{"id":11642,"date":"2023-01-10T12:43:05","date_gmt":"2023-01-10T11:43:05","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=11642"},"modified":"2023-01-10T12:43:05","modified_gmt":"2023-01-10T11:43:05","slug":"unwort-des-jahres-klimaterroristen-als-bedrohung-statt-schutz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=11642","title":{"rendered":"Unwort des Jahres: Klimaterroristen als Bedrohung statt Schutz"},"content":{"rendered":"<p>Das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2022 ist &#8222;Klimaterroristen&#8220;. Das Hat die Jury am Dienstag (10. Januar) in Marburg bekanntgegeben. <!--more--><br \/>\nMit dem Ausdruck &#8222;Klimaterroristen&#8220; wird im \u00f6ffentlich-politischen Diskurs pauschal Bezug auf Akteurinnen und Akteure genommen, die sich f\u00fcr die Umsetzung von Klimaschutzma\u00dfnahmen und die Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens einsetzen. Der Ausdruck wurde im \u00f6ffentlichen Diskurs gebraucht, um Aktivist*innen und deren Protest zu diskreditieren. Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil Klimaaktivismus mit Terrorismus gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert werden.<br \/>\nUnter Terrorismus ist das systematische Aus\u00fcben und Verbreiten von Angst und Schrecken durch radikale physische Gewalt zu verstehen. Um ihre Ziele durchzusetzen, nehmen Terroristinnen und Terroristen dabei Zerst\u00f6rung, Tod und Mord in Kauf. Durch die Gleichsetzung des klimaaktivistischen Protests mit Terrorismus werden gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt.<br \/>\nMit der Verwendung des stigmatisierenden Ausdrucks &#8222;Klimaterroristen&#8220; verschiebt sich zudem der Fokus der Debatte von den berechtigten inhaltlichen Forderungen der Gruppe hin zum Umgang mit Protestierenden beispielsweise mit Pr\u00e4ventivhaft). Die Forderungen der Klimaaktivistinnen und Aktivisten, die Klimakrise durch wirksame politische Ma\u00dfnahmen zu bew\u00e4ltigen, treten im \u00f6ffentlichen Diskurs dabei ebenso in den Hintergrund wie die globale Bedrohung durch den Klimawandel. Im Vordergrund steht stattdessen die Frage nach politischen und juristischen Handlungsm\u00f6glichkeiten gegen zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure.<br \/>\n&#8222;Dass der Klimawandel selbst den eigentlichen Terror darstellt, war eine Position in der \u00f6ffentlichen Debatte&#8220;, berichtete Jury-Sprecherin Prof. Dr. Constanze Spie\u00df von der Philipps-Universit\u00e4t. Der Jury sei jedoch wichtig gewesen, die pers\u00f6nliche Herabw\u00fcrdigung von Klimaschutzaktivisten durch das diffamierende Wort &#8222;Terrorist&#8220; deutlich zu machen.<br \/>\nDer Ausdruck &#8222;Klimaterroristen&#8220; reihe sich in ein Netz weiterer Unw\u00f6rter ein, die dazu dienen, die Aktivistinnen und Aktivisten sowie deren Ziele zu diffamieren und in den Kontext von Gewalt und extremer Aggression zu stellen. Zu dem Netz der weiteren Unw\u00f6rter z\u00e4hlen &#8222;Klimaterrorismus&#8220;, &#8222;\u00d6koterrorismus&#8220; oder &#8222;Klima-RAF&#8220;.<br \/>\nAu\u00dferdem kritisiert die Jury als Unw\u00f6rter auf Platz 2 und 3 im Jahr 2022 &#8222;Sozialtourismus&#8220; und &#8222;defensive Architektur&#8220;. Der Ausdruck &#8222;Sozialtourismus&#8220; war bereits 2013 Unwort des Jahres. Von einigen Politikern und Medien wurde damals mit der Verwendung dieses Wortes gezielt Stimmung gegen unerw\u00fcnschte Zuwanderung insbesondere aus Ost.<br \/>\nAus aktuellem Anlass hat sich die Jury entschieden, diesen Ausdruck diesmal auf Platz 2 zu setzen. Im Jahr 2022 wurde &#8222;Sozialtourismus&#8220; von Friedrich Merz zur Bezeichnung von Menschen aus der Ukraine verwendet, die Zuflucht vor dem Krieg suchen. Die Jury sieht in diesem Wortgebrauch eine Diskriminierung derjenigen Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind und in Deutschland Schutz suchen.<br \/>\nZudem verschleiert der Ausdruck ihr prinzipielles Recht auf Schutz. Die Perfidie des Wortgebrauchs besteht darin, dass das Grundwort &#8222;Tourismus&#8220; in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergn\u00fcgen und der Erholung dienende freiwillige Reiset\u00e4tigkeit impliziert. Das Bestimmungswort &#8222;sozial&#8220; reduziert die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem profitieren zu wollen, und stellt die Flucht vor Krieg und die Suche nach Schutz in den Hintergrund.<br \/>\nBei dem Ausdruck &#8222;defensive Architektur&#8220; handelt es sich um eine \u00dcbertragung aus dem Englischen &#8222;defensive\/hostile urban architecture&#8220;. Im Deutschen ist der Ausdruck auch unter der Alternativbezeichnung &#8222;Anti-Obdachlosen-Architektur&#8220; bekannt. Bei dem Wort defensive Architektur handelt es sich um eine militaristische Metapher, die verwendet wird, um eine Bauweise zu bezeichnen, die sich gegen bestimmte, wehrlose Personengruppen &#8211; zumeist Menschen ohne festen Wohnsitz) im \u00f6ffentlichen Raum &#8211; richtet und deren Verweilen an einem Ort als unerw\u00fcnscht betrachtet. Die Jury kritisiert die irref\u00fchrende euphemistische Bezeichnung einer menschenverachtenden Bauweise, die gezielt marginalisierte Gruppen aus dem \u00f6ffentlichen Raum verbannen m\u00f6chte.<br \/>\nIn diesem Jahr greift die Jury wieder auf die 2013 eingef\u00fchrte Kategorie des pers\u00f6nlichen Unworts des Gastjurors zur\u00fcck, um Ausdr\u00fccke, die den j\u00e4hrlich wechselnden Gastjuroren am Herzen liegen, zu w\u00fcrdigen. Das pers\u00f6nliche Unwort des diesj\u00e4hrigen Gastes Peter Wittkamp ist &#8222;milit\u00e4rische Spezialoperation&#8220;: &#8222;Der Ausdruck ist eine zutiefst euphemistische Bezeichnung f\u00fcr einen aggressiven kriegerischen Akt, der als das enttarnt werden muss, was er ist: Propaganda, mit der der Kreml nicht nur die gesamte Welt und Deutschland bel\u00fcgt, sondern auch sein eigenes Land und seine B\u00fcrger:innen.&#8220;<br \/>\nF\u00fcr das Jahr 2022 erhielt die Jury insgesamt 1.476 Einsendungen. Vorgeschlagen wurden 497 verschiedene Ausdr\u00fccke, von denen knapp 55 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Unter den h\u00e4ufigsten Einsendungen mit mehr als 15, die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren &#8222;Doppel-)Wumms&#8220; mit 52 Nennungen, &#8222;Gratismentalit\u00e4t&#8220; mit 26 Nennungen, &#8222;Klima-Kleber (18), Klima-RAF (34), &#8222;Klimaterrorist(en) mit 32 Nennungen, (milit\u00e4rische) &#8222;Sonder-&#8220; oder &#8222;Spezialoperation&#8220; mit 64, &#8222;mithitlern&#8220; mit 15, &#8222;nachhaltig&#8220; mit 18, &#8222;Sonderverm\u00f6gen&#8220; mit 54, &#8222;Sozialtourismus&#8220; mit 71 und &#8222;Zeitenwende&#8220; mit 15 Nennungen.<br \/>\nDie Jury der institutionell unabh\u00e4ngigen und ehrenamtlichen Aktion &#8222;Unwort des Jahres&#8220; besteht aus den vier Sprachwissenschaftler*innen Dr. Kristin Kuck von der Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg, Prof. Dr. Martin Reisigl von der Universit\u00e4t Wien, Prof. Dr. David R\u00f6mer (Universit\u00e4t Kassel), der Jury-Sprecherin Prof. Dr. Constanze Spie\u00df von der Philipps-Universit\u00e4t und der Journalistin Katharina K\u00fctemeyer. Als j\u00e4hrlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Autor, Gagschreiber, Werbetexter Peter Wittkamp beteiligt.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2022 ist &#8222;Klimaterroristen&#8220;. Das Hat die Jury am Dienstag (10. 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