{"id":10257,"date":"2022-07-30T09:55:14","date_gmt":"2022-07-30T07:55:14","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=10257"},"modified":"2022-07-31T13:55:58","modified_gmt":"2022-07-31T11:55:58","slug":"im-krokodil-bier-und-doehner-in-weidenhausen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=10257","title":{"rendered":"Im Krokodil: Bier und D\u00f6hner in Weidenhausen"},"content":{"rendered":"<p>Von 1986 bis 1992 wohnte ich in Weidenhausen. Das &#8222;Krokodil&#8220; war damals mein Stammlokal. <!--more--><br \/>\n&#8222;Das Krokodil ist mein Wohnzimmer&#8220; sagte mein Kollege Wolfgang. Er wohnte an der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe schr\u00e4g gegen\u00fcber von seiner Lieblingskneipe. Ich wohnte damals ein St\u00fcck weiter die Stra\u00dfe entlang auf der selben Stra\u00dfenseite wie das &#8222;Krokodil&#8220;.<br \/>\nIm &#8222;Krokodil&#8220; sa\u00df man auf gepolsterten B\u00e4nken an runden Holztischen. Ein Stuhl stand auch an jedem Tisch, selten aber zwei oder drei.<br \/>\nIm &#8222;Krokodil&#8220; gab es hervorragende D\u00f6hner. Meist bekamen wir sie von Kira serviert. Die Studentin kann den H\u00f6rsaal kaum gesehen haben w\u00e4hrend der Jahre, wo sie im &#8222;Krokodil&#8220; bediente.<br \/>\nHinter dem &#8222;Krokodil&#8220; dehnte sich ein baumbestandener gekiester Platz aus bis zur Stra\u00dfe &#8222;Auf der Weide&#8220;. Fr\u00fcher mag er wohl als Biergarten gedient haben, doch in den 80er Jahren wurde er als Parkplatz genutzt.<br \/>\nDas &#8222;Krokodil&#8220; war damals eins von vier Lokalen an der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe. In ihren besten Zeiten soll die Gasse ganze 14 Gastst\u00e4tten beherbergt haben. Ende der 80er Jahre waren es zwei t\u00fcrkische Gastst\u00e4tten und ein Caf\u00e9 sowie am hinteren Ende bei Sankt Jost noch eine Nachtbar.<br \/>\n&#8222;Seit wann habt Ihr denn dieses sch\u00f6ne Krokodil \u00fcber der T\u00fcr&#8220;, wollte Wolfgang wissen. &#8222;Das ist aus Styropor&#8220;, erkl\u00e4rte Kira. &#8222;Die Fernsehleute haben es f\u00fcr die Dreharbeiten angebracht.&#8220;<br \/>\nF\u00fcr sein Vorabenddprogramm drehte der Hessische Rundfunk (HR) damals eine Krimiserie. Die Ermittler waren Beamtinnen und Beamten der &#8222;Ermittlungsstelle f\u00fcr unanbringliche Briefsendungen&#8220; in Marburg nachempfunden. Die F\u00e4lle hatte das Autorenteam von Bedienten dieser Beh\u00f6rde im Postgeb\u00e4ude an der Zimmermannstra\u00dfe erz\u00e4hlt bekommen.<br \/>\nDas Stammlokal der &#8222;Ermittler&#8220; in dieser Fernsehserie war das &#8222;Krokodil&#8220; an der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe. Dort drehte das HR-Team einige Szenen f\u00fcr seine Krimis. Auch nach dem Ende der Fernsehserie blieb das &#8222;Krokodil&#8220; aus Styropor \u00fcber der T\u00fcr der Gastwirtschaft gleichen Namens h\u00e4ngen.<br \/>\nIm Sommer 1992 besuchte mich ein Kollege aus Berlin. Christian brachte Arwed mit. Der Journalist hatte ihn bei Recherchen f\u00fcr einen Dokumentarfilm kennengelernt.<br \/>\nArwed hatte &#8222;Morbus Chorea Huntington&#8220;. Fr\u00fcher wurde diese erbliche Krankheit auch &#8222;Veitstanz&#8220; genannt, weil in ihrem urspr\u00fcnglichen Verbreitungsgebiet ein beklemmender Brauch herrschte: Wer diese &#8222;Zappelkrankheit&#8220; hatte, musste jedes Jahr am Sankt-Veits-Tag auf einem schmalen Steg \u00fcber ein tosendes Wildwasser gehen.<br \/>\nWar die Krankheit weit vorangeschritten, gelang es den Erkrankten nicht mehr, den Wildbach zu \u00fcberqueren; und sie st\u00fcrzten hinein. Die Holl\u00e4nder, wo &#8222;Chorea Huntington&#8220; bereits fr\u00fch verbreitet war, lie\u00dfen die Gest\u00fcrzten im Wildwasser ertrinken. Das war ihre &#8211; vermeintlich &#8222;gn\u00e4dige&#8220; &#8211; Selektion derjenigen, die nach und nach die Kontrolle \u00fcber ihre Bewegungen verloren.<br \/>\nArwed besa\u00df die Kontrolle \u00fcber seine Arme und Beine auch nur in geringem Ma\u00dfe. Er fuchtelte mit den H\u00e4nden herum und h\u00fcpfte immer auf und ab. Die ganze Nacht \u00fcber machte ich w\u00e4hrend seines Besuchs kein Auge zu, weil ich die Besuchercouch im Nebenzimmer immer im Takt wummern h\u00f6rte wegen seiner zitternden H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe.<br \/>\nGemeinsam gingen Arwed, Christian und ich ins &#8222;Krokodil&#8220;. Obwohl Arwed mit &#8222;Sozialhilfe&#8220; auskommen musste, wollte er es sich nicht nehmen lassen, die Rechnung f\u00fcr uns drei zu begleichen. 200 DM hatte er in seine Hemdtasche geschoben und griff nun mit zittrigen Fingern danach.<br \/>\nAlle Scheine fielen zu Boden. Sofort sprang Kira herbei und hob sie auf. Dann wollte sie sie Arwed in die Hand z\u00e4hlen, der ihr jedoch &#8211; zu Recht &#8211; blind vertraute.<br \/>\nKira steckte das Geld in einem Briefumschlag in Arweds Tasche und reichte ihm einen Schein, den er in seine Hemdtasche schob. Danach schoben wir ab. Die n\u00e4chsten Tage ging Arwed schon vormittags ins &#8222;Krokodil&#8220;, wo er sich inzwischen mit Kira und meinem Kollegen Wolfgang angefreundet hatte.<br \/>\nNach seinem Besuch habe ich Arwed nie wiedergesehen. Den Kurzfilm &#8222;Das falsche Gen&#8220; von J\u00f6rg Gfr\u00f6rer habe ich auch nie gesehen. Aber Kira und Wolfgang traf ich Anfang der 90er Jahre mindestens einmal die Woche im &#8222;Krokodil&#8220;.<br \/>\nEnde 1992 zog ich dann aus meiner kleinen Zwei-Zimmer-Bude in einem Fachwerkhaus an der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe in eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung. Deshalb kam ich nur noch selten ins &#8222;Krokodil&#8220;. 1995 a\u00df ich zum letzten Mal an kleinen runden Metalltischchen auf der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe t\u00fcrkische Spezialit\u00e4ten des &#8222;Krokodils&#8220;.<br \/>\nSeine Besitzer wechselten. Auch Kira war weg. Die Atmosph\u00e4re ver\u00e4nderte sich immer mehr weg vom Speiselokal hin zur Bierkneipe.<br \/>\nSp\u00e4ter wurde das Lokal an der Weidenh\u00e4user Stra\u00dfe zum afrikanischen Restaurant. Dann wurde es tzur &#8222;Musikkneipe&#8220;. In meinen Erinnerungen geh\u00f6rt das &#8222;Krokodil&#8220; jedoch zu den unvergesslichen <a href=\"http:\/\/lokale.marburgviews.de\">legend\u00e4ren Lokalen in Marburg<\/a>.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von 1986 bis 1992 wohnte ich in Weidenhausen. Das &#8222;Krokodil&#8220; war damals mein Stammlokal.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3,4],"tags":[1863,4264,2044],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-2Fr","jetpack-related-posts":[{"id":10892,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10892","url_meta":{"origin":10257,"position":0},"title":"Blitz-Imbiss: Am Br\u00fcckenkopf Bratwurst mit Br\u00f6tchen beim Bier","date":"16. Oktober 2022","format":false,"excerpt":"Mit der Aufnahme meines Studiums wurde ich 1978 zum Stammgast im \"Blitz-Imbiss\". Das Schnellrestaurant war damals eine kosteng\u00fcnstige Alternative zum \"Mensa-Fra\u00df\". 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