{"id":11773,"date":"2023-01-27T12:30:08","date_gmt":"2023-01-27T11:30:08","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=11773"},"modified":"2023-01-27T15:18:15","modified_gmt":"2023-01-27T14:18:15","slug":"gemeinsam-gedenken-opfer-taeter-und-helfer-in-marburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=11773","title":{"rendered":"Gemeinsam gedenken: Opfer, T\u00e4ter und Helfer in Marburg"},"content":{"rendered":"<p>Der 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Auch in Marburg gab es zahlreiche Opfer der Shoa, viele T\u00e4ter und Mitt\u00e4ter sowie einige Menschen im aktiven Widerstand gegen den Faschismus. <!--more--><br \/>\nEines der ersten und prominentesten Opfer war der Sprachwissenschaftler Prof. Dr Hermann Jacobsohn. Dem Kommissarischen Leiter des Deutschen Sprachatlas teilte der damalige Universit\u00e4tsrektor Prof. Dr. Ernst von H\u00fclsen am 25. April 1933 mit, dass er aufgrund des nationalsozialistischen Berufsbeamtengesetzes als Jude aus dem Staatsdienst entlassen sei. Zwei Tage sp\u00e4ter warf Jacobsohn sich am S\u00fcdbahnhof vor einen Zug.<br \/>\nAn den j\u00fcdischen Gelehrten erinnert heute ein &#8222;Stolperstein&#8220; vor seinem Wohnhaus Sch\u00fcckingstra\u00dfe 24 sowie der Hermann-Jacobsohn-Weg, der die Weintrautstra\u00dfe mit dem Spiegelslustweg verbindet. Jacobsohns Nachfahren leben auch heute noch in Marburg und engagieren sich gegen Antisemitismus, Faschismus und Krieg.<br \/>\nEbenso wie ihm erging es auch Prof. Dr. Erich Auerbach. Der Romanist wanderte nach seiner Abberufung aus dem Marburger Universit\u00e4tsdienst in die T\u00fcrkei aus, wo er auf Einladung des t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten Mustafa Kemal Pascha &#8222;Atat\u00fcrk&#8220; eine Universit\u00e4t nach westeurop\u00e4ischem Vorbild mit aufbaute und auch sein Hauptwerk &#8222;Mimesis dargestellte Wirklichkeiten&#8220; \u00fcber das gemeinsame kulturelle Erbe der Menschheit verfasste. In einem Briefwechsel mit dem Philosophen Dr. Walter Benjamin bedauerte er bereits vorher, dass durch die nationalsozialistische &#8222;Blu-Bo-Propaganda&#8220; das Bewusstsein daf\u00fcr verlorengegangen sei, &#8222;dass der Geist nicht national ist&#8220;.<br \/>\nBis an sein Lebensende hat Auerbach vergeblich darauf gedrungen, seine Professur an der Philipps-Universit\u00e4t zur\u00fcckzuerhalten. Mit dem Verweis, seine Professuren in Harvard und Yale seien doch mit h\u00f6chster Reputation verbunden, verweigerte ihm die Universit\u00e4tsleitung bis zu seinem Tod und seinem Sohn Clemens Auerbach sogar noch dar\u00fcber hinaus die Anerkennung des Unrechts, das die Universit\u00e4t durch seine Entlassung aus dem Dienst begangen hatte.<br \/>\nNicht gerade mit Ruhm bekleckert hat sich die Philipps-Universit\u00e4t auch mit Auerbachs Assistenten und Nachfolger Prof. Dr. Werner Krau\u00df. Er geh\u00f6rte einer Widerstandsorganisation an, die die Geheime Staatspolizei (GeStaPo) mit der Bezeichnung &#8222;Die rote Kapelle&#8220; als angebliche russische Geheimorganisation diskreditierte. Ein <a>Verh\u00f6r des Wissenschaftlers \u00fcber seine Bibliothek<\/a> und den Besitz des angeblich &#8222;v\u00f6llig verjudeten&#8220; Romans &#8222;Der Zauberberg&#8220; von Thomas Mann hat die Humanistische Union (HU) <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=3592\">am 10. Mai 2019 aus Anlass des Jahrestags der nationalsozialistischen B\u00fccherverbrennung<\/a> am Tatort vor der Marburger GeStaPo-Zentrale im Kilian am Schuhmarkt nachgestellt.<br \/>\nZwar wurde Krau\u00df nach seiner Beteiligung an einer Flugblattaktion gegen eine Nazi-Propagandaausstellung von nahmhaften Wissenschaftlern vor einer Vollstreckung des &#8211; gegen ihn verh\u00e4ngten &#8211; Todesurteils mit Hilfe von psychiatrischen Gutachten gerettet, doch sabotierten die Professoren an der Philipps-Universit\u00e4t nach Kriegsende seine Arbeit in einem Gremium der Universit\u00e4t zur Entnazifizierung des Lehrk\u00f6rpers. Entt\u00e4uscht \u00fcbersiedelte er dann in die sowjetische Zone und engagierte sich dort in der sogenannten &#8222;Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands&#8220; (SED), was seine wissenschaftliche Reputation in Westdeutschland v\u00f6llig zerst\u00f6rte. In Frankreich hingegen genoss Krau\u00df h\u00f6chste Anerkennung, die ihm in Marburg jedoch bis heute versagt blieb.<br \/>\nIm Konzentrationslager Theresienstadt starb am 22. M\u00e4rz 1944 das erste weibliche Magistratsmitglied der Universit\u00e4tsstadt Marburg an Unterern\u00e4hrung. Dr. Hedwig Jahnow war 1919 ins Stadtparlament gew\u00e4hlt worden. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Gremium im Jahr 1924 wurde sie ein Jahr sp\u00e4ter zur stellvertretenden Direktorin der Elisabethschule ernannt.<br \/>\nAufgrund j\u00fcdischer Vorfahren wurde sie 1935 jedoch entlassen. 1942 verurteilte ein Gericht sie wegen &#8222;Abh\u00f6rens von Feindsendern&#8220; zu einer Zuchthausstrafe,. Von dort wurde sie dann ins Lager Theresienstadt \u00fcberstellt, wo sie schlie\u00dflich starb.<br \/>\nAn Jahnow erinnert heute eine nach ihr benannte Stra\u00dfe sowie ein &#8222;Stolperstein&#8220; vor ihrem Wohnhaus an der Wilhelmstra\u00dfe. Zudem hat die Philipps-Universit\u00e4t ein Projekt nach ihr benannt. Tragisch ist, dass ihre Bem\u00fchungen einer Aufnahme in England 1938 an ihrem damals bereits hohen Alter scheiterten, da die britischen Beh\u00f6rden nur junge Fl\u00fcchtlinge aufnehmen wollten.<br \/>\nWesentlich leichter als sie hatten es hingegen selbst nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft selbst hochrangige Nazi-T\u00e4ter wie der Arzt Prof. Dr. Wilhelm Pfannenstiel. Als wissenschaftlicher Chefberater des sogenannten &#8222;Euthanasie&#8220;-Programms &#8222;T4&#8220; war er ma\u00dfgeblich mitverantwortlich f\u00fcr die Ermordung von mindestens 300.000 Behinderten als angeblich &#8222;lebensunwertes Leben&#8220;. Den SS-Standartenf\u00fchrer hatte BliStA-Gr\u00fcnder Prof. Carl Strehl sogar in den Vorstand der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) berufen, wo er bis Kriegsende die Ungleichbehandlung von Kriegserblindeten und &#8222;erbkranken&#8220; Blinden durchsetzte.<br \/>\nNach seinem Lehrverbot durch die US-amerikanische Besatzungsmacht unmittelbar nach Kriegsende dr\u00fcckte Strehls Ehefrau in einem Brief der Frau des hochrangigen Nazi-Verbrechers ihr Bedauern dar\u00fcber aus, wie &#8222;ungerecht&#8220; mit ihm verfahren worden sei. F\u00fcr seine Behilfe zum Massenmord an Behinderten wurde Pfannenstiel jedoch ebensowenig zur Rechenschaft gezogen wie der Psychiater Dr. Werner Eicke, der auch nach Kriegsende weiterhin Leiter des Psychiatrischen Krankenhauses (PKH) an der Cappeler Stra\u00dfe blieb, obwohl er sich an der Aussonderung von Patientinnen und Patienten und ihrer \u00dcberstellung in die Vernichtungsanstalt Hadamar beteiligt hatte. Bis 1988 praktizierte Eicke in Marburg noch unbehelligt als Psychiater.<br \/>\nWenig bekannt sind Menschen, die andere vor der Verfolgung gesch\u00fctzt oder versteckt haben. Auch in Marburg muss es solche t\u00e4tige \u00dcberlebenshilfe gegeben haben. H\u00e4ufig haben diese Helfer jedoch geschwiegen und ihre Aktivit\u00e4ten als &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; bezeichnet, weil sie jedem Heldentum abhold waren und Ressentiments von Alt-Nazis f\u00fcrchteten.<br \/>\nTrotz des &#8211; oft lebensgef\u00e4hrlichen &#8211; Einsatzes f\u00fcr Verfolgte war die Zahl der Opfer des Faschismus riesig. Viele Namen bleiben ungenannt. Viele Schicksale sind kaum zu beschreiben angesichts der unvorstellbaren Brutalit\u00e4t der Vernichtungslager.<br \/>\nVergessen darf die Menschheit sie nicht. Wenn schon die meisten Verbrechen unbestraft und unges\u00fchnt bleiben werden, muss doch wenigstens das Gedenken gepflegt werden. Am besten geschieht das durch ein konsequentes Eintreten f\u00fcr Demokratie und Menschlichkeit sowie gegen Antisemitismus, Rassismus und die Diskriminierung Behinderter, Homosexueller und Andersdenkender.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Auch in Marburg gab es zahlreiche Opfer der Shoa, viele T\u00e4ter und Mitt\u00e4ter sowie einige Menschen im aktiven Widerstand gegen den Faschismus.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5,3,2,4],"tags":[2089,1076,2881],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-33T","jetpack-related-posts":[{"id":8626,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=8626","url_meta":{"origin":11773,"position":0},"title":"Holocaust-Gedenktag: Am 27. Januar Lesung zu Ravensbr\u00fcck","date":"24. Januar 2022","format":false,"excerpt":"Zum Gedenken an NS-Opfer wehen die Flaggen am Donnerstag (27. Januar) auf halbmast. Zudem f\u00fchrt die Volkshochschule eine Lesung zum KZ Ravensbr\u00fcck durch. Die Flaggen am Rathaus sowie an weiteren \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden der Stadt wehen am Donnerstag (27. Januar) auf halbmast. Erinnert wird damit an die Opfer des Nationalsozialismus. Das\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":19299,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=19299","url_meta":{"origin":11773,"position":1},"title":"Beflaggungstermine: Marburg gedenkt der Opfer von Rassismus und Krieg","date":"6. Januar 2026","format":false,"excerpt":"Die Beflaggung der Universit\u00e4tsstadt Marburg im Januar 2026 hat die Stadt am Dienstag (6. Januar) bekanntgegeben. Zwei Beflaggungstermine erinnern an wichtige historische Ereignisse. Zu besonderen Anl\u00e4ssen wie Gedenk- oder Aktionstagen hisst die Universit\u00e4tsstadt Marburg an allen st\u00e4dtischen Geb\u00e4uden sowie dem historischen Rathaus die st\u00e4dtische Flagge. Damit m\u00f6chte sie auf die\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":7013,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=7013","url_meta":{"origin":11773,"position":2},"title":"Ausgang ins Abseits: Zum 100. Todestag von Sophie Scholl","date":"9. Mai 2021","format":false,"excerpt":"\"Entscheidet Euch, eh' es zu sp\u00e4t ist!\" Das schrieb die \"Wei\u00dfe Rose\" 1943 in einem Flugblatt. \"Zerrei\u00dft den Mantel, der Gleichg\u00fcltigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt!\" Dieser Satz ist eines der ber\u00fchmtesten Zitate aus den Flugschriften der Widerstandsgruppe gegen den Hitler-Faschismus. Ihre prominenteste Vertreterin war und ist auch heute\u2026","rel":"","context":"In &quot;Politik&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":10248,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10248","url_meta":{"origin":11773,"position":3},"title":"Anfang Abtransport: Stadt gedenkt der Shoa in Lettland","date":"28. Juli 2022","format":false,"excerpt":"Vertreter von 39 St\u00e4dten besuchten Orte des Erinnerns. Auch der Magistrat der Stadt Marburg gedenkt der Opfer des Holocausts in Lettland. Vor \u00fcber 80 Jahren wurden zehntausende j\u00fcdische Menschen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs nach Riga in Lettland deportiert. Zum Gedenken an die Opfer des Holocausts haben sich Delegierte aus 39\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":17283,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=17283","url_meta":{"origin":11773,"position":4},"title":"Rathausbeflaggung: Zwei Gedenktage im Januar 2025","date":"8. Januar 2025","format":false,"excerpt":"Die Beflaggung der Universit\u00e4tsstadt Marburg im Januar 2025 hat die Stadt am Mittwoch (8. Januar) bekanntgegeben. F\u00fcr diesen Monat sind nur zwei Beflaggungstermine vorgesehen. Die Universit\u00e4tsstadt Marburg hisst zu besonderen Anl\u00e4ssen wie Gedenk- oder Aktionstagen an allen st\u00e4dtischen Geb\u00e4uden sowie dem historischen Rathaus die st\u00e4dtische Flagge. Damit m\u00f6chte Marburg auf\u2026","rel":"","context":"In &quot;Politik&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":5947,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=5947","url_meta":{"origin":11773,"position":5},"title":"Aktiv gegen Antisemitismus: Diesmal digitales Gedenken der shoa","date":"3. November 2020","format":false,"excerpt":"Zur Erinnerung an die Opfer der Pogromnacht 1938 gibt es am Montag (9. November) ein gemeinsames Gedenken per Live-Stream. Das hat die Stadt Marburg am Dienstag (3. November) mitgeteilt. Anl\u00e4sslich der Novemberpogrome von 1938 veranstalten die Gesellschaft f\u00fcr Christlich-J\u00fcdische Zusammenarbeit (CJZ), die J\u00fcdische Gemeinde und der Magistrat der Universit\u00e4tsstadt Marburg\u2026","rel":"","context":"In &quot;Kultur&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11773"}],"collection":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11773"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11773\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11778,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11773\/revisions\/11778"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}