{"id":11189,"date":"2022-11-11T14:55:49","date_gmt":"2022-11-11T13:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=11189"},"modified":"2022-11-11T14:55:49","modified_gmt":"2022-11-11T13:55:49","slug":"lokalgeschichtsforschung-marburger-taeter-opfer-biografie-zur-nazi-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=11189","title":{"rendered":"Lokalgeschichtsforschung: Marburger T\u00e4ter-Opfer-Biografie zur Nazi-Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Eine Neue Stadtschrift erz\u00e4hlt eine Opfer-und-T\u00e4ter-Biographie aus der Nazi-Zeit. Sie will &#8222;Dem Vergessenen einen Namen geben&#8220;. <!--more--><br \/>\nMehr als drei Jahre lang hat J\u00fcrgen Hahn-Schr\u00f6der recherchiert, um nun eine ganz besondere Biographie ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen: Er erz\u00e4hlt vom Leben des Lehrers Friedrich Carl Sell, der von 1933 bis 1937 an der Elisabethschule unterrichtete . Das ist die Biographie eines Mannes, der in der Nazi-Hochburg Marburg daf\u00fcr einstand, &#8222;humane Prinzipien zu leben&#8220;.<br \/>\nGleichzeitig ist es aber auch die Biographie der lokalen Nazi-Gr\u00f6\u00dfe Oskar Wolf, der Sell aus dem Schuldienst und in die Emigration trieb. Zur Vorstellung der j\u00fcngsten Stadtschrift waren zwei Enkelinnen von Oskar Sell mit ihren Familien nach Marburg gereist.<br \/>\n&#8222;Es ist eine gro\u00dfe Ehre und es h\u00e4tte ihn wohl auch selbst \u00fcberrascht, dass wir heute anl\u00e4sslich dieser Publikation in Marburg sind&#8220;&#8220;, sagte Lynn Meins im Historischen Saal des Rathauses. Sie ist die \u00e4lteste Enkelin von Friedrich Carl Sell.<br \/>\nAus Amerika mitgebracht hat sie eine Postkarte ihres Gro\u00dfvaters. Geschrieben hat er sie zwei Wochen nach ihrer Geburt, auf der steht, es sei das erste seiner ber\u00fchmten Schreiben an sie, die dann im Jahre 2022 ver\u00f6ffentlicht werden w\u00fcrden.<br \/>\n&#8222;Mein Gro\u00dfvater hatte viele Talente, aber dass er hellsehen konnte, wusste ich nicht&#8220;, scherzte Meins. Es sind nun aber nicht diese Briefe, die ver\u00f6ffentlicht werden, sondern die Erinnerung an ihn und an seinen Widersacher Oskar Wolf.<br \/>\nWie wichtig es ist, die Erinnerung lebendig zu halten und Geschichte nicht zu vergessen, betonte auch Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies bei seiner Begr\u00fc\u00dfung der rund 80 G\u00e4ste, die zur Vorstellung der Stadtschrift ins Rathaus gekommen waren. Mit mehreren Vortr\u00e4gen und einem besonderen musikalischen Rahmen hatte die Stadt zu einem \u00f6ffentlichen &#8222;Abend der Erinnerungskultur&#8220; eingeladen. Er\u00f6ffnet hat ihn Sabine Preisler als Leiterin der Marburger Stadtschriften.<br \/>\nDer Oberb\u00fcrgermeister zitierte seinen Amtsvorg\u00e4nger Dr. Hanno Drechsler mit den Worten &#8222;Aufkl\u00e4rung der Vergangenheit wirkt ihrer Verkl\u00e4rung entgegen &#8211;<br \/>\nebenso ihrer Missachtung&#8220;. In dieser Tradition st\u00fcnden eine Vielzahl der Stadtschriften, Darin liege eine historische Verpflichtung f\u00fcr die Stadt.<br \/>\nDas Besondere dieser Stadtschrift sei, dass sie anhand eines konkreten Lebenslaufs die Geschichte &#8222;f\u00fchlbar, erlebbar und sp\u00fcrbar&#8220; mache. &#8222;Und vielleicht das Eindrucksvollste ist, dass Opfer und T\u00e4ter einander gegen\u00fcberstellt sind&#8220;, erkl\u00e4rte Spies.<br \/>\nDas sieht auch der Historiker Prof. Dr. Eckart Conze von der Philipps-Universit\u00e4t als einen besonderen Verdienst des Buches. &#8222;Man kann es nicht hoch genug loben&#8220;, sagte Conze. Er betonte, dass die Verbindung von Opfer- und T\u00e4tergeschichte banal klinge, es aber mitnichten sei.<br \/>\n&#8222;T\u00e4ter und Opfer bekommen hier ein Gesicht, sie begegnen uns als Menschen&#8220;, erl\u00e4uterte der Historiker. In diesem Fall w\u00fcrden sie als Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Mitte der Marburger Stadtgesellschaft dargestellt.<br \/>\nDas sei von Bedeutung f\u00fcr die Stadt, f\u00fcr die Schule. Aber die Aussagekraft der Stadtschrift als exemplarische Studie reiche weit \u00fcber den lokalen Rahmen hinaus. Die Frage nach den Urspr\u00fcngen der nationalsozialistischen Herrschaft, die Frage &#8222;Wie konnte es dazu kommen?&#8220; habe Sell bis an sein Lebensende verfolgt.<br \/>\nMit ihr besch\u00e4ftigte er sich auch in seinem wichtigsten Werk &#8222;Die Trag\u00f6die des deutschen Liberalismus&#8220;. Sowohl die Lekt\u00fcre dieses Buches als auch die der Stadtschrift k\u00f6nne er nur empfehlen, betonte Conze &#8211; in Erinnerung an &#8222;den Historiker, den P\u00e4dagogen, den Emigranten, den Humanisten und den Menschen Friedrich Carl Sell&#8220;.<br \/>\nAn den Menschen hat Sells Enkelin Lynn Meins nur Kindheitserinnerungen &#8211; sie war gerade einmal sieben Jahre alt, als er 1956 starb. Seine Frau Else \u00fcberlebte ihn um 35 Jahre.<br \/>\nIn ihrem Zuhause habe man ihn immer sp\u00fcren k\u00f6nnen, erz\u00e4hlte Meins. Die Gro\u00dfeltern h\u00e4tten immer Wert auf Kontakte und Austausch gelegt. Deshalb sei auch sie w\u00e4hrend ihres Germanistik-Studiums ein Jahr in Deutschland gewesen &#8211; wo die damals dreij\u00e4hrige Cousine sie tatkr\u00e4ftig beim Deutschlernen unterst\u00fctzte, wie sie schmunzelnd verriet.<br \/>\nDie Zusammenarbeit mit Hahn-Schr\u00f6der sei \u00e4u\u00dferst erhellend gewesen, berichtete Meins weiter. Sie habe Details zu Tage gef\u00f6rdert, die ihr selbst zuvor unbekannt gewesen seien. Zusammen mit ihrer Schwester arbeitet sie nun an einer \u00dcbersetzung des Buches ins Englische vor allem f\u00fcr Freunde und Familie.<br \/>\nHahn-Schr\u00f6der stellte seine Stadtschrift und die beiden Protagonisten in einem kurzen Vortrag vor. Friedrich Carl Sell wurde 1892 in Bonn geboren. 1933 kam er als Lehrer f\u00fcr Latein, Geschichte, Erdkunde und Deutsch an die Marburger Elisabethschule.<br \/>\nDamals residierte sie noch in einem Geb\u00e4ude an der Universit\u00e4tsstra\u00dfe. Sell genoss hohes Ansehen bei den Sch\u00fclerinnen und dem Kollegium.<br \/>\nZudem entstand ein reger Austausch und eine enge Freundschaft mit dem Theologen Prof. Rudolf Bultmann. Die bislang unbekannten Briefe, die die beiden ausgetauscht haben, sind Teil der Stadtschrift von Hahn-Schr\u00f6der. In Marburg kreuzten sich dann auch die Lebenswege von Sell und Oskar Wolf, der f\u00fcr die Entfernung Sells aus dem Schuldienst sorgte.<br \/>\nWolf, laut Hahn-Schr\u00f6der &#8222;ein begeisterter Soldat&#8220;, erwirkte die Zwangspensionierung aufgrund zweier &#8222;untilgbarer M\u00e4ngel&#8220;. Einer davon war die Tatsache, dass Sells Frau Else aus einer j\u00fcdischen Familie stammte. Gemeinsam mit den beiden T\u00f6chtern wanderte das Ehepaar 1938 nach Amerika aus, wo Friedrich Carl Sell an der Harvard University lehrte. Else unterrichtete bis zu ihrem 75. Lebensjahr Deutsch an einem College. Den Ansto\u00df zu seiner Stadtschrift mit dem vollen Titel &#8222;Friedrich Carl Sell, gute Freund und ein Widersacher &#8211; Aus der Schul- und Stadtgeschichte Marburgs in der NS-Zeit und dar\u00fcber hinaus&#8220; war f\u00fcr J\u00fcrgen Hahn-Schr\u00f6der &#8211;<br \/>\nbis zu seiner Pensionierung selbst Lehrer an der Elisabethschule &#8211; die Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur an der eigenen Schule.<br \/>\nDer aktuelle Schulleiter Gunnar Merle betonte in seinem Gru\u00dfwort ebenfalls, wie wichtig es sei, sich zu erinnern und die damit verbundene Herausforderung anzunehmen. &#8222;Sich als Schulgemeinde der eigenen Geschichte bewusst zu sein, dient der Verortung im Jetzt, wof\u00fcr man steht und wof\u00fcr man nicht steht&#8220;, sagte Merle. &#8222;Es ist wichtig, dass man sich ins Bewusstsein ruft, dass sich der Vergangenheit zu stellen ein nie endender Prozess ist.&#8220;<br \/>\nVor diesem Hintergrund \u00e4u\u00dferte sich auch der Archivp\u00e4dagoge Dr. Bernhard Rosenk\u00f6tter vom Hessischen Landesarchiv. &#8222;Wer soll das alles lesen&#8220; \u00fcber den Kreis historisch Interessierter hinaus, fragte er angesichts der Vielzahl der Marburger Stadtschriften und dieser neuesten, \u00fcber 300 Seiten starken Ver\u00f6ffentlichung.<br \/>\nDennoch sieht er sie als herausragenden Beitrag f\u00fcr die Bildungsarbeit an. Grund daf\u00fcr sei nicht nur, weil sie Geschichte lokal verorte und &#8222;konkret und vorstellbar&#8220; mache, sondern auch weil sie aufzeige, dass es damals m\u00f6glich gewesen sei, sich zu entscheiden.<br \/>\nDie Relevanz von lokalgeschichtlichen Zug\u00e4ngen in der historischen Bildungsarbeit betonten alle Redenden des Abends. Musikalisch umrahmt wurde er eindrucksvoll von einem Streichquartett, das sich aus Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern dreier Marburger Schulen zusammensetzte: Mathis Schoof, Marcel Borggrefe, Johanna Krausch und Anna Lambach spielten mehrere St\u00fccke des &#8222;Danish String Quartet.<br \/>\nHahn-Schr\u00f6der \u00fcberraschte mit einem eigenen musikalischen Intermezzo und dem &#8222;B\u00fcrgerlied&#8220; auf der Mundharmonika. Im Anschluss an die Pr\u00e4sentation kamen die G\u00e4ste zu einem Austausch zusammen und konnten von der Familie des Protagonisten noch Erz\u00e4hlungen aus erster Hand mit nach Hause nehmen.<br \/>\nDie neue Publikation ist als Band 117 der &#8222;Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur&#8220; mit der ISBN 978-3-942487-20-7 ab sofort im Buchhandel erh\u00e4ltlich. Aau\u00dferdem k\u00f6nnen Interessierte sie bei der Stadt Marburg, Markt 8, sowie unter <a href=\"http:\/\/www.marburg.de\/stadtschriften\">www.marburg.de\/stadtschriften<\/a> und per Mail an pressestelle@marburg-stadt.de zum Preis von 15 Euro bestellen.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Neue Stadtschrift erz\u00e4hlt eine Opfer-und-T\u00e4ter-Biographie aus der Nazi-Zeit. 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