{"id":10168,"date":"2022-07-20T10:58:30","date_gmt":"2022-07-20T08:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=10168"},"modified":"2022-07-20T10:58:30","modified_gmt":"2022-07-20T08:58:30","slug":"in-den-alt-keller-der-lumpensamler-der-marburger-kneipen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=10168","title":{"rendered":"In den Alt-Keller: Der &#8222;Lumpensamler&#8220; der Marburger Kneipen"},"content":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren gab es in Marburg nur zwei Kneipen mit Nachtkonzession. Eine davon war der &#8222;Alt-Keller&#8220;. <!--more--><br \/>\nDer &#8222;Alt-Keller&#8220; befand sich direkt an der Kreuzung vor der Elisabethkirche. In diesem Haus residiert heute der &#8222;Elisabeth-Braukeller&#8220;. Zwischendurch trug die Kneipe auch einmal den Namen &#8222;Alt-Berlin&#8220;.<br \/>\nMit dem einstigen &#8222;Alt-Keller&#8220; ist der heutige &#8222;Elisabeth-Braukeller&#8220; jedoch kaum zu vergleichen. Dort, wo sich heute die Gaststube befindet, wurden damals B\u00fccher verkauft. Der &#8222;Alt-Keller&#8220; befand sich in dem Kellergew\u00f6lbe unter der Buchhandlung.<br \/>\nW\u00e4hrend man heute \u00fcber eine Treppe von der Ketzerbach in die Gaststube steigt und dann dort drinnen in das Gew\u00f6lbe hinabsteigen kann, f\u00fchrte fr\u00fcher eine Treppe direkt von der Stra\u00dfe aus hinab. Die T\u00fcr zur Ketzerbach hin hatte die Form eines gro\u00dfen Weinfasses. Unten konnte man sich nach rechts in die Gaststube wenden oder gegen\u00fcber der Stiege am Tresen Platz nehmen.<br \/>\nKam man vor 23 Uhr abends in den &#8222;Alt-Keller&#8220;, herrschte dort eher eine ruhige Gelassenheit vor. Erst nach Mitternacht f\u00fcllte sich der Gastraum allm\u00e4hlich. Nach 1 Uhr wurde es dann richtig voll.<br \/>\nAlle Kneipen in der Oberstadt mussten um 1 Uhr schlie\u00dfen. Die &#8222;Polizeistunde&#8220; wurde konsequent durchgesetzt. Hielt sich ein Wirt nicht daran, riskierte er seine Schankkonzession.<br \/>\nNur der &#8222;Alt-Keller&#8220; an der Elisabethkirche und eine weitere Kneipe an der Frankfurter Stra\u00dfe besa\u00dfen eine &#8222;Nachtkonzession&#8220;. Sie durften bis 3 Uhr Alkohol und andere Getr\u00e4nke ausschenken. Dank dieses Privilegs versammelte sich <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=10157\">Marburgs &#8222;Intelligenz&#8220;<\/a> ab 1 Uhr im &#8222;Alt-Keller&#8220;.<br \/>\nAus den verschiedensten Kneipen der Oberstadt str\u00f6mten die Zecher nach Mitternacht den Steinweg hinab. Im &#8222;Alt-Keller&#8220; wurde weiter getrunken und mitunter auch weiter geturtelt. W\u00e4hrend dort normalerweise bekannte Popsongs \u00fcber die Anlage vorgespielt wurden, wurde einmal auch klassische Oper und Operette gesungen.<br \/>\nAn einem der beiden gro\u00dfen runden Tische gleich rechts neben der Treppe sa\u00df eine fr\u00f6hliche Runde von vielleicht acht Leuten. Irgendwann stand einer auf und begann, Opernarien zu schmettern. Vor allem aber brachte er mit professioneller Ausdruckskraft auch bekannte Operettenschlager zu Geh\u00f6r.<br \/>\nMit einer ungef\u00e4hr gleich gro\u00dfen Gruppe sa\u00df ich am Nebentisch. Erst erstaunt und dann gegeistert, horchte ich auf den Gesang des Tenors. &#8222;Ja, ja, der Chianti-Wein&#8220;, sang er oder das Lied vom Schweinehirten.<br \/>\nDie gesamte Kneipe applaudierte und forderte Zugaben. Acht oder neun Lieder trug der Tenor gekonnt vor, bevor er sich wieder hinsetzte und zu seinem Bierglas griff. Wer dieser Mann gewesen ist, wei\u00df ich bis heute nicht, wohl aber, dass er ein absolut professioneller K\u00f6nner war.<br \/>\n\u00dcber F\u00e4higkeiten ganz anderer Art verf\u00fcgte Jochen. Der blinde Rechtsanwalt war Stammgast im &#8222;Alt-Keller&#8220;. Dort oder in unmittelbarer Umgebung lernte er auf seine ganz eigene Weise junge Frauen kennen, die ihn um 3 Uhr nach Hause begleiteten und gelegentlich dann dort auch \u00fcber Nacht blieben.<br \/>\nGelungen ist ihm das, indem er &#8211; vermutlich absichtlich, vielleicht aber auch im Suff &#8211; seinen wei\u00dfen Langstock in der Kneipe zur\u00fccklie\u00df. Drau\u00dfen bat er dann eine junge Frau, ihn nach Hause zu bringen, da er seinen Taststock verloren habe. Diese Masche zog nahezu immer.<br \/>\nDer kr\u00f6nende Abschluss im Bett war dann allerdings Gl\u00fcckssache. Aber Jochen hatte h\u00e4ufig Gl\u00fcck. Der Wirt des &#8222;Alt-Kellers&#8220; hingegen hatte schon elf St\u00f6cke von Jochen hinter der Theke liegen, die der Besitzer jedoch nie abholte.<br \/>\nAn seinen Kommilitonen Jochen erinnerte sich auch Reporter-Legende <a href=\"http:\/\/marnews.de\/9745\/\">Manni Breuckmann bei einem Vortrag am 19. September 2014<\/a> im Ristorante &#8222;Colosseo&#8220;: &#8222;Man sagt ja, bei Blinden bildet sich anstelle des Sehsinns ein anderes Organ besser aus. Bei Jochen war das unzweifelhaft die Leber.&#8220;<br \/>\nAngesichts der Vielzahl der &#8211; im &#8222;Alt-Keller&#8220; hinterlassenen &#8211; Blindenst\u00f6cke ist Jochen irgendwann auf den Hund gekommen. Mit seinem F\u00fchrhund ist er nach S\u00fcdhessen gezogen, hat geheiratet und Kinder bekommen. Ebenso wie er lebt auch der &#8222;Alt-Keller&#8220; heute nur noch in meinen Erinnerungen an <a href=\"http:\/\/lokale.marburgviews.de\">legend\u00e4re Lokale in Marburg<\/a>.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren gab es in Marburg nur zwei Kneipen mit Nachtkonzession. Eine davon war der &#8222;Alt-Keller&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3,4],"tags":[4227,1863,4228],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-2E0","jetpack-related-posts":[{"id":10363,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10363","url_meta":{"origin":10168,"position":0},"title":"Bistro Caveau: Vor 40 Jahren eine Tropfsteinh\u00f6hle","date":"13. August 2022","format":false,"excerpt":"Von 1979 bis 1982 war das \"Caveau\" mein Stammlokal. Damals war diese Kellerkneipe eine echte Tropfsteinh\u00f6hle. 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