{"id":11931,"date":"2023-02-12T09:29:46","date_gmt":"2023-02-12T08:29:46","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=11931"},"modified":"2023-02-14T12:07:13","modified_gmt":"2023-02-14T11:07:13","slug":"verhext-vernetzt-differenziertes-denken-statt-plumper-populismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=11931","title":{"rendered":"Verhext vernetzt: Differenziertes Denken statt plumper Populismus"},"content":{"rendered":"<p>Differenziertes Denken f\u00e4llt vielen schwer. Vielleicht hat Marburg als Universit\u00e4tsstadt da ja einen Vorteil. <!--more--><br \/>\nJahrzehnte- wenn nicht gar jahrhundertelang hat das sogenannte &#8222;Technische Weltbild&#8220; das Denken der angeblich &#8222;aufgekl\u00e4rten&#8220; Menschen bestimmt: Alles hat eine Ursache und eine Wirkung. F\u00fcr jedes Problem gibt es eine L\u00f6sung und den passenden Hebel dazu.<br \/>\nDoch die Welt und das Leben in ihr ist nicht so einfach wie dieses Schwarz-Wei\u00df-Denken: Oft ger\u00e4t ein ganzes System ins Wanken, wenn man an einem einzigen R\u00e4dchen dreht. Ursachen und Wirkungen h\u00e4ngen voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig.<br \/>\nDie Natur ist ein sehr komplexes vernetztes System. Die Wissenschaft ist noch weit davon entfernt, alles darin zu verstehen. Die anma\u00dfende Arroganz mancher vermeintlich &#8222;Wissender&#8220; ist letztich nichts Anderes als ignorante Dummheit.<br \/>\nMit ihren einfachen &#8222;L\u00f6sungen&#8220; haben die Anh\u00e4ngerinnen und vor allem die Anh\u00e4nger des mechanistischen Weltbilds tief in die Kreisl\u00e4ufe der Natur eingegriffen, ohne sie \u00fcberhaupt auch nur ansatzweise zu verstehen. Das verstehen viele jetzt angesichts des rasanten Klimawandels und des bedrohlichen Artensterbens. Die Technikgl\u00e4ubigkeit und der Fortschrittsfetischismus sind an der beginnenden Katastrophe ebenso schuld wie die egoistische Gier und der darauf aufgebaute neoliberale Kapitalismus.<br \/>\nGef\u00e4hrliche Gifte als angeblicher &#8222;Pflanzenschutz&#8220; t\u00f6ten nicht nur &#8222;Unkraut&#8220;, sondern auch die Insekten, die die Pflanzen best\u00e4uben. Abgase vergiften Menschen und Tiere sowie Pflanzen. Versiegelte Fl\u00e4chen in gro\u00dfen St\u00e4dten erhitzen die Luft und verhindern das Ablaufen des Wassers bei gr\u00f6\u00dferen Regeng\u00fcssen.<br \/>\nAndauernder L\u00e4rm dr\u00f6hnt nicht nur in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten den Anwohnenden von fr\u00fch bis sp\u00e4t in den Ohren und raubt ihnen den n\u00f6tigen Schlaf. Hektik raubt vielen die Zeit zum Nachdenken \u00fcber sich selbst. Wer nicht zur Ruhe und damit zu sich selbst kommen kann, wird unweigerlich krank.<br \/>\nAus Frust schie\u00dfen einige Feuerwerksk\u00f6rper in die Luft und verpesten sie damit noch zus\u00e4tzlich. Andere greifen zu Drogen und Alkohol. <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=11570\">An Silvesterabenden kommt oft beides<\/a> in unertr\u00e4glicher Ma\u00dflosigkeit zusammen.<br \/>\nDer Alltag wird zum Alptraum. Die Natur wird zur M\u00fcllhalde. Das Leben geht mehr und mehr in ein allm\u00e4hliches Sterben \u00fcber.<br \/>\nEine radikale Wende ist unvermeidlich. Sonst werden die meisten Menschen an dieser gro\u00dfindustriellen Ausbeutung von Mensch und Natur sowie der irreversiblen Zerst\u00f6rung der Zukunft zugrundegehen. Das ist eine der wenigen Wahrheiten, die intelligente Menschen kaum leugnen k\u00f6nnen.<br \/>\nDennoch z\u00f6gern die politisch Verantwortlichen zu lange mit konsequenten Ma\u00dfnahmen. Demokratie bedarf schlie\u00dflich des Ausgleichs unterschiedlichster Interessen. Das \u00dcberlebensinteresse der gesamten Menschheit darf aber nicht den Partikularinteressen einzelner Konzerne geopfert werden.<br \/>\nDoch viele wollen diese Dringlichkeit nicht wahrhaben. Sie verweigern sich den Konsequenzen, die das f\u00fcr ihr Leben bedeutet: Sie m\u00fcssten &#8222;verzichten&#8220; auf Wohlstand und die eigene Bereicherung auf Kosten anderer Menschen und ihrer Lebensgrundlagen.<br \/>\nEinfache Antworten sind da sehr angenehm. Ein &#8222;Nein&#8220; zum &#8222;Verzicht&#8220; ist solch eine Antwort, die den differenzierten Anforderungen an die derzeitige Situation ebensowenig gerecht wird wie ein &#8222;Ja&#8220; zum neoliberalen Kapitalismus. Der platte Populismus der Corona- und Klima-Leugner ist da ein willkommener Weg zur Verdr\u00e4ngung der anstehenden Probleme.<br \/>\nDie Technik, die die Menschheit in die Katastrophe hineingeritten hat, kann kaum die L\u00f6sung dieser Probleme bringen. Die Erhebung der Menschen aus ihrer Einbettung in die Natur heraus auf eine g\u00f6ttergleiche Stufe der Herrschaft \u00fcber ihre Umwelt hat die Menschen von ihren Mitgesch\u00f6pfen entfremdet. Die Natur ist nicht mehr ihr allt\u00e4glicher Lebensraum, sondern nur noch ein exotisches Ausflugsziel an Wochenenden oder im Urlaub.<br \/>\n&#8222;Demut&#8220; war einst das Wort f\u00fcr ein Bewusstsein der eigenen Begrenztheit. Wer &#8222;Demut oder &#8222;Verzicht&#8220; als angeblich &#8222;mutlos&#8220; abtut, der ist wahrscheinlich viel mehr beschr\u00e4nkt als diejenige Person, die nach einem Leben im Einklang mit der Natur trachtet. &#8222;Vernetztes Denken&#8220; beginnt mit der Einsicht in die Notwendigkeit eigener Selbstbeschr\u00e4nkung.<br \/>\nDas menschliche Hirn kennt sowohl das mechanistische Denken von Ursache und Wirkung sowie &#8222;Ja&#8220; oder &#8222;Nein&#8220; und &#8222;Schwarz&#8220; oder &#8222;Wei\u00df&#8220;. Es kennt aber auch die vielen Farben und Graut\u00f6ne der Pflanzen und Tiere oder des Wassers und der Wolken. Das Gehirn selber ist hochvernetzt mit seinen gigantischen Nervenstr\u00e4ngen und ihren Verknotungen.<br \/>\nWas fr\u00fcher als &#8222;Denken aus dem Bauch heraus&#8220; bezeichnet wurde, das erkennen die Hirnforschenden inzwischen als das vernetzte Denken der neuronalen Netzwerke im Menschen. Was als &#8222;logisch durchdacht&#8220; bezeichnet wurde, ist nur die Vorstufe dazu. Denken auf beiden Ebenen erweist sich zunehmend als kluge Anwendung der menschlichen Denkf\u00e4higkeit und Erfahrung.<br \/>\nBis zu acht verschiedene Punkte kann ein Mensch gleichzeitig im Kopf abw\u00e4gen. Mehr k\u00f6nnen die beiden Hirnh\u00e4lften nicht gleichzeitig erfassen. 200 bis 300 Gesichtspunkte kann der Mensch jedoch in Sekundenschnelle unbewusst aus seinem Ged\u00e4chtnis abrufen, wenn er &#8222;aus dem Bauch heraus&#8220; abw\u00e4gt.<br \/>\nDie Angleichung beider Wege einer Entscheidungsfindung f\u00fchrt am Ende vermutlich zu den besten Ergebnissen: Wenn die logisch durchdachten Ergebnisse mit dem Bauchgef\u00fchl \u00fcbereinstimmen, dann sind sie wahrscheinlich richtiger als dann, wenn Gef\u00fchl und Verstand nicht miteinander harmonieren. Diese Erkenntnis hatte bereits der Naturforscher, Politiker, Theaterintendant und Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe.<br \/>\nIn Marburg, wo die Geisteswissenschaften in der zweiten H\u00e4lfte des vergangenen Jahrhunderts eine wahre Bl\u00fcte erlebt haben, scheint sich noch etwas von Goethes Verst\u00e4ndnis von &#8222;Verstand&#8220; gehalten zu haben. Die &#8222;Vernunft&#8220; eines Immanuel Kant kommt dabei mit dem &#8222;Gef\u00fchl&#8220; zu einer Einheit zusammen. Dieses &#8222;Gef\u00fchl&#8220; ist letztlich nichts Anderes als die gelebte Empathie mit den Mitmenschen und den anderen Lebewesen sowie der Natur insgesamt.<br \/>\nLetztlich ist der Mensch Teil der Natur. Sie ist lebensnotwendige Voraussetzung f\u00fcr sein \u00dcberleben. Wer die Natur sch\u00e4digt, der sch\u00e4digt sich deshalb am Ende auch selbst.<br \/>\nDarum ist &#8222;Demut&#8220; eine Tugend und &#8222;Verzicht&#8220; am Ende sogar oft ein Gewinn. Wer die eigenen Gewinne auf Kosten anderer erzielt, der verliert damit das Recht auf den Respekt seiner mitf\u00fchlenden Mitmenschen. Am Ende ist das Leben die &#8211; zeitlich begrenzte &#8211; Quadratur des Kreises innerhalb der Kreisl\u00e4ufe von s\u00e4en und ernten, wachsen und bl\u00fchen, Werden und Vergehen.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Differenziertes Denken f\u00e4llt vielen schwer. 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