kinder-<br \/>\nund Jugendparlament (KiJuPa) sowie das Unimuseum brachten Wissen und Erfahrung ein.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bewusstsein auf dem Weg der stadtmusealen Entwicklung sch\u00e4rfen m\u00f6chte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies. 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