{"id":10157,"date":"2022-07-19T09:40:37","date_gmt":"2022-07-19T07:40:37","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=10157"},"modified":"2022-08-14T17:53:43","modified_gmt":"2022-08-14T15:53:43","slug":"zum-schwarzen-walfisch-dummheit-frisst-intelligenz-saeuft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=10157","title":{"rendered":"Zum schwarzen Walfisch: Dummheit frisst, Intelligenz s\u00e4uft"},"content":{"rendered":"<p>Jahrzehntelang war &#8222;der wal&#8220; eine der ber\u00fchmtesten Kneipen Marburgs. Ber\u00fcchtigt war er vor Allem wegen der politischen Orientierung seiner G\u00e4ste. <!--more--><br \/>\nGenau genommen hie\u00df die Kneipe &#8222;Zum schwarzen Walfisch&#8220;. Genannt wurde das Lokal jedoch immer nur &#8222;der Wal&#8220; Diese Kneipe befand sich am Rudolphsplatz bei der Einm\u00fcndung des Pilgrimstein unmittelbar neben der M\u00fchltreppe hinauf zum Kornmarkt.<br \/>\nNachdem es zwischenzeitlich ein indisches Restaurant gewesen war, tr\u00e4gt das Lokal heute den Namen &#8222;Mocca&#8220;. Mit dem legend\u00e4ren &#8222;Schwarzen Walfisch&#8220; kann man die Nachfolger aber in keinster Weise auch nur ann\u00e4hernd vergleichen.<br \/>\nZwischen 1903 und 1911 war in dem Haus Pilgrimstein 31 der Schlachthof mit Gastwirtschaft gewesen. Sp\u00e4ter wurde der &#8222;Wal&#8220; f\u00fcr viele Jahre zur Stammkneipe der orthodoxen Stalinisten und Leninisten von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrer &#8222;B\u00fcndnisorganisationen&#8220;.<br \/>\nIm &#8222;Wal&#8220; wurde debattiert, politisiert und polemisiert. Nach der alten Redensart &#8222;Dummheit frisst, Intelligenz s\u00e4uft&#8220; war dort fast allabendlich Marburgs Intelligenz versammelt.<br \/>\nF\u00fcr Spontis wie mich war es an und ab ein herrliches Vergn\u00fcgen, mit den &#8222;Spacken&#8220; vom Marxistischen Studentenbund &#8222;Spartakus&#8220; (MSB) zu diskutieren. Manche Jungsozialisten oder Gr\u00fcne gingen gelegentlich dorthin, um ihre Argumente an den &#8222;real existierenden&#8220; Anh\u00e4ngern der DDR zu sch\u00e4rfen. Andere hatten auch weltanschauungs\u00fcbergreifende Freundschaften mit &#8222;Wal&#8220;-G\u00e4ngern gekn\u00fcpft.<br \/>\n&#8222;Narben-Pit&#8220; erz\u00e4hlte dort jungen Spartakistinnen abenteuerliche M\u00e4rchen \u00fcber die Herkunft der Narbe in seinem Gesicht. Angeblich habe er sie bei einer Auseinandersetzung mit Nazis erworben, behauptete er einmal. Ein anderes Mal war es angeblich ein &#8222;Gefecht mit Bullen&#8220; gewesen.<br \/>\nH\u00e4ufig gelang es ihm, die bewundernd blickenden Studentinnen nachhause abzuschleppen. Garantiert hat er ihnen niemals die Wahrheit gestanden. Die Narbe im Gesicht des sp\u00e4teren Bremer B\u00fcrgerschaftsabgeordneten stammte n\u00e4mlich in Wirklichkeit von einem Verkehrsunfall.<br \/>\nIm Wal sa\u00dfen Studentinnen und Studenten, aber vereinzelt auch Professoren und &#8211; sehr selten ausnahmsweise auch &#8211; Arbeiter. Zwar behaupteten die meisten Stammg\u00e4ste des &#8222;schwarzen Walfischs&#8220; immer energisch, sie f\u00e4nden die Arbeiterklasse einfach klasse, doch wenn sich ausnahmsweise einmal ein real existierender Vertreter des Prekariats in den &#8222;Wal&#8220; verirrte, h\u00f6rten viele der &#8211; an Eloquenz gewohnten &#8211; Anh\u00e4nger des &#8222;real existierenden Sozialismus&#8220; ihm nicht gerade lange zu. Reden waren sie ohnehin meist mehr gewohnt als Zuh\u00f6ren.<br \/>\nDie Atmosph\u00e4re im &#8222;Wal&#8220; war die eines Bahnhofswartesaals mit kahlen W\u00e4nden. An langen Holztischen standen einfache Holzst\u00fchle. Der Fu\u00dfboden war aus Stein. Aber das Ger\u00e4usch des Geredes \u00fcbert\u00f6nte alles Andere und sorgte f\u00fcr eine lebhafte Atmosph\u00e4re.<br \/>\nDie \u00fcbersch\u00e4umenden Bierkr\u00fcge waren gro\u00df und meist sehr schnell wieder leer. Die Abende waren lang und der weltschmerz gro\u00df. Die &#8222;Genossen&#8220; von der DKP waren nat\u00fcrlich in allen wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen immer auf der &#8222;richtigen Seite&#8220; der Geschichte.<br \/>\nWenn ich nach dem vierten oder f\u00fcnften Bier neben einem solchen &#8222;Kommunisten&#8220; die Stufen vor dem Wal hinabstieg zum Gehweg und dann mit ihm an der Ampel \u00fcber die Stra\u00dfe hin\u00fcberging zum Luisabad, dann konnte es gelegentlich passieren, dass er mir gestand, er teile die offizielle Position der DKP zur Atomkraft nicht. Auch atomkraftwerke in der DDR seien n\u00e4mlich gef\u00e4hrlich, wie ich es ohnehin immer schon gesagt hatte.<br \/>\nManchmal waren die &#8222;Verbr\u00fcderungen&#8220; mit den besoffenen &#8222;Genossen&#8220; beinahe r\u00fchrend. Oft mussten wir Spontis &#8222;die blauen Roten&#8220; vor antikommunistischen Angriffen verteidigen und daf\u00fcr die Antwort einstecken: &#8222;Geh doch r\u00fcber!&#8220;<br \/>\nWir spontis wollten nie und nimmer dorthin. Die meisten Anh\u00e4nger der DKP sind auch im Westen geblieben. Dennoch haben sie irgendwann nach dem Mauerfall ihre einstigen &#8222;Genossen&#8220; und damit zugleich auch ihr Stammlokal verleugnet, was dem &#8222;Schwarzen Wal&#8220; damit schwarze Tage und am Ende auch das endg\u00fcltige Aus beschert hat.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrzehntelang war &#8222;der wal&#8220; eine der ber\u00fchmtesten Kneipen Marburgs. Ber\u00fcchtigt war er vor Allem wegen der politischen Orientierung seiner G\u00e4ste.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3,4],"tags":[265,1863,4222],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-2DP","jetpack-related-posts":[{"id":10178,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=10178","url_meta":{"origin":10157,"position":0},"title":"Als Einziger: Quengeln und quatschen im Quod","date":"21. Juli 2022","format":false,"excerpt":"Anfang der 80er Jahre er\u00f6ffnete im S\u00fcdviertel das \"Quodlibet\". Alle nannten diese Kneipe nur \"Quod\". 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