{"id":10637,"date":"2022-09-18T18:38:00","date_gmt":"2022-09-18T16:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=10637"},"modified":"2022-10-18T10:34:13","modified_gmt":"2022-10-18T08:34:13","slug":"thema-triage-podiumsdiskussion-der-humanistischen-union","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=10637","title":{"rendered":"Thema Triage: Podiumsdiskussion der Humanistischen Union"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Solange wir in der Situation sind, triagieren zu m\u00fcssen, werden immer falsche Entscheidungen getroffen&#8220;, stellte Dr. Florian Grams klar. Bei einer Podiumsdiskussion ging es um die Gef\u00e4hrdung behinderter Menschen im Falle von Triage.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nNeben dem Historiker hatten sich Referenten aus Recht und Medizin sowie Funktion\u00e4re des Gastgebers Humanistische Union (HU) am Samstag (17. September) im Stadtverordnetensitzungssaal versammelt. Die Veranstaltung mit dem Titel \u201eEndstation Triage\u201c lief unter der Schirmherrschaft von Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies, der ebenfalls an der Diskussion teilnahm.<br \/>\nZu einer Triage kommt es beispielsweise im Katastrophenfall. Es stehen zu wenige Ressourcen zur Verf\u00fcgung, um alle Patienten gleichzeitig zu versorgen. In einem solchen Fall muss entschieden werden, wer zuerst behandelt wird, und f\u00fcr wen nur eine inad\u00e4quate oder sogar gar keine Behandlung bereitgestellt werden kann. Dabei wird oft nach \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit \u201esortiert\u201c.<br \/>\nW\u00e4hrend der Corona-Pandemie kam es in mehreren L\u00e4ndern zu gro\u00dffl\u00e4chiger Triage, da oft zu wenig Beatmungsger\u00e4te oder Intensivbetten zur Verf\u00fcgung standen. Gerade unter Menschen mit Behinderung machte sich die Furcht breit, aufgrund ihrer Beeintr\u00e4chtigung keine Behandlung zu bekommen.<br \/>\nDas h\u00e4ngt mit der sogenannten Komorbidit\u00e4t zusammen. Sie beschreibt den Zustand, wenn eine oder mehrere zus\u00e4tzliche Erkrankungen zu der Grunderkrankung hinzukommen, die f\u00fcr die Behandlung relevant sind, wie der Intensivmediziner Dr. Kai L\u00f6wenbr\u00fcck aus Dresden erkl\u00e4rte.<br \/>\nEine Behinderung kann zu vorschnellen Schl\u00fcssen auf k\u00fcrzere Lebensdauer leiten und zu Benachteiligung f\u00fchren, erl\u00e4uterte ehemalige brandenburgische Verfassungsrichterin Prof. Dr. Rosemarie Will. Dabei soll es eigentlich um Chancen bei der akuten Behandlung gehen.<br \/>\nDeswegen legte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) im Dezember 2021 fest, dass bei einer Triage nicht nach Faktoren wie Behinderung, Alter, Geschlecht und sozialer Status diskriminiert werden darf. Im Rahmen der angek\u00fcndigten \u00c4nderung des Infektionsschutzgesetzes wurde festgelegt, dass nur die aktuellen und kurzfristigen \u00dcberlebenswahrscheinlichkeiten von Bedeutung sein d\u00fcrfen, erkl\u00e4rte Will. Au\u00dferdem sollen zwei bis drei \u00c4rzte gemeinsam entscheiden, und bei Komorbidit\u00e4t noch Fachexperten dazu holen.<br \/>\n&#8222;Dieser Gesetzesentwurf ist hoch zynisch\u201c, kritisierte allerdings L\u00f6wenbr\u00fcck. Da er im Infektionsgesetz steht, ist er auf eine Pandemie beschr\u00e4nkt. Ein n\u00e4chster Katastrophenfall sei aber viel wahrscheinlicher Klima-bezogen, zum Beispiel eine extreme Hitzewelle oder eine Flut. Wie bei solchen Situationen Ressourcen verteilt werden, sei in der Gesetzgebung \u201esehr schwach geregelt\u201c, sagte L\u00f6wenbr\u00fcck.<br \/>\nDie Ressourcenverteilung stellte sich generell als einer der gr\u00f6\u00dften Diskussionsthemen bei der Veranstaltung heraus. L\u00f6wenbr\u00fcck sprach sich dagegen aus, dass weiter in mehr Intensivbetten investiert wird, da es in Deutschland schon genug gebe. Vielmehr sollten mehr Therapiepl\u00e4tze geschaffen werden.<br \/>\nDie Pflegefachkraft Gisela Lind konnte diesen Vorschlag nicht unterst\u00fctzen. Sie beklagte, dass den Intensivstationen h\u00e4ufig die Schlie\u00dfung drohe. Sie sprach sich f\u00fcr mehr Ressourcen und vor allem f\u00fcr mehr Pflegekr\u00e4fte aus, um allen gerecht zu werden. Aufgrund von Fachkr\u00e4ftemangel arbeiteten medizinische Fachkr\u00e4fte oft bis zur Selbstzerst\u00f6rung.<br \/>\nAu\u00dferdem kritisierte Grams die Gegen\u00fcberstellung von Beatmungsger\u00e4t und Therapeut. \u201eWir k\u00f6nnen und wir m\u00fcssen gesellschaftlich entscheiden, wof\u00fcr wir Geld ausgeben\u201c, sagte er. Er schlug vor, dass, anstatt die Ressourcen im Gesundheitssystem umzuverteilen, lieber weniger Finanzen an Aufr\u00fcstung und Bundeswehr gehen sollen.<br \/>\n\u201eKrankenh\u00e4user sind keine Wirtschaftsbetriebe\u201c, bemerkte Oberb\u00fcrgermeister Spies. Der Marburger HU-Regionalvorsitzende Franz-Josef Hanke f\u00fcgte hinzu dass das Gesundheitswesen vielmehr als lebensnotwendige Infrastruktur angesehen werden soll. Gerechte Ressourcenverteilung solle deshalb nicht mehr von wirtschaftlichen Faktoren abh\u00e4ngig gemacht werden, darin waren sich die Referenten einig.<br \/>\nEiner der wichtigsten Punkte der Debatte war die moralische Seite des Triage-Dilemmas. Ob ausgew\u00e4hlt oder randomisiert wird, die Entscheidung sei immer unmenschlich, bemerkte Moderator Dr. Wolfgang Grams. Spies meinte, dass die gesellschaftlichen und moralischen Werte bei der Triage klar sein m\u00fcssten, schlie\u00dflich ginge es ums Handeln, nicht um die Regeln.<br \/>\nDer Strafrechtswissenschaftler Prof. Dr. J\u00f6rg Arnold konterte, dass die Werte nicht klar seien, und dass das ethische Dilemma nicht mit Ressourcen aufzuf\u00fcllen sei. Florian Grams erw\u00e4hnte, dass nicht nur die Werte, sondern auch die Regeln stimmen m\u00fcssen: \u201eWenn Menschen gegen Menschen abgewogen werden, sind wir auf einer ganz gef\u00e4hrlichen Bahn\u201c.<br \/>\nSolche Regeln werden zum Beispiel von der Deutschen Interdisziplin\u00e4ren Vereinigung f\u00fcr Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) festgelegt, wie L\u00f6wenbr\u00fcck erl\u00e4uterte. Sie sei nicht unfehlbar, aber sie benenne Konfliktpunkte in ihren Leitlinien, die im Gesetzesvorschlag nicht vorkommen. So darf nicht diskriminiert werden, aber es darf auch nach Komorbidit\u00e4t entschieden werden.<br \/>\nArnold dr\u00fcckte seine Unzufriedenheit mit den Leitlinien aus, da das Randomisierungsverfahren m\u00f6glicherweise das einzig richtige Verhalten im Triage-Fall sein k\u00f6nnte. Will stellte klar, dass das Aufstellen solcher Regeln allein Aufgabe des Staates sein k\u00f6nne.<br \/>\nIn der Randomisierungs-Diskussion wurden sich die Referenten nicht einig. Die Randomisierung verteilt die Ressourcen zuf\u00e4llig oder lost sie aus, anstatt die \u00c4rzte entscheiden zu lassen.<br \/>\nL\u00f6wenbr\u00fcck erw\u00e4hnte, dass sonst bei \u00e4rztlichen Entscheidungen immer die Gefahr von Diskriminierung best\u00fcnde. Wenn man alle Leben gleichbehandelt, \u201ekann man nur losen\u201c, sagte er.<br \/>\nArnold schloss sich dem an, da so die \u00c4rzte entlastet werden k\u00f6nnten. Hanke dr\u00fcckte bei dieser Debatte sein Unbehagen aus, Auslosen f\u00fchle sich f\u00fcr ihn an wie eine \u201eLebenslotterie\u201c.<br \/>\nWill schlug vor, lieber \u00c4rzte fortzubilden, um ihnen Richtlinien f\u00fcr den Entscheidungsprozess zu geben. Den Problemen soll sich stattdessen inhaltlich gestellt werden, man soll \u201eden Mut haben, nicht zu w\u00fcrfeln\u201c.<br \/>\nGegen ein Auswahlverfahren nach Kriterien wie dem gesundheitszustand sprach zudem die Angst, aufgrund von Komorbidit\u00e4t vernachl\u00e4ssigt zu werden. L\u00f6wenbr\u00fcck stellte zwar anfangs dar, dass ein Los auch ungerecht ausfallen w\u00fcrde, wenn zum Beispiel ein alter Mann das Beatmungsger\u00e4t bekommt, anstatt der junge Familienvater. Florian Grams stellte allerdings richtig, dass es sich auch um gleichaltrige Familienv\u00e4ter handeln k\u00f6nnte, nur s\u00e4\u00dfe vielleicht einer von ihnen im Rollstuhl. Beide sollten die gleichen Chancen auf Behandlung bekommen.<br \/>\nDie Referenten blieben unentschlossen, welches Verfahren richtig sei. In der gro\u00dfen Frage Ausw\u00e4hlen versus Losen kamen sie auf keinen Konsens. Die Diskussion zeigte auf, dass es f\u00fcr diesen Problematik keine wirklich gute L\u00f6sung gibt.<br \/>\nAllerdings m\u00f6chte die HU dem Gesetzgeber mit einer eigenen Stellungnahme zu seinem Entwurf L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr eine verfassungskonforme Regelung unterbreiten. Unter den schlechten L\u00f6sungen m\u00f6chte sie diejenige mit dem geringsten Diskriminierungspotenzial suchen. Abschlie\u00dfend bleibt zu hoffen, dass es nicht mehr zu einer gro\u00dffl\u00e4chigen Triage-Situation kommen wird.<\/p>\n<p>* Laura Schiller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Solange wir in der Situation sind, triagieren zu m\u00fcssen, werden immer falsche Entscheidungen getroffen&#8220;, stellte Dr. Florian Grams klar. 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