{"id":1104,"date":"2017-09-14T18:59:22","date_gmt":"2017-09-14T16:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=1104"},"modified":"2017-09-14T18:59:22","modified_gmt":"2017-09-14T16:59:22","slug":"mit-gedenkbuch-gemahnt-geschichtswerkstatt-erinnert-an-deportierte-aus-marburg-und-dem-landkreis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=1104","title":{"rendered":"Mit Gedenkbuch gemahnt: Geschichtswerkstatt erinnert an Deportierte aus Marburg und dem Landkreis"},"content":{"rendered":"<p>Den Opfern des Nationalsozialismus hat die Geschichtswerkstatt ein Forschungsprojekt gewidmet. Das Ergebnis ist ein Gedenkbuch, das die Stadt zusammen mit dem Landkreis ver\u00f6ffentlicht. <!--more--><br \/>\nDie Schrift &#8222;Von der Ausgrenzung zur Deportation&#8220; ist am Mittwoch (13. September) vor gro\u00dfem Publikum im Rathaus vorgestellt worden. Zum 75. Jahrestag des letzten Transports von J\u00fcdinnen und Juden aus Marburg und dem Landkreis nach Theresienstadt erscheint das 544 Seiten starke Buch im Rathaus-Verlag der Stadt Marburg.<br \/>\n&#8222;Das unvergleichliche Verbrechen des Holocaust war systematisch, b\u00fcrokratisch und industriell organisiert&#8220;, sagte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies bei der Vorstellung des Gedenkbuchs im voll besetzten Rathaussaal vor \u00fcber 130 G\u00e4sten. Zwischen Dezember 1941 und M\u00e4rz 1943 wurden 346 Menschen aus Marburg und dem Landkreis vom Gleis 5 des Hauptbahnhofs deportiert.<br \/>\n&#8222;Warum noch ein Buch zu dem Thema, m\u00f6gen sich manche fragen, wo doch die Fakten bekannt sind&#8220;, fuhr der Oberb\u00fcrgermeister fort. Aber &#8222;wir verstehen Geschichte nicht durch eine Aneinanderreihung von abstrakten Zahlen, sondern aus dem empathischen Erlebnis, daraus, wenn hinter den Zahlen konkrete Menschen sichtbar werden und ihr Schicksal uns ber\u00fchrt.&#8220;<br \/>\nDie NS-Diktatur habe ihre Opfer auf einzigartige Weise entmenschlicht. &#8222;Das darf nie wieder passieren, deshalb das Buch, damit Vergangenheit nicht vergangen ist&#8220;, sagte das Stadtoberhaupt. &#8222;Aus dem Holocaust erw\u00e4chst f\u00fcr uns die Pflicht, jeglichem Antisemitismus, aber auch allen anderen Formen der Menschenfeindlichkeit mit allen Mitteln des Rechts, der Bildung, der Kultur und der wehrhaften Demokratie entschieden entgegenzutreten.&#8220;<br \/>\nDas gelte &#8222;heute mehr denn je&#8220;, erkl\u00e4rte Spies. &#8222;In unserer Gesellschaft ist kein Platz f\u00fcr Faschisten und Menschenfeinde&#8220;, betonte er.<br \/>\n&#8222;75 Jahre umfassen die Dauer eines durchschnittlichen Menschenlebens&#8220;, machte Landr\u00e4tin Fr\u00fcndt deutlich. &#8222;Viele Menschen werden auch deutlich \u00e4lter. Doch einer unglaublich hohen Anzahl von Menschen war es damals nicht verg\u00f6nnt, ein normales Lebensalter zu erreichen. Vor allem Menschen j\u00fcdischen Glaubens sowie Sinti und Roma wurden unter dem brutalen und unmenschlichen Naziregime ermordet.&#8220;<br \/>\nDie Verfolgung habe nicht weit weg stattgefunden, sondern auch in Marburg und den anderen St\u00e4dten und Gemeinden im heutigen Kreisgebiet. &#8222;Insofern handelt es sich um heimische Geschichte; und sie sollte nicht in Vergessenheit geraten&#8220;, betonte die Landr\u00e4tin, die das Buch an den Schulen verteilen lassen will.<br \/>\nDen Schmerz und das Leid der Betroffenen k\u00f6nne man nicht ann\u00e4hernd erahnen. Gerade deshalb seien die Einzelschicksale im Buch so beeindruckend, in denen auch pers\u00f6nliche Empfindungen, Sorgen, \u00c4ngste und Hoffnungen nachvollziehbar w\u00fcrden.<br \/>\nDie gesammelten Beitr\u00e4ge des Buchs, das ab sofort f\u00fcr 12,90 Euro erh\u00e4ltlich ist, gehen dem Schicksal der j\u00fcdischen Deutschen und der Sinti in Marburg und in den Kleinst\u00e4dten und D\u00f6rfern der Altkreise Marburg und Biedenkopf nach, berichtete Klaus-Peter Friedrich f\u00fcr die Geschichtswerkstatt. Sie geben Einblick in die Vielfalt j\u00fcdischen Lebens bis in die 30er Jahre; und sie beschreiben den von Gewalt gepr\u00e4gten Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung und Verschleppung von Universit\u00e4tsbediensteten, kleinen Angestellten und alteingesessenen Marburger Gesch\u00e4ftsleuten \u00fcber Vieh- und Kleinh\u00e4ndler oder Nebenerwerbslandwirte aus dem Umland bis zum letzten j\u00fcdischen Kind, das 1933 in Breidenbach geboren wurde.<br \/>\n&#8222;Der Abtransport in den Osten bedeutete f\u00fcr fast alle der aus Rassismus Verfolgten eine Deportation in den Tod&#8220;, erkl\u00e4rte Friedrich. &#8222;Aus dem zweiten Marburger Transport in die Todeslager von Lublin-Majdanek und Sobib\u00f3r gab es keinen einzigen \u00dcberlebende.&#8220;<br \/>\nAuch die Marburger Widerstandsk\u00e4mpferin Marie Luise Hensel \u00fcberlebte die NS-Diktatur nicht. Prof. Marita Metz-Becker widmete Hensel ein Kapitel im Buch und einen Kurzvortrag in der Veranstaltung. Die &#8222;Gerechte unter den V\u00f6lkern&#8220; bezahlte die versuchte Fluchthilfe f\u00fcr eine j\u00fcdische Familie 1942 mit ihrem Leben.<br \/>\nDer Schauspieler Frank Winterstein rezitierte im Rathaus aus dem neuen Buch. Unter anderem las er Passagen aus den Briefen der jungen Ebsdorferin Henni H\u00f6chster oder den Erinnerungen der Mombergerin Gisela Spier-Cohen, als Kind 1942 deportiert nach Theresienstadt und Anfang Mai 1945 halbverhungert von US-amerikanischen Truppen aus dem KZ Mauthausen befreit. Zwischen seinen Beitr\u00e4gen sang der &#8222;Polit\u00f6ne&#8220; unter anderem den &#8222;Theresienst\u00e4dter Marsch&#8220; sowie ein Lied gefangener Kinder aus dem KZ, j\u00fcdische Lieder und Ges\u00e4nge von \u00dcberlebenden.<br \/>\nEinzelne der Deportierten kehrten &#8211; zumeist nur vor\u00fcbergehend &#8211; in eine ihnen fremd gewordene Heimat zur\u00fcck. &#8222;So ergaben sich nach 1945 Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr eine kritische Erinnerungskultur vor Ort, die seit Ende der 1970er Jahre zu einer Befreiung von Denkschablonen der NS-Zeit beigetragen und einen Bewusstseinswandel in Gang gesetzt hat&#8220;, betonte Friedrich.<br \/>\nDer Oberb\u00fcrgermeister \u00fcbergab am Ende der Veranstaltung pers\u00f6nlich ein Exemplar des Gedenbuchs an die Amerikanerin Rachel Drucker, die mit Barbara Wagner von der Geschichtswerkstatt zur Veranstaltung gekommen war. Die junge Frau ist eine Urenkelin des Ehepaars Drucker aus Ockershausen, das nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde. Einer der S\u00f6hn &#8211; , Rachel Druckers Gro\u00dfvater &#8211; konnte in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) fliehen.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Opfern des Nationalsozialismus hat die Geschichtswerkstatt ein Forschungsprojekt gewidmet. Das Ergebnis ist ein Gedenkbuch, das die Stadt zusammen mit dem Landkreis ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[2],"tags":[729,730,521],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-hO","jetpack-related-posts":[{"id":18223,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=18223","url_meta":{"origin":1104,"position":0},"title":"Im Nachbarschaftsumfeld: Wiedersehen nach der Shoah im Landkreis Marburg","date":"19. Juni 2025","format":false,"excerpt":"Das Wiedersehen nach der Shoah und die Nachbarschaft im Landkreis Marburg behandelt ein Vortrag am Freitag (27. Juni) im Landratsamt. Die Wissenschaftlerin Anna Junge spricht \u00fcber die j\u00fcdisch-nichtj\u00fcdischen Konfrontationen nach 1945. Im Rahmen der Reihe \"Befreiung 1945. Auf zur Demokratie!\" l\u00e4dt der Landkreis Marburg-Biedenkopf f\u00fcr Freitag (27. Juni) zu einem\u2026","rel":"","context":"In &quot;Politik&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":19828,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=19828","url_meta":{"origin":1104,"position":1},"title":"Unvergesslich: Erinnerung an orde von Mechterst\u00e4dt","date":"2. April 2026","format":false,"excerpt":"Die Erinnerung an die Opfer der Morde von Mechterst\u00e4dt geh\u00f6rt zum festen Bestandteil der Marburger Gedenkkultur. Daf\u00fcr ist eine Delegation nach Ruhla in Th\u00fcringen gefahren. Seit vielen Jahren schon geh\u00f6rt das Gedenken an die Morde von Mechterst\u00e4dt zur Aufarbeitungskultur in Marburg. Studenten und Mitglieder eines milit\u00e4rischen Freikorps der Philipps-Universit\u00e4t Marburg\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":10564,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10564","url_meta":{"origin":1104,"position":2},"title":"Gedenken gehen: Themenweg &#8222;Braunes Marburg&#8220; vorgestellt","date":"7. September 2022","format":false,"excerpt":"Der Themenweg \"Braunes Marburg\" erinnert an die d\u00fcstere Seiten der Stadtgeschichte. Er entstand zum Stadtjubil\u00e4um unter dem Stichpunkt \"Marburg erinnern\". \"Marburg erinnern\" lautet einer der Schwerpunkte zum Stadtjubil\u00e4um \"Marburg800\". Dabei blickt die Stadt auch auf die d\u00fcsteren Seiten ihrer Geschichte zur\u00fcck und arbeitet diese in dem neuen Themenweg \"Braunes Marburg\"\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":821,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=821","url_meta":{"origin":1104,"position":3},"title":"Abgedruckt und abgegriffen: Neuer Stadtrundgang auf den Spuren j\u00fcdischen Lebens","date":"6. Juli 2017","format":false,"excerpt":"Einen Stadtspaziergang auf den Spuren j\u00fcdischen Lebens pr\u00e4sentiert der st\u00e4dtische Fachdienst Kultur. Mit dem neuen Faltblatt in der Hand k\u00f6nnen Einheimische und G\u00e4ste die 700-j\u00e4hrige Geschichte selbst erkunden. \"Das ist ein weiterer wichtiger Themenweg, der dazu einl\u00e4dt, unsere Stadt neu zu entdecken und unter ungew\u00f6hnlichen Blickwinkeln zu betrachten\", erkl\u00e4rte Stadtr\u00e4tin\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":14805,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=14805","url_meta":{"origin":1104,"position":4},"title":"Am EPH: Gro\u00dfdemonstration gegen Rechts am 27. Januar","date":"25. Januar 2024","format":false,"excerpt":"\"Marburg gegen Rechts\" ist das Motto einer Gro\u00dfdemo am Samstag (27. Januar). Die Demonstration \"wirsindmehr\" findet vor dem Erwin-Piscator-Haus (EPH) statt. Der Magistrat der Universit\u00e4tsstadt Marburg ruft dazu auf, gemeinsam ein starkes Zeichen gegen Rechtsradikalismus, gegen Hass und Hetze und gegen Demokratiefeindlichkeit zu setzen. Am Samstag (27. Januar) findet daher\u2026","rel":"","context":"In &quot;Politik&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":10457,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10457","url_meta":{"origin":1104,"position":5},"title":"Theaterabend: Wir werden durchn\u00e4sst bis auf die Herzhaut","date":"27. August 2022","format":false,"excerpt":"\"Wir werden durchn\u00e4sst bis auf die Herzaut.\" Mit diesem Satz \u00fcbertitelt das Theater neben dem Turm (TNT) sein neuestes St\u00fcck zur Deportation von J\u00fcdinnen und Juden aus Marburg. Anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags der Deportation j\u00fcdischer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus Marburg findet die Premiere des neuen St\u00fccks am Dienstag (6. September)\u2026","rel":"","context":"In &quot;Kultur&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1104"}],"collection":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1104"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1104\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}