Schreiben statt schweigen: Lesung aus den Tagebüchern von Friedrich Kellner

„Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“ lautet der Titel der Tagebücher von Friedrich Kellner. Auszüge daraus wurden am Dienstag (22. September) im UND Marburg vorgelesen.
Das Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus hat die szenische Lesung aus Friedrich Kellners Tagebüchern der Jahre 1938 bis 1945 präsentiert. Vorgelesen wurden die Texte des Laubacher Justizinspektors von Chris Sima, Dr. Hans Josef Schöneberger und Dr. Georg Dietrich Falk, der die vorgetragenen Passagen auch aus den Tagebüchern ausgewählt hatte. Die Tagebücher sind Zeugnisse des aufrechten Gangs eines Deutschen im NS-Staat.
Kellner lebte von 1885 bis 1970. Als Justizinspektor leitete er von 1933 bis 1947 die Geschäftsstelle des Amtsgerichts Laubach. Von 1939 bis 1945 führte er heimlich ein Tagebuch. Es besteht aus zehn Heften mit über 800 Seiten.
„Das war mein Widerstand“, erklärte Kellner einst dazu. „Es war die einzige Möglichkeit, die mir noch blieb, um Terror und Gesetzlosigkeit zu bekämpfen. In der Gegenwart konnte ich damals die Nazis nicht mehr bekämpfen, also entschloss ich mich, sie in der Zukunft mit diesem Tagebuch zu bekämpfen, um künftigen Generationen eine Waffe gegen jede Wiederholung solcher Untaten zu geben.“
Die vorgetragenen Textpassagen bestanden überwiegend aus Kommentaren zu aktuellen Ereignissen der späten 30er und frühen 40er Jahre. Gelegentlich schilderten sie auch Alltagsereignisse aus Kellners Umfeld. Wiederholt beschreibt er allerdings das Verhalten und die Aussagen von Richtern, die sich das nationalsozialistische „Rechtsempfinden“ zu eigen gemacht hatten. Deutlich wird dabei, dass der Rechtsstaat nationalsozialistischer Willkür weichen musste und sich viele Zeitgenossen willig zu Mitläufern oder Unterstützern des Terroregimes machten.
Mittunter beleuchtet Kellner in seinen Tagebüchern auch Aussagen aus Tageszeitungen oder dem Rundfunk sowie deren Sprache. Wie ein roter Faden zieht sich dabei seine Hoffnung durch die Texte, dass alle Verbrechen einmal gesühnt werden müssen. Oft erweisen sich seine Einschätzungen der Entwicklungen in Gesellschaft und Kriegsverlauf als sehr weitsichtig. Oft sind seine Aussagen sehr klar, wenn er beispielsweise feststellt, dass die Greueltaten der Nazis nie mehr vergessen werden dürften.
Dass sich dergleichen nie wieder wiederholen darf, war ein wesentlicher Grund für die Niederschrift, mit der sich Kellner durchaus in Gefahr gebracht hat. Allerdings hielt Falk es für eher unwahrscheinlich, dass die Geheime Staatspolizei (GeStaPo) der Nazis seine Dienstwohnung im Obergeschoss des Gerichtsgebäudes durchsucht hätte. Letztlich fehlen aber viele Informationen über Kellners Privatleben.
In seinen Tagebüchern berichtet er aber selber von „Gardinenpredigten“ der Gerichtspräsidenten und Verwarnungen durch Parteifunktionäre. Falk fügte eine Information hinzu, wonach die Nazis überlegt hatten, ihn einem Disziplinarverfahren zu unterziehen oder ihn in ein Konzentrationslager zu bringen. Offenbar fürchteten sie aber das Aufsehen, das eine solche Maßnahme erregt hätte.
Lange nach Kriegsende händigte Kellner die Hefte seinem Enkelsohn aus, den sein Sohn in den Vereinigten Staaten von Amerika bekommen hatte und der sich auf die Suche nach den Großeltern begeben hatte. Robert Kellner stellte daraus ein Buch in englicher Sprache zusammen. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden die Tagebücher 2005 mit einer Ausstellung im texanischen College Station, die der ehemalige US-Präsident George Bush senior eröffnete. Auf Deutsch ist das Buch erst im Jahr 2011 erschienen.
In der abschließenden Gesprächsrunde mit dem Publikum stand die Frage im Mittelpunkt, welche Lehren Kellners Tagebücher für die Gegenwart bereithalten. Falk zeigte sich überzeugt, dass die heutige Justiz im Gegensatz zu damals größtenteils von Richterinnen und Richtern getragen wird, die demokratische Werte und den Rechtsstaat verteidigen. Allerdings sieht er durchaus auch die Gefahr, dass Drohungen und Anpassungsdruck dieses demokratische Engagement einschränken können.
Geäußert wurde zudem der Wunsch, dass nicht nur ältere Bürgerinnen und Bürger diese Lesung miterleben könnten, wie es beim ersten Termin am Dienstag (22. September) überwiegend der Fall war. Angeregt wurden auch Lesungen in Schulen sowie auch in Laubach. Die nächste Lesung ist indes für Freitag (25. September) um 19 Uhr erneut im UND Marburg am Steinweg terminiert.

* Franz-Josef Hanke

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