{"id":11657,"date":"2023-01-12T15:14:44","date_gmt":"2023-01-12T14:14:44","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=11657"},"modified":"2023-01-12T15:14:44","modified_gmt":"2023-01-12T14:14:44","slug":"zusammen-zugehoert-19-februar-hanau-im-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=11657","title":{"rendered":"Zusammen zugeh\u00f6rt: 19. Februar Hanau im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Bei Krankheit gibt es die AOK, bei Unf\u00e4llen den ADAC, doch f\u00fcr so was gibt es nichts&#8220;, stellte Emis G\u00fcrb\u00fcz fest. Opfer rassistischer Anschl\u00e4ge bekommen keine richtige Unterst\u00fctzung. <!--more--><br \/>\nIn der Trauer um seinen ermordeten Bruder wurde G\u00fcrb\u00fcz von den Beh\u00f6rden nicht nur alleingelassen, sondern sogar noch durch eine sogenannte &#8222;Gef\u00e4hrderansprache&#8220; bedr\u00e4ngt. &#8222;Machen Sie keine Dummheiten&#8220;, sei ihm und anderen Angeh\u00f6rigen gesagt worden, als der Vater des M\u00f6rders nur wenige hundert Meter von ihren Wohnungen entfernt wieder zur\u00fcckkam. Dem rassistisch eingestellten Vater jedoch sei dergleichen offenbar nicht gesagt worden, da er Angeh\u00f6rige der Opfer seines Sohnes nach wie vor bedr\u00e4ngt und bedroht.<br \/>\n&#8222;HANAU ERINNERN!&#8220; lautete der Titel des Gespr\u00e4chs mit der Initiative &#8222;19. Februar Hanau&#8220; am Mittwoch (11. Januar) im fast vollbesetzten Kleinen TaSch. Gut einen Monat vor dem dritten Jahrestag des rassistischen Anschlags von Hanau sprachen die Angeh\u00f6rigen \u00c7etin G\u00fcltekin, Emis G\u00fcrb\u00fcz und Newroz Duman auf Einladung des Hessischen Landestheaters Marburg (HLT\u00fcber ihre Trauer, ihre Wut und die Arbeit zum Gedenken der neun Todesopfer vom 19. Januar 2020. Moderiert wurde dieses Gespr\u00e4ch von Matti Trau\u00dfneck.<br \/>\nG\u00f6khan G\u00fcltekin, Sedat G\u00fcrb\u00fcz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Sara\u00e7oglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov wurden am 19. Februar 2020 von einem Rassisten ermordet. Monate vor der Tat hatte er seinen Anschlag in Schreiben an die Staatsanwaltschaft Hanau und den Generalbundesanwalt (GBA) in Karlsruhe angek\u00fcndigt. Unternommen haben die beiden Beh\u00f6rden danach jedoch nichts.<br \/>\n&#8222;Wissen Sie, wie viele solche Schreiben wir t\u00e4glich erhalten?&#8220; Mit dieser Frage habe sich ein Vertreter der Bundesanwaltschaft im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags f\u00fcr seine Unt\u00e4tigkeit gerechtfertigt. &#8222;Warum hat er nicht mal eine Polizeistreife losgeschickt?&#8220;, wollte G\u00fcrb\u00fcz wissen.<br \/>\n&#8222;Mein Sohn k\u00f6nnte noch leben&#8220;, klagte G\u00fcltekin die Gleichg\u00fcltigkeit der Beh\u00f6rden an. &#8222;Sind unsere Kinder weniger wert als andere, nur weil wir T\u00fcrken sind?&#8220;<br \/>\n\u00dcber das Engagement der Initiative &#8222;19. Februar Hanau&#8220; berichtete Duman mit sehr eindringlichen und pr\u00e4zisen Ausf\u00fchrungen. Statt gem\u00e4\u00df ihrer Pflicht die Hintergr\u00fcnde der neun Morde zu ermitteln, h\u00e4tten die Beh\u00f6rden ihr Versagen systematisch vertuscht. Die Initiative habe mit Hilfe der Akten der Bundesanwaltschaft sowie mit Unterst\u00fctzung der Rechercheagentur Forensic Architecture&#8220; selber ermitteln m\u00fcssen.<br \/>\nHerausgekommen ist die Ausstellung &#8222;Three Doors&#8220; oder zu Deutsch &#8222;Drei T\u00fcren&#8220;. Diese Ausstellung soll zum neuerlichen Jahrestag des Anschlags erweitert und dann in Hanau gezeigt werden. M\u00f6glich und w\u00fcnschenswert sei, diese Ausstellung dann auch in Marburg zu pr\u00e4sentieren.<br \/>\nDie drei Angeh\u00f6rigen berichteten von ihren Erfahrungen mit F\u00fchrungen durch diese Ausstellung. &#8222;Die Menschen haben mit mir geweint&#8220;, erz\u00e4hlte G\u00fcltekin von ihren F\u00fchrungen in Berlin. G\u00fcrb\u00fcz berichtete \u00c4hnliches aus Frankfurt.<br \/>\n&#8222;Die Zeitleiste verfolgt die Ereignisse minuti\u00f6s nach&#8220;, erkl\u00e4rte Duman. &#8222;Das ist die Wahrheit.&#8220;<br \/>\nDen Untersuchungsausschuss im Landtag sieht sie zwar als hilfreich an, erwartet sich davon jedoch keine umfassende Aufkl\u00e4rung. &#8222;Da sitzt ein Herr M\u00fcller von der Landesregierung, der immer sofort einschreitet, wenn es zur Sache geht&#8220;, kritisierte sie. &#8222;Das solte doch eigentlich Aufgabe des Ausschussvorsitzenden MariusWei\u00df sein, die Sitzung zu leiten.&#8220;<br \/>\nDas Versagen des Notrufs in der Tatnacht habe die Polizei im Ausschuss ebenso zu vertuschen versucht wie die fr\u00fchzeitige Feststellung, dass der Notausgang in der &#8222;Arena-Bar&#8220; versperrt war. Auch die Anwesenheit von 13 Polizeibeamten einer rassistischen Chatgruppe in der Tatnacht am Tatort h\u00e4tten die Verantwortlichen dort herabgespielt. Das Video von einem \u00dcberflug \u00fcber Hanau in der Tatnacht sei dem Vorsitzenden des Ausschusses gezielt vorenthalten worden.<br \/>\n&#8222;Die Parteien benutzen den Ausschuss f\u00fcr ihren Wahlkampf&#8220; beklagte sich G\u00fcltekin. &#8222;Die Opposition benutzt ihn gegen die Regierung. Aber auch sie verfolgt nicht unsere Interessen.&#8220;<br \/>\nDie Polizei habe den Vater des T\u00e4ters nicht einmal auf Schmauchspuren hin untersucht, bem\u00e4ngelte G\u00fcrb\u00fcz. Somit sei nicht einmal sicher, dass nicht vielleicht er seinen Sohn und seine Ehefrau erschossen haben k\u00f6nnte.<br \/>\nTrotz der psychologischen Behandlung des M\u00f6rders habe er 2013 problemlos einen Waffenschein bekommen. Das sei nur nach einer \u00c4nderung des Waffenrechts m\u00f6glich gewesen, die zum Erwerb des Waffenscheins keine gesundheitlichen Voraussetzungen mehr verlangt, erkl\u00e4rte Duman auf. Sie forderte eine Versch\u00e4rfung des Waffenrechts zum Schutz der Bev\u00f6lkerung vor psychisch labilen Gewaltt\u00e4tern.<br \/>\nZudem fordert die Initiative die Errichtung eines Mahnmals auf dem Marktplatz in Hanau. Auch ein Mahnmal in Marburg erkl\u00e4rte die Moderatorin f\u00fcr w\u00fcnschenswert. Auf dem Friedrichsplatz im S\u00fcdviertel gebe es nur eines allgemein gegen Rassismus, erl\u00e4uterte Trau\u00dfneck.<br \/>\nW\u00e4hrend die Zivilgesellschaft den Angeh\u00f6rigen viel Solidarit\u00e4t zeige, erwiesen sich die Beh\u00f6rden als aufkl\u00e4rungsunwillig. Dabei ben\u00f6tige die Demokratie eine l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung und entsprechende Konsequenzen f\u00fcr die Verantwortlichen. &#8222;Wir machen das alles ja f\u00fcr Deutschland, damit so etwas nie wieder geschieht&#8220;, erkl\u00e4rte G\u00fcrb\u00fcz.<br \/>\nDie bestehenden Initiativen von Angeh\u00f6rigen der Opfer rassistischer Gewalt in Hanau, Halle, von Opfern des sogenannten &#8222;Nationalsozialistischen Untergrnds&#8220; (NSU) und anderer Mordtaten h\u00e4tten sich zwischenzeitlich miteinander vernetzt. Damit wollten sie auch daf\u00fcr sorgen, dass m\u00f6gliche Opfer k\u00fcnftiger Taten nicht mehr alleingelassen werden.<br \/>\nDen dritten Jahrestags des rassistischen Anschlags von Hanau wollen die Angeh\u00f6rigen erstmals gemeinsam mit allen anderen Initiativen und der Stadt Hanau gestalten. Harsche Kritik \u00e4u\u00dferten sie gegen\u00fcber der Stadt und dem Oberb\u00fcrgermeister Claus Kaminsky, die Gedenkveranstaltungen \u00fcber ihren Kopf hinweg geplant und durchgef\u00fchrt h\u00e4tten. Das sei nun erstmals anders.<br \/>\nBundesweit w\u00fcnschen sie sich Gedenkveranstaltungen am 19. Februar jedes Jahres. Damit wollen sie nicht nur das Andenken an die Ermordeten aufrechterhalten, sondern auch den Druck auf die Beh\u00f6rden zur Aufkl\u00e4rung des Verbrechens. Nur dank dieses Drucks seien sie \u00fcberhaupt schon so weit gekommen, dass sie geheimgehaltene Dokumente und verschwiegene Tatsachen zum Hintergrund des neun Morde ans Tageslicht bringen konnten.<br \/>\nDie durchaus emotionalen Statements von G\u00fcltekin und G\u00fcrb\u00fcz unterstrichen die eher sachlichen Erkl\u00e4rungen von Duman auf, die die Ungeheuerlichkeiten des dramatischen Staatsversagens bei der &#8211; vielfach versprochenen, doch bislang absolut nicht eingel\u00f6sten &#8211; Aufkr\u00e4rung dieses Verbrechens drastisch verdeutlichten. Durchg\u00e4ngig bezeichneten alle den M\u00f6rder immer nur als &#8222;der Rassist&#8220;. Sein Name wie auch der seines Vaters fiel an diesem Abend kein einziges Mal.<br \/>\nZum Abschluss wiederholte Trau\u00dfneck gemeinsam mit dem Publikum noch einmal die Namen G\u00f6khan G\u00fcltekin, Sedat G\u00fcrb\u00fcz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Sara\u00e7oglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Leider bot die Moderatorin dem Publikum danach keine Gelegenheit zu \u00c4u\u00dferungen. W\u00e4hrend G\u00fcrb\u00fcz das &#8222;Kleine TaSch&#8220; sofort verlie\u00df, kn\u00fcpfte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies dort nach dem Ende des Vortrags ein Gespr\u00e4ch mit G\u00fcltekin am.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Bei Krankheit gibt es die AOK, bei Unf\u00e4llen den ADAC, doch f\u00fcr so was gibt es nichts&#8220;, stellte Emis G\u00fcrb\u00fcz fest. 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